Montag, 18. November 2019

Gesundheitsrisiko Bildschirmarbeit Pausenlose Zwangshaltung

Elementare Sitz-Gymnastik: Bewegen und Strecken soll man sich auch, wenn man nicht in einem Luxusbüro mit Blick aufs Wasser arbeiten darf

Wer glaubt, bei der Büroarbeit könne man sich körperlich nicht kaputt machen, irrt: Stundenlanges Steifsitzen und Starren in unnatürlicher Haltung fordert auch physisch Tribut. Dagegenhalten kann man mit ergonomisch gestalteten Arbeitsplätzen - und mit kleinen Verhaltensänderungen.

Dortmund/Mainz - Nacken und Schultern sind verspannt, der Rücken schmerzt, die Augen brennen. Etwa jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland klagt laut einer Befragung im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) häufiger über derlei Beeinträchtigungen durch Bildschirmarbeit.

Meistens treten Beschwerden des Bewegungsapparates auf. Sie sind gleichzeitig auch die häufigste Ursache, wenn Beschäftigte krankheitsbedingt ausfallen, wie die Fehlzeitenstatistiken der Krankenkassen bestätigen. "Das Problem ist, dass man sich zu wenig bewegt, wenn man zu lange in Zwangshaltung vor dem Rechner arbeitet", erklärt Stephan Letzel, leitender Arbeitsmediziner an der Uniklinik Mainz.

Dadurch werden Muskeln, die für die Haltearbeit zuständig sind, einseitig belastet. Das Resultat sind Verspannungen und Schmerzen in Schulter, Nacken und um die Lendenwirbelsäule herum. "Es ist wichtig, dass die Leute nicht die ganze Zeit still sitzen, sondern auch mal aufstehen und sich zwischendurch bewegen", betont der Experte.

Ideal sind nach Meinung von Lars Adolph höhenverstellbare Tische, an denen auch im Stehen gearbeitet werden kann oder Stühle, bei denen sich Rückenlehne und Sitzfläche mitbewegen. Der Abteilungsleiter für Ergonomie bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund empfiehlt außerdem, Bewegungsabläufe in den Arbeitsalltag einzuplanen. Das könne beispielsweise das Telefonieren im Stehen sein oder kleine Wege zu Aktenschränken oder zum Kollegen im Nebenbüro. Auch wenn der Drucker nicht in Handreichweite aufgestellt ist, wird der Büromensch gezwungen, sich zu bewegen.

Öfter mal aus dem Fenster statt in Windows schauen

Besonders belastet sind auch die Augen, die vor dem Bildschirm täglich Höchstleistungen vollbringen. Um sie nicht noch mehr zu strapazieren, sollte alles vermieden werden, was die Augen zusätzlich anstrengt, sagt Adolph: "Glänzende Bildschirmoberflächen, wie sie bei Laptops fast durchgängig zu finden sind, stören den Betrachter, weil sich Objekte darin spiegeln. Sie sind für die Büroarbeit nicht geeignet."

Auch wenn es zu dunkel ist, leide das Auge, weil die Pupillen ständig geweitet sind. Als Folge könne der Augeninnendruck steigen, und dies führt zu Augenschmerzen. Tückisch bei der Bildschirmarbeit sei auch der konzentriert starre Blick auf den Bildschirm: Anstatt wie durchschnittlich üblich etwa 25-mal blinzele das Auge dabei oft nur zweimal pro Minute. Dadurch werde der Augapfel nicht ausreichend mit Tränenflüssigkeit benetzt, wodurch die Augen anfangen zu jucken und sich zu röten. Wer seinen Augen etwas Entspannung gönnen will, der solle öfter mal aus dem Fenster schauen und regelmäßig für fünf bis zehn Minuten von der Bildschirmarbeit pausieren.

Wer Rücken und Augen schonen will, sollte seinen gesamten Arbeitsplatz ergonomisch, also möglichst belastungsarm einrichten. Detaillierte Informationen, wie man einen Computerarbeitsplatz optimal gestaltet, sind beispielsweise auf den Internetseiten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin frei zugänglich.

Der BMAS-Studie aus dem Jahr 2007 zufolge wiesen rund drei von vier untersuchten Arbeitsplätzen Mängel auf - sei es, dass die Beleuchtung nicht optimal, das Mobiliar ungeeignet oder der Bildschirm veraltet war. "Da gibt es noch viele Aufklärungsdefizite - sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei den Unternehmen. Aber auch Ärzte und Sicherheitsfachleute adressieren dieses fehlerhafte Verhalten nicht immer angemessen", sagt Ergonomieexperte Adolph.

Helmine Braitmaier/dapd

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