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Fahrräder: Schicke Modelle für Individualisten

Foto: Bella Ciao

Fahrräder für Individualisten Purismus zwischen Retro und Moderne

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die meisten marktgängigen Fahrräder sind furchtbar hässlich. mmo-Autor Alexander Grau hat sich auf die Suche nach stilvollen Alternativen begeben und ist bei kleinen Manufakturen in Deutschland, Dänemark und England fündig geworden.
Von Alexander Grau

München - Fahrradfahren ist etwas Wunderbares, zumindest im Sommer, wenn einem der warme Fahrtwind um die Nase streicht, ein paar harmlose Cumuluswölkchen am blauen Himmel dahinziehen und die Abende lang sind und die Nächte mild. Was ist dann herrlicher, als entspannt durch den lauen Morgen zum Büro zu fahren und abends, nach einem kleinen Umweg über den nächsten Biergarten, durch die noch warme Luft wieder nach Hause zu radeln?

Der Spaß am Velo wird einem allerdings kräftig verleidet durch die unterirdische Optik, die den konfektionierten Fahrradmarkt beherrscht. Da trägt man schon einen Anzug von der Savile Row oder aus Neapel, Hemden von der Jermyn Street und Schuh von Tricker's und dann das: billig verarbeitete Rohre mit übergroßem Querschnitt, plumpe Rahmen mit unsäglicher Geometrie, grobe Reifen auf ebensolchen Felgen und eine Ausstattung, die vielleicht das Herz jedes Verkehrspädagogen höher schlagen lässt, deren brachiale Klobigkeit jedoch selbst das filigranste Rad in ein monströses Ungetüm verwandeln würde.

Schuld an dem Desaster ist die unsägliche Mode so genannter Trekkingbikes, die den Radmarkt seit gut zwei Jahrzehnten überschwemmen. Produziert werden diese trostlosen Massenprodukte zumeist in Fernost und erhalten dort im günstigsten Fall den Aufkleber einer ehemaligen europäischen Traditionsmarke.

In ihrer Not greifen viele verzweifelte Radler zum Hollandrad. Doch ein Hollandrad ist schwer und seine Geometrie macht es unmöglich, schneller als Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Hollandräder sind etwas für Studentinnen, die damit im Sommerkleid zum Markt radeln, um in ihrem Lenkerkörbchen dekorativ Tomaten, Salat und Schnittblumen zu arrangieren.

Italienische Rahmen, in Deutschland regensicher gemacht

Dennoch gibt es Rettung für den stilbewussten Pedalisten. Jenseits des Mainstreams der Radindustrie sind in den letzten Jahren eine Reihe kleiner Fahrradfirmen entstanden, die alte Rahmenbautraditionen fortführen oder, beeinflusst von der Modewelle der Fixie-Bikes, alte Handwerkskunst mit modernen, klaren und nüchternen Designs verbinden.

Ein herausragendes Beispiel hierfür ist das Berliner Label Bella Ciao. Es wurde 2009 von Matthias Maier gegründet. Der war zuvor Manager in einem IT-Unternehmen. Bei einem beruflichen Aufenthalt in Italien entdeckte er in einem alten Fahrradgeschäft in der Nähe von Mailand ein Rad in bester Tradition italienischer Radbaukunst, das ihn spontan begeisterte.

Entnervt von seinem Job und auf der Suche nach einer neuen Perspektive beschloss Maier diese herrlichen italienischen Kunstwerke, wie sie im Grunde seit 80 Jahren unverändert produziert werden, nach Deutschland zu importieren. Allerdings zeigte sich bald, dass die italienischen Räder den deutschen Witterungsbedingungen nicht gewachsen waren. Kurzerhand ließ Maier in Italien eigene Rahmen produzieren - und in Deutschland regensicher lackieren.

Der Schrottplatz als Alternative

Die Räder von Bella Ciao - der Name entstammt dem Refrain eines alten Partisanenliedes - glänzen durch eine gelungene Mischung aus modernen Designelementen, klassischer italienischer Rahmengeometrie und traditioneller Handwerkskunst. Hergestellt werden die Rahmen in einer kleinen Manufaktur in der Nähe von Treviso in Venetien und dann in Sachsen-Anhalt lackiert und zusammengeschraubt.

