Freitag, 6. Dezember 2019

Fitness-Studios der Zukunft Das Training wird immer individueller

Fitness: Schinden in der CrossFit-Box
Adrian Kubika

Fast jeder zehnte Deutsche ist Mitglied in einem Fitnessstudio. Nie waren es mehr. Immer noch viel zu wenige, meint Herman Rutgers, Vorstandsmitglied der European Health & Fitness Association. Der Dachverband der Fitnessbranche will die Mitgliederzahl europaweit bis 2025 verdoppeln.

mm: Herr Rutgers, wie fit ist Europa?

Rutgers: Leider nicht sehr fit. Es kommt natürlich darauf an, was wir unter Fitness verstehen. Es geht gar nicht um hartes Krafttraining, oder Spinning. Uns geht es zunächst um ein Minimum sportlicher Aktivität. Sich einmal am Tag 30 Minuten leicht bewegen. Das kann spazieren gehen sein, oder gemütlich mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren. Aber mehr als die Hälfte der Europäer, nämlich 60 Prozent, erfüllen nicht einmal dieses Minimum an Bewegung.

mm: Wer bewegt sich am meisten, wer am wenigsten?

Rutgers: Je nördlicher, desto aktiver. Deutschland liegt genau in der Mitte. In Skandinavien bewegen sich die Menschen viel. Dort ist auch die Quote der Fitnessstudiogänger am höchsten. Sie liegt bei 33 Prozent. In Deutschland bei 10,6 Prozent. Schlusslichter sind die südlichen Länder und Polen mit etwa 2 Prozent, wie unsere Studie "The Future of Health & Fitness - A Plan for getting Europe Active by 2025" zeigt.

mm: Wobei die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio noch nichts darüber aussagt, ob die Kunden auch hingehen und fit sind...

Rutgers: Das stimmt. In Deutschland gehen rund 30 Prozent der Studiomitglieder nicht oder selten zum Training. Da gibt es noch Nachholbedarf.

mm: Woher kommen die Länderunterschiede?

Rutgers: Es hat viel mit Bildung zu tun. Umso aufgeklärter und geschulter die Menschen sind, umso mehr sie über Bewegung und deren Nutzen wissen, desto mehr tun sie auch. In vielen Grundschulen in Deutschland, Holland und Frankreich wurden beispielsweise die Sportstunden reduziert. Das ist bedenklich.

mm: Aber auch in Südeuropa und Polen dürften die Menschen wissen, dass Bewegung gesund ist!

Rutgers: Es ist natürlich auch ein wirtschaftlicher Faktor. Sport kostet Geld. Der Fitnessclub kostet, der Fußballverein auch. In Ländern mit höherem Durchschnittseinkommen und starker wirtschaftlicher Entwicklung wird mehr Sport betrieben. In Indien zum Beispiel liegt die Quote bei unter einem Prozent.

mm: Vor die Tür gehen und joggen kann jeder unabhängig vom Einkommen. Warum wollen sich so viele Menschen offenbar trotzdem nicht bewegen?

Rutgers: Der Klassiker: Sie sagen, dass sie keine Zeit haben. Oder, dass sie bei sich in der Nähe keine guten Möglichkeiten haben. Bei vielen kommt auch Faulheit und Gewohnheit hinzu. Es ist wie mit dem Rauchen. Ich weiß, dass Rauchen schlecht für mich ist, aber ich tue es trotzdem. Ich kann es nicht lassen. Ähnlich verführerisch ist die Couch. Man muss sich schon etwas anstrengen, sich die Turnschuhe anziehen und raus gehen. Auch in Deutschland ist das noch ein großes Problem. Die Menschen kommen von der Arbeit nach Hause, legen sich vor den Fernseher und trinken zuckerhaltige Getränke.

mm: Offenbar dauert es eine Weile, bis das Wissen in Handeln umschlägt...

Rutgers: Ja, bei dem Rauchen hat auch lange gedauert. In den USA haben sich Politiker 1964 hingestellt und dem Volk gesagt, dass Rauchen schädlich ist und sie davon Lungenkrebs bekommen können. Das ist fast fünfzig Jahre her. Aber erst seit zehn Jahren ist Rauchen in Gaststätten nicht mehr erlaubt. Erst seit wenigen Jahren stehen Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln. Beim Fitness ist es genauso. Es dauert, bis es sich in den Köpfen verankert hat.

mm: Was muss passieren, damit die sportliche Aktivität steigt?

Rutgers: Ich glaube, dass die Menschen finanzielle Anreize brauchen. Wer sich bewegt, sollte einen Bonus kriegen. Wer sich umgekehrt nicht bewegt, sollte mehr in die Krankenkasse einzahlen. Dank der heutigen Technik, denken Sie alleine an Schrittzähler, ist der Bewegungsgrad der Menschen messbar geworden. Am Ende ist aber jeder gefragt: die Krankenkassen und Ärzte genauso, wie Politiker und Unternehmen.

mm: In Deutschland geht fast jeder Zehnte ins Fitnessstudio. Die Quote lag noch nie höher. Ist das nicht ein Erfolg?

