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Gesundheit: So spricht man Männer besser an

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Für ein längeres Leben Mann, bleib gesund!

Der Mann gilt als Sorgenkind der Gesundheitsexperten: Er lebt ungesünder und kümmert sich kaum um seine Gesundheit. Dass die Lebenserwartung dadurch sinkt, wird in Kauf genommen. Wie es dennoch gelingt, Männer für das Thema zu interessieren, davon berichtet mmo-Autorin Carola Kleinschmidt.

Hamburg - Männer gelten als Gesundheitsmuffel. Sie gehen erst zum Arzt, wenn es richtig weh tut und Vorsorgeuntersuchungen interessieren sie schlicht nicht. Wenn Männer Kummer haben, trinken sie eine Kiste Bier oder geben im Auto richtig Gas. Und krank fühlen sie sich schon aus Prinzip nicht.

Der Preis: Männer leben fünf bis acht Jahre kürzer als Frauen. Viel mehr Männer als Frauen sterben bereits vor dem 65. Lebensjahr. "Häufig handelt es sich um vermeidbare Sterbefälle, die durch Gesundheitsrisiken wie Rauchen, Fehlernährung, Bewegungsmangel und Alkohol bedingt sein", resümiert Doris Bardehle, Gesundheitswissenschaftlerin von der Universität Bielefeld. Dazu kommen noch hohe Raten von Männer-Tod durch Unfall oder Suizid.

Auf dem Gesundheitsohr scheint der Mann von heute also immer noch relativ taub zu sein. Das ganze Gerede über gesundes Leben, die Vorsorgeangebote der Krankenkassen - all das motiviert ihn offensichtlich nicht wirklich.

Männerkrankheiten werden oft tabuisiert

Ist der Mann also einfach selber Schuld an seiner gesundheitlichen Misere? Nicht ganz, geben Experten zu bedenken. Denn langsam wird klar, dass man jahrelang übersehen hat, dass der gesellschaftliche Blick auf den Mann die Rolle des starken, stets gesunden Geschlechtes immer weiter festschreibt, gesundheitsbewusstes Verhalten sabotiert: "Weil Männerkrankheiten mit geminderter Präsenz und Leistungsbereitschaft assoziiert sein können, werden sie von der Gesellschaft weitgehend tabuisiert", erklären Frank Sommer vom Lehrstuhl für Männergesundheit am Universitätsklinikum Eppendorf und Lothar Weißbach, wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Männergesundheit.

Dazu kommt: Die allermeisten Gesundheitsangebote und Aufklärungs-Medien sind auf Frauen zugeschnitten beziehungsweise auf Menschen, die bereits ein großes Interesse an Gesundheitsthemen haben. Die meisten Männer fühlen sich schlicht nicht angesprochen von einem Yoga-Kurs, den die Krankenkasse unterstützt oder von einem Abnehmkurs, der zu Salat statt Steak rät oder dem Angebot des Arztes, im Rahmen der Vorsorge völlig kostenfrei die Prostata abzutasten. Männer gehen im Schnitt mit 45 Jahren das erste Mal zu einer Vorsorge-Untersuchung. Frauen finden das ab 20 völlig normal.

Internet und Job als Gesundheitsinsel

Die Forderung der Männergesundheits-Experten ist nur logisch: Man müsste eine gezielte Ansprache für Männer in Sachen Gesundheit finden und spezifische Angebote entwickeln, die den Mann auch wirklich ansprechen. Erst dann wird es möglich sein, mehr Männer dafür zu sensibilisieren, dass ihr Körper mindestens so viel Wartung verdient wie ihr Auto, eine psychische Krise vor allem zur Katastrophe wird, wenn man sie ignoriert und ein gesunder Lebensstil auf Dauer mehr Leistungs-Kraft verleiht als Alkohol, Zigaretten und salatfreie Ernährung.