Heraus kommen dabei so wunderschöne Objekte wie das "Ingegnere", das es stilecht mit einem Gang oder mit verschiedenen Schaltlösungen gibt. Der Rahmen ist aus Columbus-Rohren gefertigt, der Sattel kommt von Brooks aus England.

Ebenfalls auf die Verbindung von italienischer Stahlrahmenkunst und einem Design, das angenehm zwischen Retro und Moderne changiert, setzen die Macher von Abici. Das in Viatana (Mantua) ansässige Unternehmen wurde 2006 von Giuseppe Marcheselli, Stefano Seletti und Cristiano Gozzi gegründet, angeregt von einem alten Katalog aus den 50er Jahren.

Inzwischen produziert Abici 1200 ihrer klaren und puristischen Räder im Jahr. Gelötet werden die Rahmen in einer wieder ins Leben gerufenen Manufaktur der Nähe von Padua. Das Ergebnis ist etwa das herrliche "Sveltina Uomo", eine Mischung aus Touren- und Rennrad, derzeit erhältlich in drei Farbtönen, ausgestattet mit hochwertigen Komponenten, einer 8-Gang-Schaltung und natürlich einem Sattel von Brooks.

Pashley produziert seit 1971 die Diensträder der Royal Mail

Überhaupt gilt: Gleichgültig in welchem Lebensbereich, ob Sportwagen, Anzüge, Hemden oder Schuhe: wenn nicht Italien dann England. Vielleicht sogar umgekehrt. So auch bei Fahrrädern. Seit 1926 produziert Pashley Räder in Stratford-upon-Avon, der Geburtsstadt Shakespeares - britischer geht's nimmer. Selbstredend werden Pashley-Bikes auch tatsächlich in Stratford-upon-Avon gefertigt und nicht irgendwo in den Weiten des Commonwealth. Anfangs produzierte Pashley vor allem Transporträder für Eisverkäufer und Lieferanten und seit 1971 die Diensträder der Royal Mail.

Das Design hat sich seit der Firmengründung durch William Rathbone Pashley nicht wesentlich verändert. Wunderbare, schlanke Stahlrohrrahmen mit weitem Radstand und hocheleganter Ausstattung - eine rollende Absage an die hässliche Alu-Optik der Massenware. Ihr Vollendung findet diese Ästhetik in dem "Guv'nor", das auf einem Bahnrad der 30er Jahre basiert und neben der klassischen Variante ohne Schaltung auch mit 3 Gängen lieferbar ist.

Wem das alles zu nostalgisch ist oder zu museal, der ist bei modernem skandinavischen Design gut aufgehoben, wie es Cyklemageren aus Kopenhagen liefert. Gründer und Chefdesigner des seit 1996 existierenden Unternehmens ist Rasmus Gjesing. Dessen Grundidee waren Räder in einem modernen Design, die vollständig unter einem Dach gefertigt werden - ohne Zukäufe gängiger Komponenten. An einem "Cyklemageren" ist, von der Pedale über den Bremsgriff, alles von Cyklemageren. Zudem wird jedes Rad individuell bei Bestellung gefertigt. Dafür ist bei der Farbwahl, angefangen beim Rahmen über die Schutzbleche bis zur Klingel, alles möglich.

Für all jene, denen die bisher vorgestellten Räder zu extravagant sind, zu prätentiös oder auch nur zu teuer, bleibt noch eine einfache, aber effektvolle Möglichkeit: Beim nächsten Schrottplatz, bei Ebay oder im heimischen Radkeller nach einem schönen, alten italienischen Rennstahlrahmen von Gios, Pinarello, Colnago und Konsorten Ausschau halten und mit modernen Komponenten zu einem eleganten Stadtflitzer umbauen. Das sieht nicht nur fantastisch aus und ist wirklich individuell, sondern auch noch selbst gemacht. Kaufen kann schließlich jeder.

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