Medizin für Macher "Permanent am Limit"

Topmanager leben gefährlich: Zu viele Termine, zu viele Reisen, zu wenig Schlaf, falsche Ernährung, Bewegungsmangel und ständige Anspannung sind unterschätzte Risiken. Präventionsmediziner Dietrich Baumgart erklärt im Gespräch mit manager-magazin.de, mit welchen Strategien Leistungsträger Gesundheitsfallen entkommen.

mm.de: Laut einer Kienbaum-Studie arbeiten Leute, die mehr als 200.000 Euro im Jahr verdienen, oft bis zu 60 oder 70 Stunden in der Woche. Kann man als Manager unter solchen Umständen überhaupt gesund leben? Oder ist ein hohes Gehalt immer auch Schmerzensgeld?

Baumgart: Die Frage ist, ob diese Höchstbelastung ein Dauerzustand ist oder ob ein Manager sie nur in Spitzenzeiten bewältigen muss. Jahraus, jahrein hält keiner eine solche Belastung durch. Es gehört in der Managerklasse ja auch fast zum guten Ton, damit zu prahlen, wie viel Zeit man im Büro verbringt. Ich glaube, dass man, wenn man sich gut strukturiert, genug Zeit für seine Gesundheit aufbringen kann. Das ist eine Frage der Prioritäten.

mm.de: Ist das tatsächlich immer noch so, dass die Leute mit ihrer Arbeitsbelastung prahlen? Work-Life-Balance ist doch ein Thema geworden - und Freizeit könnte auch ein Statussymbol sein, weil sie für gute Arbeitsorganisation spricht.

Baumgart: Die jüngeren Manager, so ab 35 Jahren, achten tatsächlich mehr auf sich. Das Bewusstsein keimt langsam, dass es im Leben nicht nur darum geht, bei wem im Büro das Licht am längsten brennt. Es geht um Lebensqualität. Bei diesen Menschen hat im Übrigen auch die Finanzkrise dazu beigetragen, zu erkennen, dass es nicht immer nur höher, schneller, weiter geht, sondern dass es auch andere Werte im Leben gibt.

mm.de: Was sind die Hauptstressoren für Führungskräfte?

Baumgart: Natürlich haben Führungskräfte eine hohe Arbeitsverdichtung, aber die wird oft eher noch als Herausforderung gesehen. Es allen gerecht machen zu müssen, die Ansprüche von verschiedensten Seiten zu erfüllen, ist da schon bedrückender.

Problematisch finde ich vor allem die ständige Verfügbarkeit durch die modernen Kommunikationsmittel. Abends, am Wochenende, im Urlaub - Manager haben keine Auszeiten mehr, keine Möglichkeit, richtig abzuschalten. Gepaart mit einem hohen eigenen Anspruch und entsprechendem Ehrgeiz führt das zu Dauerstress. Für viele sind dann ausgiebiges Essen am Abend und Alkohol die vermeintliche Entspannung. Kopfarbeitern täte hingegen eher maßvolles Essen und vor allem eine auf die Kopfarbeit abgestimmte Ernährungszusammensetzung sowie Bewegung als Ausgleich gut.

mm.de: In welchem Alter fangen Manager an, sich Gedanken um ihre Gesundheit zu machen?

Baumgart: Unsere Kunden sind im Durchschnitt um die 50 Jahre alt, und 80 Prozent sind Männer. Ich habe gerade eine anonyme Auswertung eines Dax-Unternehmens gemacht. Da waren im vergangenen Jahr 50 Manager bei uns. Der Hauptteil war zwischen 40 und 50 Jahre alt, und es zeigte sich ein buntes Bild: Einerseits Leute, die superfit sind, und andere bringen gerade mal 60 Prozent der ihrer Altersstufe entsprechenden körperlichen Leistungen.

"Ich muss auch etwas einzahlen"

mm.de: Laut einer aktuellen Studie der AOK gibt rund die Hälfte der Arbeitnehmer an, unter hohen psychischen Belastungen zu stehen. Macht Arbeit krank?

Baumgart: Die Frage stellt sich so nicht. Wir kommen an der Notwendigkeit zu arbeiten ja nicht vorbei. Es gibt eine interessante Studie der Jacobs Universität Bremen, die ergab, dass Frührentner eine schlechtere Gesundheitsprognose haben. Es kommt immer auf die individuelle Abstimmung zwischen Anspannung und Entspannung an. Die entscheidet, ob man krank wird oder gesund bleibt.

