Gesundheit Mangel in den besten Jahren

Vor den gefürchteten Wechseljahren sind auch Männer nicht gefeit: In der Lebensmitte können Müdigkeit, Antriebslosigkeit, sexuelle Unlust und fehlende Konzentration auf hormonellen Mangel hindeuten. Aber es gibt Hilfe.

Münster/Hamburg - Frauen legen mit Beginn der Wechseljahre eine hormonelle Vollbremsung hin. Männer lassen es gemächlicher angehen: Die Produktion des Testosterons - des wichtigsten Sexualhormons - geht mit zunehmendem Alter eher langsam zurück.

Laut Sabine Kliesch, Professorin an der Uniklinik Münster, nimmt der Spiegel des Hormons um rund 0,4 Prozent pro Jahr ab. Allerdings können auch Erkrankungen, die mit dem Alter häufiger werden, den Testosteron-Haushalt beeinträchtigen, so die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Andrologie. Dazu zählen Zucker- und Fettstoffwechselstörungen sowie Herz-Kreislauf-Beschwerden und Tumorerkrankungen.

Vom schleichenden Testosteronverlust betroffen sind Männer meist erst ab dem 45. bis 50. Lebensjahr. Der fallende Hormonspiegel kann sich unterschiedlich bemerkbar machen. "Ein ganz feines Frühwarnsystem ist die Einschränkung der sexuellen Lust", erklärt Sabine Kliesch. Aber auch Müdigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Antriebsmangel können hormonelle Veränderungen anzeigen. Weitere Indizien sind ein Abnehmen an Muskelmasse und Knochendichte.

Therapie nur bei klinischen Symptomen

"Die Grenze zwischen dem, was noch normal ist, und dem Krankheitsfall ist fließend", meint die Urologin. Der Mangel an Testosteron wirkt sich auch auf den Knochenstoffwechsel und die Blutbildung aus. "Nur wenn ein Mann einen laborchemisch nachgewiesenen Mangel und - das ist ganz wichtig - klinische Symptome hat, ist eine Therapie notwendig", erklärt Kliesch.

Ihr Kollege Harald Klein von der Universität Bochum, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), sieht das genauso: Der Rückgang des Testosteronspiegels mit zunehmenden Alter sei keine Krankheit. Ein 80-Jährigen solle nicht mit Hormonen auf den Stand eines 20-Jährigen gebracht werden. Im Alter stünden nämlich den positiven Wirkungen des Testosterons auch viele negative gegenüber - eine zu freizügige Gabe über den altersentsprechend normalen Spiegel hinaus berge daher Gefahren. Zudem fehlten größere Studien, die eine fundierte Risikoabwägung erlauben würden.

Hormongaben füllen die Tanks wieder auf

Hormongaben füllen die Tanks wieder auf

Ist der Arzt allerdings sicher, dass ein krankhafter Testosteron-Mangel vorliegt, gibt es nur ein Mittel der Wahl - die kontrollierte Gabe des fehlenden Hormons Testosteron, und zwar so viel, bis der altersgemäße Spiegel im Blut erreicht ist.

Vor der Behandlung muss der Arzt prüfen, ob nicht noch weitere Erkrankungen vorliegen, bei denen auf keinen Fall Testosteron gegeben werden darf. Gegenanzeigen sind etwa das Prostatakarzinom oder der bei Männern allerdings sehr seltene Brustdrüsenkrebs. Die überschießende Bildung roter Blutkörperchen oder Schlafapnoe, der Atemstillstand während des Schlafs, können die Behandlung komplizieren.

Nach Ansicht des Anti-Aging-Mediziners Walter Trettel aus Hamburg ist die Fokussierung auf das Testosteron nicht der Weisheit letzter Schluss: Trettel setzt zur Behandlung der von Wechseljahres-Beschwerden geplagten Männern auf die Hormone Östrogen und Progesteron. Die beiden Hormone sind eigentlich als weibliche Sexualhormone bekannt, werden in geringen Mengen aber auch vom männlichen Körper produziert. Grundprinzip der von Trettel angewendeten Methode, die nach ihrem Erfinder "Methode Rimkus" genannt wird, ist die genaue Analyse des Hormonstatus, um nur den Hormontank wieder aufzufüllen, dessen Inhalt abgenommen hat.

Experten wie Sabine Kliesch und Harald Klein halten von diesem Ansatz nichts. "Wenn Sie nur Östrogen ersetzen, dann fehlen Ihnen die wesentlichen Wirkungen des natürlichen Testosterons", erklärt Sabine Kliesch. Es mache keinen Sinn, einen Mann mit Östrogen zu behandeln. "Wenn man Östrogen beim Mann verabreicht, kann man das Brustdrüsenwachstum stimulieren, was nicht unbedingt erwünscht ist."

Arnd Petry, dpa

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