Montag, 24. Juni 2019

Gesundheit Vom Homo sapiens zum Homo sedens

Immer nur sitzen: Der Stuhl nimmt in unserem Leben viel zu viel Raum ein

Das Sitzfleisch ist das wichtigste Körperteil der Büromenschen, zumindest das am häufigsten genutzte. Er ist zum Homo sedens geworden, zum sitzend ruhiggestellten Menschen. So zu leben ist lebensgefährlich. Geht es auch anders?

Bei manchen Statistiken lauert das Grauen im Detail. Eine aktuelle Studie australischer Kardiologen zielte zum Beispiel vordergründig nur auf die erwartbaren Gesundheitsgefahren von fehlender körperlicher Aktivität.

Bei genauerem Hinsehen zeigte die Untersuchung jedoch auch, dass das Sitzfleisch längst zum wichtigsten Körperteil des postmodernen Büromenschen geworden ist: Die bewegungsärmsten der über 4700 freiwilligen Studienteilnehmer verbrachten 21,8 pro Tag auf Sesseln, Sofas, Stühlen oder im Bett. Die agilsten Probanden saßen hingegen nur 1,8 Stunden am Tag mehr oder weniger still. Bei ihnen fanden sich auch die geringsten Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen wie wachsender Taillenumfang, hohe Blutwerte für Cholesterin, Insulin und Fette usw.

Diese Zahlenrelation muss jedem gründlich zu denken geben, der den größten Teil jedes lieben langen Tages zwischen Arm- und Rückenlehnen zubringt. Also allen Managern und Aktienanalysten, Software-Entwicklern und Designern, Aktuaren und Justitiaren, Strategieberatern, Telefonagenten, Statistikern, und - ja, auch denen - Journalisten. Nicht umsonst wird die eingefleischteste Untergruppe dieser Spezies als "Sitzredakteure" belächelt.

Wann ruhen die mehr oder weniger trägen Körper dieser Berufsgruppen nicht auf irgendeiner Sitzfläche? Wieviel Bewegung, wie viel körperliche Betätigung enthält ihr normaler Arbeitstag noch?

Der Stuhl wird zur Prothese

Klar: In der Nacht sollten auch Büromenschen sieben bis siebeneinhalb Stunden schlafend im Bett verbringen, um am nächsten Tag frisch und ausgeruht ans Werk gehen zu können. Aber danach? Wir sitzen in der S-, U- oder Straßenbahn. Bei jenen, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, liegen oft nur wenige Dutzend Schritte zwischen dem Stuhl am Frühstückstisch und dem bequemen Ledersessel hinterm Steuer. Die Wege zwischen Tiefgarage und Büro werden meist mit dem Aufzug zurückgelegt.

Für den Büromenschen ist der Stuhl eine Art Prothese geworden: Am Arbeitsplatz und am Besprechungstisch des Chefs, in der Kantine und, wie der verräterische Vokabel entlarvt, in Sitzungen. Das Abendbrot wird ebenfalls auf dem Stuhl sitzend eingenommen, alles andere wäre schließlich ebenso unzivilisiert wie ungesund. Danach lümmelt der Homo sedens aufm Sofa vorm Fernseher oder vor der Spielkonsole.

Oder aber auf dem gefederten Drehstuhl vorm häuslichen Rechner, um vorm Schlafengehen noch schnell die Schnäppchen bei Ebay, Zalando oder Brandsforfriends zu checken. Um die von der Facebook-Community empfohlenen Clips auf Youtube zu gucken oder noch ein bisschen zu chatten. Nicht von ungefähr stiftet das lateinische Verb für sitzen ("sedere") den Wortstamm für den schon wesentlich ungemütlicheren Begriff des Sedierens, des Ruhigstellens - etwa mit Medikamenten.

Überträgt man das Gruselbild eines im Sitzen ruhiggestellten Menschen ins Innere seines Organismus, dann sieht man, wie sich das von Nährstoffen übersättigte Blut langsam und zäh durch die Arterien wälzt. Wie es an jeder Verzweigung verengende Ablagerungen bildet, und wie die einst elastischen Aderwände versteifen. So erhöht sich der Blutdruck. Anfangs stellenweise, bald schon chronisch.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung