Freitag, 13. Dezember 2019

White Collar Boxing Fight nach Feierabend

Manager-Boxen: Aus dem Büro in den Ring
Sarah J. Tschernigow

Stress im Büro? Die einen brüllen ins Telefon und knallen Türen. Die anderen schlagen zu. Zum White Collar Boxing Club in Hamburg kommen Manager und Unternehmer, um sich dem Zweikampf zu stellen: Mann gegen Mann. Steuerberater gegen Chefarzt. mmo-Autorin Sarah J. Tschernigow hat mitgeboxt.

Hamburg - Seilspringen, Hocksprünge, Hampelmann - all die Übungen aus der Schule sind im White Collar Boxing Club in Hamburg erst harmlose Erwärmung. Die Vorbereitung auf das Sparring, den Zweikampf im Ring. Zwölf Herren zwischen 20 und 50 Jahren schnaufen und schwitzen. In der Ecke macht einer einsam Liegestütze. "Er ist zu spät gekommen", erklärt Trainer Günter Turan und lächelt. "Pro Minute zwei Stück zur Strafe." Deshalb sind die meisten pünktlich.

Alle finden sich zu zweit zusammen und trainieren Schlagkombinationen, dann werden die Sandsäcke verprügelt. Der Trainer ruft: "Führhand, Schlaghand, Deckung! Dann ein Schwinger... und raus!" Rechts, links, oben, unten. Obwohl ich sportlich bin, schlägt mein Herz nach zehn Minuten so schnell wie ein Techno-Song.

Im Fernsehen sieht es immer so aus, als würden die Boxer mehr stehen als etwas tun. Aber die Kombination aus Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Reaktionsvermögen hat es in sich. Mir fallen gleich die Arme ab. Ich bin schnell platt und denke, ich hätte früher ins Bett gehen sollen, um fitter zu sein. Aber wie es so ist: Ich war den ganzen Tag unterwegs und hab gearbeitet. Bin von A nach B gerannt, hab mit Kunden telefoniert und Emails geschrieben.

Doch genau diese Ausrede zieht beim White Collar Boxing Club nicht. Wer hierher kommt, hat im Schnitt eine 50- bis 60-Stunden-Woche. Es sind keine angehenden Profiboxer, die hier trainieren, sondern Manager, Anwälte, Ärzte oder Steuerberater. Viele von ihnen in Führungspositionen.

Ein Vertriebsmanager als Kampfmaschine

Danny Pirnack gehört zu den richtig Fitten und boxt schon viele Jahre. Der 28-jährige Vertriebsmanager ist eine kleine durchtrainierte Kampfmaschine. Eine mit vollem Terminkalender. "Neben der Büroarbeit habe ich viele Kundentermine und Meetings am Abend", erzählt er. Trotzdem kommt er mehrmals die Woche. Wenn Montag nicht geht, dann eben Dienstag. "Ich brauch das einfach als Ausgleich."

Ausgleich. Das Wort bekomme ich heute noch öfter zu hören. Manche sagen sogar, dass sie das Boxen entspannt, weil sie dabei angestauten Druck rauslassen und den Kopf freikriegen können. Aber reicht es da nicht, eine Runde um den Park zu laufen? Ein paar Gewichte zu stemmen? Oder einfach mal auf die Couch zu legen?

Nein, meint Danny Pirnack, der Fitnessstudios langweilig findet. Er sagt sogar, dass ihm Boxen im Job weiterhilft und er viel gelernt hat. "Man kennt diese Situationen, wo man am Schreibtisch sitzt, dann klingelt das Telefon, ein Mitarbeiter kommt rein und will was. Alles auf einmal. Das ist dasselbe, wie wenn ich im Boxring stehe und angegriffen werde. Es geht darum, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen und kontrolliert zu reagieren."

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