Weder zu viel Spannung noch zu viel Entspannung sind gesund: Man braucht auch immer wieder einen gewissen Reiz. Aus meiner Sicht als Kardiologe lässt sich das mit dem Herzschlag vergleichen. Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist ein biologisches Grundprinzip.

Während einer Herzoperation kann man dafür sorgen, dass eine Maschine den Kreislauf übernimmt. Man hat festgestellt, dass dieser gleichmäßige Fluss der Pumpe für die Dauer von drei, vier Stunden gut funktioniert. Aber nach ein paar Tagen sterben die Leute; zum Erhalt der Körperfunktionen muss es ein Auf und Ab geben. Wie der optimale Wechsel von Spannungs- und Entspannungsphasen für das eigene Leben aussieht, muss jeder individuell herausfinden.

mm.de: Sie untersuchen jedes Jahr um die 1200 Führungskräfte. Was sind die schlimmsten Gesundheitsfallen für Manager? Und unterscheiden sie sich grundlegend von denen, die den Rest der Bevölkerung betreffen?

Baumgart: Das Spektrum ist schon sehr ähnlich. Bei Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen liegen die Manager aber teilweise signifikant über dem Durchschnitt. Bei meinen Kunden stelle ich bei bis zu 40 Prozent erhöhte Cholesterinwerte fest, 25 Prozent haben erhöhte Blutdruckwerte. Blutdruckwerte werden vielfach unterschätzt, weil da ja nichts weh tut; die Leute kommen, sind sogar aktiv, fühlen sich gut - aber über lange Sicht werden die Organe geschädigt, und später kann es zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt kommen.

mm.de: Ihre Gesundheitsmanagement-Strategie stützt sich auf ein Ressourcenmodell. Wie sieht das aus?

Baumgart: Grundsätzlich gilt erst einmal, dass jeder mit seinen körperlichen Ressourcen sorgsam umgehen sollte, um möglichst lange davon zu zehren. Ähnlich wie beim Bankkonto kann ich nicht nur dauernd etwas abheben, ich muss auch etwas einzahlen. Und wie beim Sparplan gilt auch für den Körper: Je früher ich anfange, desto besser mein Resultat.

Zudem wird jeder Mensch mit unterschiedlichen Ressourcen geboren. Jeder Körper hat bestimmte Stärken und Schwächen. Blutdruck, Zustand der Gefäße, Stoffwechsel, das alles ist bei jedem individuell anders. Wenn ich nicht in völliger Askese leben möchte, ist es wichtig, zu wissen, womit ich für meine Gesundheit den effektivsten Nutzen erreichen kann.

"Völlig falsche Selbstwahrnehmung"

mm.de: Haben weibliche Führungskräfte andere Risiken als Männer?

Baumgart: Für Frauen ist das Blutdruckproblem nach den Wechseljahren ein echtes Thema, das oft verkannt wird. Auch von Herzerkrankungen sind sie immer stärker betroffen. In der EG sterben mittlerweile mehr Frauen an Herzinfarkten als Männer.

mm.de: Bei einer repräsentativen Umfrage für manager-magazin.de gaben 91 Prozent der Führungskräfte an, regelmäßig Sport zu treiben. Sind Selbstwahrnehmung und Realität da deckungsgleich?

Baumgart: Bei meiner eben erwähnten Untersuchung der 50 Führungskräfte des Dax-Konzerns haben vier Fünftel angegeben, regelmäßig Sport zu treiben. Wenn man aber schaut, wie viele auf dem Ergometer die altersentsprechende Wattzahl erreicht haben, dann sind das von den 50 analysierten gerade mal acht. Zehn liegen darüber, die sind wirklich fit, aber 32 haben sie nicht erreicht. Und wir reden nicht von Leistungssport - es geht um ein durchschnittliches Niveau der eigenen Altersklasse.

mm.de: Nur mal so als Richtwert: Welche Wattzahl müsste denn ein 45 Jahre alter Mann ungefähr bringen?

