Samstag, 18. Januar 2020

So bleiben Sie fit im Büro Sitzen ist das neue Rauchen, Stehen ist das neue Sitzen

Fit im Büro: Ein Laufband als Schreibtisch
manager magazin online

Sitzen galt bisher als das neue Rauchen - Menschen, die viel sitzen, sterben früher, egal wie viel sie sich sonst bewegen, so glaubte man. Doch nun zeigt eine große Studie: Zwar könnte Bewegung wichtigen Schutz bieten, bei der Büroarbeit zu stehen, gilt aber nicht.

Die Deutschen sitzen zu viel. Daran wird auch diese Studie nichts ändern - und trotzdem stellt sie Grundlegendes infrage.

So deutete bislang viel darauf hin, dass zu langes Sitzen schlecht für die Gesundheit ist - egal, wie viel Sport man sonst macht. Doch laut einer großen Untersuchung stimmt die Sitztheorie so gar nicht.

Melvyn Hillsdon von der University of Exeter und Kollegen haben Daten zu den Lebensgewohnheiten und dem Gesundheitszustand von gut 5100 Londoner Verwaltungsangestellten ausgewertet. Über 16 Jahre hinweg gaben die Probanden in regelmäßigen Abständen an, wie viel Zeit sie pro Woche etwa im Büro, im Auto oder in ihrer Freizeit im Sitzen verbringen.

Bis zum 31. Juli 2014 waren 450 Mitglieder der Gruppe gestorben. Konkret entdeckten die Forscher keinen Zusammenhang zwischen den Sitzgewohnheiten und dem Sterberisiko der Studienteilnehmer. Das führen sie auf eine Besonderheit der Studiengruppe zurück: Mit im Schnitt 43 Minuten am Tag seien die Probanden insgesamt mehr als doppelt so lang zu Fuß unterwegs gewesen wie der Durchschnittsbrite, schreiben sie im "International Journal of Epidemiology".

Demnach könnte Bewegung doch einen Schutz vor den gesundheitlichen Folgen von ständigem langen Sitzen bieten - deshalb arbeiten manche Leute schon im Gehen. Andersherum formuliert: "Jede ruhende Position, in der der Energieverbrauch gering ist, könnte schädlich für die Gesundheit sein, sei es Sitzen oder Stehen", sagt Hillsdon.

Zweifel am Nutzen von Stehtischen

Zuvor hatten zahlreiche Studien darauf hingedeutet, dass langes Sitzen das Risiko für Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes und manche Krebsformen erhöht und damit Lebensjahre kostet - und das unabhängig davon, wie viel man sich sonst bewegt. Die logische Konsequenz: Forderungen nach mehr hochfahrbaren Tischenund Stehpults in Büros wurden laut, Arbeitnehmer sollen zum Aufstehen animiert werden.

Die aktuellen Ergebnisse riefen nun Zweifel am Nutzen von höhenverstellbaren Tischen hervor, so die Forscher. Ärzte sollten künftig vorsichtig sein, Sitzen unabhängig von Bewegungsmangel als Risikofaktor für einen früheren Tod anzuerkennen.

Gleichzeitig sagt die Studie aber nichts darüber aus, inwiefern Stehtische bei konkreten Leiden, etwa im Rücken, hilfreich sein können. Auch müsse noch geklärt werden, wie genau sich langes Sitzen auf die Stoffwechselprozesse im Körper auswirkt. So hatten kleinere Untersuchungen (etwa hier und hier) gezeigt, dass sich die Art, wie Zucker im Körper verwertet wird, im Sitzen und Stehen oder Gehen unterscheidet.

Fest steht: Wer viel sitzt, sollte seine Position regelmäßig verändern, um einseitige Belastung im Rücken zu vermeiden. Auch Aufstehen, Herumlaufen oder ein paar Treppen zu steigen, kann dabei helfen. Insgesamt gilt: Bewegung, ausgewogene Ernährung und ein normales Körpergewicht bleiben die wichtigsten Voraussetzungen für ein möglichst langes und gesundes Leben.

Details zur Studie
So lief die Studie ab
Daten von 3720 Männern und 1412 Frauen aus der Whitehall II Studie wurden ausgewertet. Für die Untersuchung protokollieren Forscher seit 1985 die Lebensgewohnheiten und den Gesundheitszustand der zu Beginn der Studie 35 bis 55-Jährigen, die alle im öffentlichen Dienst in London arbeiten, aber unterschiedliche Aufgaben und Karrierestufen erreicht haben.
Die Sitzgewohnheiten wurden erstmals zwischen 1997 und 1999 erfasst und in den folgenden Jahren immer wieder überprüft. Die Forscher wollten jeweils von den Studienteilnehmern wissen, wie viele Stunden sie pro Woche beispielsweise auf der Arbeit sitzen, im Auto, vor dem Fernseher oder am heimischen Schreibtisch.
In die Studie wurden nur Probanden einbezogen, die zu Beginn keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten und ansonsten so gesund waren, dass sie normal zur Arbeit gehen konnten. Sonstige Einflussfaktoren auf das Sterberisiko wie Rauchen, Alkoholkonsum und Ernährungsweise wurden in der Berechnung berücksichtigt.
Das sind die Ergebnisse
Im Studienverlauf von 16 Jahren starben 450 Probanden. Die Forscher fanden allerdings bei keinem einen Zusammenhang zwischen der Sitzdauer und der Lebensdauer - egal, ob sie in die Studie einrechneten, wie viel sich die Probanden insgesamt bewegt hatten oder nicht.
Da die Teilnehmer in der untersuchten Gruppe im Vergleich zur britischen Gesamtbevölkerung körperlich überdurchschnittlich aktiv sind, vermuten die Forscher einen Schutzeffekt durch Bewegung. Das widerspricht bisherigen Studien, die zum Ergebnis kamen, dass auch Sport Menschen, die jeden Tag stundenlang am Schreibtisch sitzen, nicht vor einem früheren Tod schützen kann.
Das kann die Studie nicht
Wie alle epidemiologischen Studien lässt sich kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Sitzen, der Bewegungsdauer und dem Todeszeitpunkt nachweisen. So wäre etwa denkbar, dass sich nicht das Sitzen an sich auf die Gesundheit auswirkt, sondern dass Menschen, die auf der Arbeit viel sitzen, mehr Stress haben - und Bewegung sie vor Stressreaktionen schützt.
Da Probanden für die Studie befragt wurden, ergeben sich auch daraus Unsicherheiten. Das Ergebnis kann durch ungenaue Angaben verfälscht werden, etwa, weil die Befragten sich bewusst oder unbewusst aktiver und gesünder darstellen, als sie es tatsächlich sind. Auch, dass nur Arbeitnehmer einer Branche befragt wurden, ist eine mögliche Fehlerquelle, auch, wenn die Gruppe in diesem Fall sehr groß war und unterschiedliche Gesellschaftsschichten abdeckt.
Wer hat's bezahlt?
Die Studie wurde vom britischen Medical Research Council, der British Heart Foundation, der Stroke Association, dem National Heart Lung and Blood Institute sowie dem National Institute on Aging finanziert. Außerdem hat das National Institute for Health Research die Auswertung der Daten mit finanziert.

 

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