Samstag, 20. Juli 2019

Wie Vernetzung uns vergiftet Das Privileg, offline zu sein

Top Ten: So gelingt die digitale Selbstbestimmung
REUTERS

2. Teil: Wie die Vernetzung uns vergiftet

Aber Geschichten wie die von Anthony zeigen, dass man auch zu viel davon bekommen kann - so wie Essen zum Leben gehört, aber zu viel davon dick und krank macht. "Informationsüberflutung" (Information overload), diesen Begriff prägte der Futurologe Alvin Toffler (1928-2016) in seinem Buch "Future Shock" nicht zufällig zu Beginn der digitalen Revolution im Jahre 1970. Seither haben immer mehr Menschen erkannt, dass ein Übermaß an Information weder glücklich noch klug macht. "Die durch moderne Technologien erzeugte Informationsflut droht deren Adressaten in Passivität versinken zu lassen", so der amerikanische Soziologe Richard Sennett.

In einer einzigartigen Studie hat Mariann Hardey gemeinsam mit ihrem Fachkollegen Rowland Atkinson von der University of Sheffield die Geschichten von Menschen dokumentiert, die den Verlockungen des Online-Lebens entsagt haben. Es sind keine Leute, die zu arm sind oder zu abgelegen leben, um an der digitalen Welt teilzunehmen. Es sind Leute, die sich bewusst gegen diese Welt entschieden haben. Wohlhabende und gebildete Menschen, die voll im Berufs- und Familienleben stehen, mit all ihren kommunikativen Zwängen. Und trotzdem entschieden sie sich dafür, sich "auszuklinken".

Wie findet man solche Menschen? Das war gar nicht so einfach. Hardey und Atkinson gaben eine Anzeige im "London Review of Books" auf: "Ausgeklinkt? Wollen Sie außerhalb des Informationszeitalters leben? Dann würden zwei Forscher gern mit ihnen reden." Sie fanden 50 Teilnehmer, 18 Frauen und 32 Männer, in zwölf Ländern - Großbritannien, Griechenland, Island, Australien, Italien und anderen - im Alter zwischen 19 und 68 Jahren. Deren Leben verfolgten die Forscher über einen Zeitraum von fünf Jahren. Die Kommunikation lief zum großen Teil über Postkarten und Festnetz-Telefon. Auch Anthony war unter den Teilnehmern.

Die Forscher wollten die Geschichten der Teilnehmer hören: Warum klinken sie sich aus? Hardey und Atkinson führten keine strukturierten Interviews mit ihnen, wie es Soziologen sonst oft tun. Sie gaben ihnen nicht vor, wie sie antworten sollten. Manche schickten Gedichte, andere eine CD mit Songs. So verschiedenartig die Antworten waren, ein Motiv tauchte immer wieder auf: die Toxizität der Vernetzung.

Die Teilnehmer erklärten, sie wären um ihr Wohlbefinden besorgt gewesen, um ihre geistige Gesundheit. Einige Teilnehmer gaben an, die Wirkung habe bis in ihre Familie ausgestrahlt. Digitale Vernetztheit habe negative Beziehungsmuster im Haushalt entstehen lassen und verstärkt. Sie benutzten Wörter wie "schädlich", "ungesund", "aufgezwungen" und "belastend". Sie berichteten davon, wie sie zu der Einsicht kamen, dass sie sich aus den Fängen der digitalen Netze befreien mussten, um ihre "echten" Beziehungen zu retten.

"Für viele war es eine tiefgreifende Veränderung ihrer Lebensweise", sagt Hardey, "um Beziehungen zu bilden, indem sie sich ausklinkten, wurde es notwendig für sie, sich von Menschen zu distanzieren, die so frenetisch vernetzt waren." Ein Mann namens Ben erzählt von seinem Abschied von Facebook: "Ich sagte "Sorry" zu meinen Freunden, als ich meinen Facebook-Account schloss. Ich fühlte mich "over-faced" mit der Kommunikation, und ich entschied mich, dass ich mich damit nicht mehr herumschlagen wollte. Ich glaube, ich schätzte einiges dort sehr wohl, doch im Fall von Facebook fühlte ich mich mit der Zeit ziemlich gestresst. Ich wollte zu einer besseren Art kommen, mich mit anderen Menschen zu verbinden."

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