Aber wie soll das gehen? Das Internet und der Job gelten als die idealen Orte, an denen man Männer in Sachen Gesundheit abholen kann. Immerhin surfen über 80 Prozent der Männer regelmäßig im Internet. Die Internetseite www.maennergesundheitsportal.de, die seit einem Jahr online ist, werde gut angenommen, erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die den ersten Männergesundsheitskongress, der Ende Januar in Berlin stattfand (LINK), mit dem Bundesministerium für Gesundheit veranstaltete. Nutzer finden hier unter anderen Informationen zu Ernährung, Fitness und psychische Gesundheit

Und im Job? "Der Arbeitsplatz bietet gute Möglichkeiten, um auch diejenigen zu erreichen, die sich sonst wenig Gedanken um ihre Gesundheit machen", heißt es in der Pressemitteilung zum Männergesundheitskongress. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Bisher gilt das Verhältnis von Beschäftigtem und Betriebsarzt nicht unbedingt als das einflussreichte Band.

Wie man Männer besser erreicht

"Männer definieren sich über Leistung und nicht über den abstrakten Begriff der Gesundheit. Um sie zu erreichen, müssen wir deshalb ihre Leistungsfähigkeit ansprechen und nicht ständig ihre Defizite", erklärt Peter Kölln. Der Arbeitsmediziner und Gesundheitsberater arbeitet seit Jahren in männerdominierten Branchen und beschäftigt sich intensiv mit der Frage: Wie erreiche ich Männer mit dem Thema Gesundheit?

In der Praxis sieht das so aus: Wenn Kölln möchte, dass sich ein Beschäftigter über seinen dicken Bauch Gedanken macht, hält er ihm keinen Vortrag über die gesundheitlichen Nachteile des fetten Lebens. Sondern er fragt er ganz direkt: "Wie viele Treppenstufen schaffen Sie, ohne außer Atem zu kommen?" Und wenn der Mann dann einräumt, dass es weniger als früher sind und die Kurzatmigkeit auch nervt, kann Kölln genau da anknüpfen und erklären, dass etwas weniger Gewicht mehr Luft und Leistung bedeutet. Und mit ein wenig Glück fängt der Betreffende an, sich für das Thema Abnehmen zu interessieren.

Technik-affine Bildsprache kommt gut an

In dem Industrieunternehmen, indem Kölln derzeit Präventionsangebote für die Belegschaft anbietet, kam auf diese Weise bereits ein erfolgreicher Abnehmkurs zustande. Ein Teilnehmer berichtet: "Das Wichtigste für mich war, dass es im Kopf klick gemacht hat. Heute verhalte ich mich auf vielen Ebenen anders." Er hat sein Gewicht im Kursverlauf von 106 auf 96 Kilo reduziert und sich vom totalen Sportmuffel "Das klaut mir meine Zeit" zum Sportstudio-Fan entwickelt: "Meine Verspannungen waren schnell komplett weg. Auch mein Bauch wird weniger. Heute habe ich so viel Spaß daran, dass ich gerne auch mehr als eine Stunde trainiere."

Köllns Erfahrung: "Männer sind nicht die Gesundheitsmuffel, als die sie überall beschrieben werden." Sie schalten nur ab, wenn die Ansprache sie nicht erreicht. Das fängt schon bei der Aufklärung über Gesundheitsthemen an. Bilder und Vergleiche aus der Technik kommen gut an, hat Kölln festgestellt. Denn da kennen sich viele Männer aus - und verbinden erst einmal positive Assoziationen. Der Arbeitsmediziner übersetzt seitdem seine Vorträge in eine technik-affine Bildsprache - und stellt fest, dass die Männer viel leichter folgen und sich die grundlegenden Zusammenhänge merken können.

So wird in seinem Vortrag zur gesunden Ernährung das "Zuckertransport-Hormon" Insulin zum Gabelstapler, der in Tagschicht arbeitet. Muss er nachts ran, weil man zwei Liter Cola zum Abendessen trinkt, kriegt er schlechte Laune und packt die Energie ins Langzeitlager. Also besser auf Cola am Abend verzichten. Logisch. Natürlich ist so ein Vergleich schlicht. Aber mal ehrlich: die Ansprache von Frauen mit den ewig gleichen Floskeln von "Seele baumeln lassen" und den Bildern der hübschen, schlanken Frau im Kreise einer glücklichen Familie als Teaser für gesunde Ernährung oder regelmäßige Krebsvorsorge ist auch nicht einfallsreicher.