Baumgart: Der muss etwa 250 Watt schaffen. Bei dem Test fängt man mit 50 Watt an und steigert alle zwei Minuten um 25 Watt. Das hängt natürlich auch von Gewicht und Größe ab, aber das wäre eine ungefähre Größenordnung.

mm.de: Wenn 32 von 50 Managern das nicht schaffen, dann passt das aber nicht dazu, dass die allermeisten sich selbst als Sportler sehen.

Baumgart: Da ist, muss man leider sagen, eine Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Dasselbe gilt für das Essen: Die Leute verstehen nicht, warum sie zugenommen haben - und bei näherem Nachfragen stellt sich heraus, dass jemand jeden Abend einen Liter Milch trinkt oder zwischendurch Kekse isst und regelmäßig Milchkaffee trinkt. Das sind völlig falsche Wahrnehmungen.

mm.de: Sind Ihren Patienten ihre Risiken bewusst?

Baumgart: Die meisten sind eher nicht beunruhigt. Das ist etwas, das ich auch erst lernen musste. Wenn wir bei den Untersuchungen nichts Schlimmes finden, verstehen das viele Manager als Absolution und als Aufforderung zum fröhlichen "Weiter so". Daran versuchen wir zu arbeiten. Denn unser Ziel ist es, Risiken früh zu erkennen und auch zu beheben.

Wir sagen dann: "Herzlichen Glückwunsch, wir haben nichts Schlimmes gefunden, aber wenn Sie so weitermachen, dann kann das in ein paar Jahren anders aussehen." Wenn man mit 100 Stundenkilometern auf eine Betonwand zufährt, dann ist in 100 Metern Entfernung auch noch alles in Ordnung. Wir helfen quasi, das Lenkrad rechtzeitig rumzureißen und effektiv zu bremsen.

"Viele sind völlig überlastet"

mm.de: Sie betreiben Prävention statt Reparaturmedizin. Das ist aufwendig und teuer. Einen Hightech-Check-up kann sich nicht jeder leisten. Lebt man gefährlich, wenn man diese erstklassige Medizin nicht bezahlen kann?

Baumgart: Erst einmal muss ich Ihnen widersprechen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis fällt eindeutig zugunsten der Prävention aus. Ein Beispiel: Bei Darmkrebs im Frühstadium kostet die Behandlung etwa 36.000 Euro, und der Patient kann als geheilt entlassen werden. Kommt er zu spät, kostet es 200.000 Euro, und mit hoher Wahrscheinlichkeit überlebt er die nächsten zwei Jahre nicht.

Und was den Check-up angeht: Man kann auch mit weniger aufwendigen Mitteln schon wichtige Dinge leisten. Mit einer simplen Blutabnahme, einem Belastungs-EKG und einer Ultraschalluntersuchung, die ja zum großen Teil schon von den Kassen übernommen werden, lassen sich die wesentlichen Risiken feststellen.

Für viele Manager ist eher Zeit das Problem. Denen sage ich immer: Sie schaffen es ja auch, zur Vorstandssitzung zu gehen. Die sei ja auch wichtig, antworten sie dann. Das bedeutet im Umkehrschluss: Gesundheit ist ihnen nicht so wichtig, weil sie sich dafür keine Zeit nehmen.

mm.de: Macht sich die Finanzkrise bemerkbar? Sparen die Manager an den Untersuchungen, und treten andere Symptome auf?

Baumgart: Unsere Umsätze sind stabil geblieben. Wir werden sogar vermehrt von Firmen angesprochen, Gesundheitskonzepte für die gesamte Belegschaft zu entwickeln. Von den einzelnen Kunden, die zu uns kommen, habe ich in letzter Zeit öfter Klagen über Panikattacken gehört. Auch das Thema Burn-out ist früher selten vorgekommen. Mittlerweile sehe ich öfter gestandene Leute vor mir sitzen, die sagen: "Ich kann nicht mehr", die völlig überlastet sind. Die Krise hat für viele eine Arbeitsverdichtung mit sich gebracht, die sie permanent ans Limit treibt.

In den Manageretagen herrscht immer noch die Auffassung, man dürfe keine Schwäche zeigen. Der Betriebsarzt eines großen Dax-Konzerns hat neulich zu mir gesagt, dass er viele Manager erlebt, die ihre gesamte Energie darauf verwenden, ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Die sind gar nicht mehr leistungsfähig. Es gibt aber auch sehr positive Beispiele, erfolgreiche Leute, die ihr Leben sehr gut strukturiert haben und nicht nur berufliche Ziele verfolgen, sondern auch ihr Privatleben und ihre Gesundheit im Blick haben.

mm.de: Bei der individuellen Risikobestimmung können Genanalysen zunehmend eine Rolle spielen. Wie bewerten Sie diesen Trend?

