Mittwoch, 22. Mai 2019

Schöner radeln Modisch mobil

Fahrradmode: Unterwegs mit Stil
Prêt-à-Vélo

Gut gekleidet sein und ernsthaft Fahrrad fahren - das schien lange ein Widerspruch zu sein. Doch das ändert sich. Renommierte Bekleidungshersteller und kleine Label entdecken den stilbewussten Alltagsradler und schneidern wasserdichte Einreiher und bewegungsfreundliche Beinkleider.

Berlin - Ein Zeitreisender aus den 1920er Jahren würde sich in Ulrich Gries Geschäft vermutlich problemlos zurecht finden. Die Fahrräder in seinem Laden sind klassisch geformt und dezent beschriftet, an einem Kleiderständer hängen karierte Knickerbockerhosen, Jacketts und Oberhemden. Die schmalen Sattel, ordentlich an der Wand drapiert, wurden aus Leder und Metall gefertigt.

Nur wer genau hinschaut, erkennt Details, die moderne Technologien verraten. Die Jacken und Hosen bestehen aus wasserabweisenden oder atmungsaktiven Materialien, mit wenigen Handgriffen lassen sich an Hosenbeinen und Ärmeln Reflektoren hervorzaubern. Der Motor eines E-Bikes verbirgt sich in einer Ledertasche, die restlichen Fahrräder haben hübsch getarnte, aber leistungsfähige Gangschaltungen.

"Prêt à Vélo - Fahrradkultur, Mode & Design" heißt das Geschäft, das Ulrich Gries in einer ruhigen Straße in Berlin-Mitte betreibt. Vor zwölf Jahren hat er sich nebenan mit einem Geschäft für Hollandräder selbstständig gemacht und beobachtet, dass die Nachfrage nach ansehnlicher Fahrradbekleidung steigt. "Das Rad hat als Fortbewegungsmittel einen völlig neuen Stellenwert bekommen", sagt der Ladeninhaber. "Immer mehr Menschen fahren das ganze Jahr über Fahrrad, weil es hier in der Stadt das schnellste und praktischste Fahrzeug ist. Umweltfreundlich und billig ist es auch."

Gries Kunden sind "stilbewusste Alltagsradler". Und weil es von ihnen immer mehr gibt, hat er einen zweiten Laden eröffnet, in dem er hauptsächlich Bekleidung und Accessoires verkauft. Lange Zeit richtete sich das Angebot an Fahrradbekleidung vor allem an Sportradler, die an Wochenenden Hunderte Kilometer abreißen oder Höhenmeter schinden. Sie können sich seit Jahrzehnten problemlos mit quietschbunten Trikots mit fetter Aufschrift, Spezialschuhen für Klickpedalen, federleichten Regenjäckchen, enganliegenden Lycra-Shorts (gerne mit wattiertem Schritt) sowie blinkenden Hosenklammern ausrüsten.

Gefütterte Regen-Jeans

Auch wenn solche Kleidungsstücke ästhetisch wenig zu bieten haben - sie sind nicht nur praktisch, sie erhöhen auch die Fahrsicherheit. Wer schon einmal mit nassen Sohlen an den Pedalen abgerutscht ist oder sich mit der geschlossenen Jacke im Sattel verhakelt hat, lernt funktionale Details wie den Kordelzug im Jackensaum schnell zu schätzen. Outdoor-Spezialisten wie Vaude beginnen erst langsam den Alltagsradler als interessante Klientel zu entdecken: Die meisten Teile der Kollektion sind nach wie vor bunt und hauptsächlich freizeittauglich.

Eine der Ausnahmen ist das "Men's Albury Jacket", ein wasserdichter Einreiher für den Sommer, dem man seine Funktionalität keineswegs ansieht. Für besonders unerfreuliches Schmuddelwetter bietet der Outdoor-Spezialist eine gefütterte Regenhose im "Jeans-Look" an. Die Kleidung entspricht strengsten ökologischen Reinheitsgeboten für Textilprodukte, was für das in der Regel umweltbewusste Radler-Klientel sicherlich ein zusätzlicher Pluspunkt ist.

Auch der britische Nobelausrüster "Rapha" hat neben seinen neonfarbenen Trikots und Radlerhosen zunehmend Alltagshosen und farblich unauffällige Shirts und Jacken im Sortiment, deren Reflektorenstreifen sich erst im Scheinwerferlicht zeigen. Interessante modische Impulse kommen im Moment vor allem von weitgehend unbekannten Labels wie "Brompton" oder "PeDAL ED", die schicke und wohl durchdachte Oberbekleidung auf den Markt bringen.

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