Rutgers: Nein. Denn das heißt, dass 90 Prozent nicht gehen. Wenn wir diejenigen abziehen, die außerhalb des Studios Fitness betreiben, sind wir bei 85 Prozent. Deutschland liegt europaweit bisher nur im Mittelfeld. Ich habe schon den Norden positiv erwähnt: In Schweden sind 33 Prozent in einem Studio angemeldet. Sie haben genauso wenig Zeit und genauso viel Geld wie die Deutschen. In den USA gehen 18 Prozent der Bevölkerung in ein Fitnessstudio, in Holland immerhin 16 Prozent. Da gibt es in Deutschland noch Wachstumspotenzial.

mm: Fitnessstudios wachsen wie Pilze aus dem Boden. Es gibt viele preisgünstige Discounter und Angebote für jeden Geschmack. Was sollen die Fitnessstudios noch machen, um Kunden anzulocken?

Rutgers: Die meisten Studios werben über Geld, gehen nur über den Preis. Sie sagen zum Beispiel: Bring deinen Partner mit, dann zahlst du nur die Hälfte. Die Strategie greift zu kurz. Die Studios müssen ihre potenziellen Kunden davon überzeugen, dass sie etwas Gutes für sich tun und in ihre Gesundheit investieren, wenn sie Mitglied werden.

mm: Aber eben sagten Sie noch, dass finanzielle Reize wichtig sind!

Rutgers: Ja, aber nicht, wenn das Produkt am Ende von schlechter Qualität ist. Jemand, der zehn Kilo abnehmen will, braucht einen Coach an der Seite, der ihm auf seinem Weg hilft. Der ihm erklärt, wie er trainieren und was er essen soll. Der ihn auch korrigiert und motiviert. Was bringt es mir, wenn ich im Monat nur einen Mitgliedsbeitrag von 19,95 Euro zahle, aber keine Betreuung bekomme? Keine Anleitung oder Korrektur? Dann bleiben für viele die Erfolge aus und sie kommen nicht mehr. Qualität kostet. Aber selbst die etwas teureren Studios können sich heute viele leisten. Fitness ist in Deutschland und weiten Teilen Europas keiner elitären Gruppe vorbehalten.

mm: Die European Health & Fitness Association will die Mitgliederzahl bis 2025 europaweit erhöhen. Wie kann das gelingen?

Rutgers: Ich denke, die technischen Möglichkeiten sollten besser genutzt werden. Man könnte die Menschen über Apps locken. Wer länger nicht beim Training war, könnte eine Nachricht auf sein Handy bekommen: Herman, lass dich doch mal wieder bei uns blicken!

mm: Trends kommen und gehen: erst sind alle zum Aerobic gerannt, heute machen sie Zumba. Erst waren es Kraftmaschinen, jetzt TRX-Bänder. Wie sieht das Fitnessstudio der Zukunft aus?

Rutgers: In zehn Jahren gibt es nicht mehr das Fitnessstudio. Es wird immer Discounter geben, aber die Fitnesslandschaft wird sich zunehmend ausdifferenzieren und auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet sein. In den USA gibt es zum Beispiel schon das Konzept "Nifty after Fifty". Das sind Clubs für über 50-Jährige. Die Musik ist angepasst, die Trainer sind ehemalige Gymnastiklehrer. Im Zuge des demografischen Wandels werden solche Konzepte auch hier eine wichtige Rolle spielen. Es wird darüber hinaus Fitnessclubs für Kinder geben. Aber wir werden in zehn Jahren nicht mehr von Fitness sprechen, sondern von Health, Wellness und Lifestyle. Die Fitnessclubs werden zu Aktivitätszentren mit Ernährungsberatung und Anti-Stress-Coaching. Sehr individuell. Personal Training wird bleiben.

mm: Aber einen eigenen Trainer können sich doch wieder nur bestimmte Gruppen leisten.

Rutgers: Das stimmt. Aber Individualität wird auch zunehmend anders hergestellt. Über Apps und Online-Angebote. Dann hast du auf deinem Handy dein Programm, mit deiner Musik, an dich und dein Level angepasst. Das wird immer mehr kommen. Gleichzeitig werden Studios als soziale Treffpunkte weiter eine Rolle spielen.

mm: Wird es mehr Angebote für Zuhause oder für das Büro geben?

Rutgers: Zumindest das betriebliche Gesundheitsmanagement wird immer wichtiger. Gesunde Mitarbeiter sind produktiver. Das haben viele Unternehmen inzwischen verstanden.

mm: Ist der Schlüssel einer gesunden Gesellschaft nicht viel einfacher? Einfach öfter das Auto stehen lassen und zu Fuß gehen?

Rutgers: Klar. Es wäre schön, wenn die Menschen das täten. Aber sie machen es in der Mehrheit nicht. Sie müssen gelockt und überzeugt werden, um schließlich umzudenken.

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