Männergesundheitsgespräche - eine Herausforderung

So schlicht sich die Männer die Verpackung des Themas Gesundheit wünschen, so komplex wird es im persönlichen Gespräch. Während Frauen eher gerne über sich und ihre Gesundheit Auskunft geben, gibt es wenig, worüber Männer sich weniger gern unterhalten. Schon gar nicht über einen eventuellen Zusammenhang von Unwohlsein oder Schmerzen mit seelischen Verspannungen. "Wenn es in der Schulter weh tut, erwarten sie vom Arzt einfach, dass die Schulter nach dem Besuch wieder funktioniert", weiß Kölln. Doch der Arzt weiß auch, dass Männer ihre seelischen Probleme als körperliche Beschwerde ausdrücken, statt darüber zu reden. In Fachkreisen heißt das: Männer somatisieren.

Im Büro des Betriebsarztes bedeutet das: Es kommt häufiger vor, dass immer wieder der gleiche Beschäftigte zum Arzt kommt, weil ihn der verspannte Nacken quält. Kein Einrenken, keine Massage, keine Veränderung der Ergonomie hilft dauerhaft. Kölln ist auch Chirotherapeut, aber er weiß, dass es nichts nutzt jemanden zum zehnten Mal einzurenken. Die Verspannung liegt in so einem Fall tiefer. Auf der seelischen Ebene.

Nicht abschrecken lassen

In solchen Fällen fragt Kölln lieber: "Wann hat das angefangen? Was war zu diesem Zeitpunkt sonst in Ihrem Leben los?" Und die Betroffenen antworten stereotyp: "Was soll da losgewesen sein? Da habe ich mich verletzt/verrenkt/verhoben." Damit könnte das Gespräch zu Ende sein, aber eine Lehre, die Kölln aus dem Umgang mit Männern gezogen hat ist: Man darf sich von dieser ersten Mauer nicht abschrecken lassen. Deshalb fragt er weiter: "Denken Sie noch einmal nach. Was war da sonst noch los? Was lastet auf Ihren Schultern?" Und nach der Frage wartet er erstmal ab. "Man muss auch mal die Klappe halten können. Abwarten."

Manchmal fällt dem Klienten dann doch noch etwas ein. Zum Beispiel, dass die Schmerzen anfingen, als der Schuldenberg in die Privatinsolvenz führte und er fragt den Arzt: "Denken Sie, da könnte ein Zusammenhang sein?" Manchmal führt die schlichte Frage so zu einem Gespräch über die Last auf der Seele des Mannes. Und manchmal tut sich dann auch was im Schmerz in der Schulter. Auf jeden Fall ist es für viele ein Einstieg in ein engeres Verhältnis zum eigenen Befinden - und damit in Richtung Gesundheitsbewusstsein.

Nicht immer erreicht Kölln die Männer. Aber er freut sich über jeden, den er erreichen kann, weil er weiß, dass er Pionierarbeit leistet. "In der Ärzteschaft ist Männergesundheit noch ein winziges Pflänzchen." Die meisten Betriebsärzte haben vor allem die Ergonomie im Blick. In der restlichen Medizin beschränkt sich das Verständnis von Männergesundheit vor allem auf urologische Probleme und das Herz-Kreislaufsystem. Eine Medizin rund um Penis und Pumpe. Ein etwas eingeschränkter Blickwinkel, die sich erst langsam weitet. Solange das aber so ist, werden die meisten Gesundheits- und Vorsorgeangebote wohl am Mann vorübergehen und er wird die Dinge lösen, wie er sein Leben schon immer gelebt hat: Augen zu und durch. Das klappt ja auch. Aber das Leben ist dann einfach etwas kürzer. Schade drum.

Tipps: Elf Anregungen für Betriebsärzte und Personaler, wie man mit Männern besser über Gesundheit spricht

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