Baumgart: Ich stelle immer wieder fest, dass das ein heikles Thema ist. Wir können Gene rauf und runter bestimmen, aber die Frage ist doch immer: Was hat das für eine Konsequenz für den Betroffenen? Wir können ja in das Genmaterial selbst nicht therapeutisch eingreifen - und wenn es keine Konsequenzen hat, muss man es auch nicht machen. Und Gentests sind teuer. Pro Genlocus zahlt man im Schnitt 50 Euro.

Für einen vernünftigen Gencheck, ob Sie ein höheres Herzinfarktrisiko haben, müssen Sie mindestens zehn Loci bestimmen. Das sind dann schon mal 500 Euro. Und die Tatsache, dass Sie ein solches Gen haben, heißt nicht, dass Sie die Krankheit auch bekommen. Die kausale Beziehung ist eher schwach. Die Tatsache, dass Sie eine Glühbirne und einen Lichtschalter im Haus haben, führt nicht automatisch dazu, dass bei Ihnen Licht brennt.

Gerade beim Herzinfarktrisiko verfolgen wir das multifaktorielle Konzept: Stress und eine chronische Fehlbelastung führen generell zu Krankheit - um das zu wissen, braucht man keinen Gentest.

"Die Wahrnehmung für sich selbst schärfen"

mm.de: Was passiert, wenn ein Manager erkennt, dass seine Selbstwahrnehmung falsch war? Der kommt zu Ihnen, denkt, er ist ein sportlicher Typ, und muss auf dem Ergometer feststellen, dass er schon vor der alterstypischen Belastungsgrenze schwer ins Keuchen gerät ...

Baumgart: Es gibt unterschiedliche Strategien dieser Menschen. Ein nicht unerheblicher Teil flüchtet sich auch dann noch in irgendwelche Entschuldigungen, redet sich mit schlechter Tagesform oder einem anstrengenden Wochenende heraus. Es wird versucht, das wegzuargumentieren. Andere sehen ein, dass sie nicht so gut sind, wie sie dachten, und tun dann auch tatsächlich etwas.

Bei unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass von den 50 untersuchten Managern zehn ihre Leistung innerhalb von drei Jahren um 50 Watt steigern konnten. Das ist ein ordentliches Ergebnis. Fünf bis sechs Leute sind sogar schlechter geworden, der Großteil erreichte dasselbe Leistungsniveau.

Viele Leute finden beim Sport nicht das richtige Maß: Manche powern sich völlig aus und überfordern sich permanent. Einen Marathon ohne ausreichende Vorbereitung zu laufen, ist alles andere als gesund. Und andere trainieren zwar im Fitnessstudio, aber mit viel zu geringer Belastung. Hinterher trinken sie noch eine Cola. Im Ergebnis haben sie mehr Kalorien aufgenommen als abgegeben - und wundern sich, dass sie nicht fit sind, obwohl sie doch dreimal in der Woche ins Sportstudio gehen.

mm.de: Wie kann man denn das richtige Maß finden?

Baumgart: Es hat sich als sehr gut erwiesen, wenn Betriebe das Instrument Gesundheitsmanagement in die Hand nehmen - da kann man sich auch die Gruppendynamik zunutze machen.

Auf der individuellen Ebene sollte jeder versuchen, auf sich selbst zu achten, was ihm gut tut, und dabei kritisch und ehrlich zu sich zu sein. Hilfreich ist es, wenn man genau weiß, von welchen Ressourcen man persönlich ausgeht und wie man damit am effektivsten haushaltet. Die Leute müssen ihre Wahrnehmung für sich selbst schärfen. Jemanden, der erst mittags zu seiner Höchstform aufläuft, muss ich nicht damit quälen, dass er morgens vor dem Frühstück schon joggen gehen muss.

Man muss das Prinzip verstehen: Wer jahrelang Raubbau mit seinem Körper treibt, kann nicht darauf hoffen, dass das spurlos an ihm vorübergeht.

Gesundheit: Die Risiken der Männer

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