Grippe Heil bringende Infektblocker

Husten, Schnupfen, Fieber - nach den kalten Wintertagen wird die diesjährigen Grippewelle in Deutschland wohl bald ihren Höhepunkt erreichen. Welche Mittel helfen und wie wirken die neuen Anti-Grippe-Mittel?

Tübingen/Berlin - Eine Grippe ist nicht nur lästig, sie kann für alte oder geschwächte Menschen auch gefährlich werden. Experten raten in diesen Fällen zur Vorbeugung: "Die Impfung ist der beste Schutz vor der Erkrankung", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Als zweitbesten Schutz gibt es jedoch auch Medikamente, mit denen sich die bereits ausgebrochene Virusgrippe Influenza behandeln lässt.

Zwei Wirkstoffe sind gegenwärtig auf dem Markt: Zanamivir, das unter dem Namen Relenza vertrieben wird, und Oseltamivir, das als Tamiflu erhältlich ist. Deutsche Wissenschaftler testen derzeit einen alternativen Wirkstoff. Er stammt aus den Blättern der Zistrose und ist bereits in den Apotheken erhältlich.

Gelangen Grippeviren in die Atemwege, infizieren sie die behaarten Zilienzellen des Rachenraums. Sie dringen dort ein und nutzen deren molekulare Maschinerie, um sich zu vermehren. Die infizierten Zellen sterben dabei. Der letzte Akt dieses Überfalls besteht darin, dass die neu entstandenen Grippeviren - nachdem sie die Zelle wieder verlassen haben - auf der Außenseite der Zilienzellen sitzen. An dieser Stelle greifen die Wirkstoffe Zanamivir und Oseltamivir ein. Sie werden als Neuraminidase-Hemmer bezeichnet, weil sie das Enzym Neuraminidase blockieren.

Angeklebte Viren

"Das Virus braucht das Enzym, um sich von der Zelle abzulösen", erklärt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher. Die Neuraminidase ist dabei eine Art Schere. "Wenn diese Schere fehlt, kleben die Viren an der Zelle und können keine anderen Zellen mehr infizieren." Das sei auch der Grund, warum der Einsatz von Zanamivir und Oseltamivir nur in den ersten zwei Tagen nach der Infektion sinnvoll ist: "Wenn man das zu spät nimmt, sind zu viele Viren im Organismus. So viel Neuraminidase-Hemmer können Sie gar nicht mehr einnehmen, als dass sie die Infektionen noch in den Griff bekommen können", sagt Susanne Glasmacher.

Oliver Planz ist nun einen anderen Weg gegangen. Der Professor vom Friedrich-Löffler Institut in Tübingen suchte nach Möglichkeiten, das Treiben der Viren an anderer Stelle zu behindern - innerhalb der Wirtszellen oder schon vor dem Eindringen. Vorbild waren die Erfahrungen der Wissenschaftler bei der Bekämpfung des Aids-Auslösers HIV: Durch die Kombination unterschiedlicher Wirkstoffe sind Mediziner heute in der Lage, das Virus an verschiedenen Stationen während der Infektion zu bekämpfen.

Hüllen um Bakterien und Viren

Hüllen um Bakterien und Viren

Fündig wurde Planz in Zistrosen - Sträuchern, die zur typischen Macchia-Vegetation des Mittelmeerraumes gehören. Die Blätter von Zistrosengewächsen (Cistaceae) enthalten ätherische Öle und Polyphenole. Polyphenole, die auch im Rotwein vorhanden sind, gelten als gesundheitsfördernd.

"Polyphenole sind dafür bekannt, dass sie Erreger - Viren und auch Bakterien - benetzen und verhüllen", erklärt Planz. "Das kann helfen, die Anheftung der Viren an die Zellen zu verhindern." So wie ein Schlüssel, der mit Klebeband umwickelt wurde, nicht mehr ins Schloss passt, passen die umhüllten Schlüssel der Influenzaviren - das Molekül Hämagglutinin - nicht mehr in das molekulare Schloss der Wirtszellen, so die Vermutung des Wissenschaftlers.

Die Ergebnisse der Laboruntersuchungen machen Hoffnung: In einer Kultur von menschlichen Lungengewebszellen konnte mit einem Extrakt aus der Graubehaarten Zistrose (Cistus incanus ssp. tauricus L.) die Zahl der eindringenden Viren verringert werden. Auch bei Experimenten mit Mäusen und später bei Klinikstudien konnte die Wirkung des Zistrosenextraktes auf Grippeviren gezeigt werden.

Zistrosenextrakte sind schon seit langem in Apotheken erhältlich. Liegt dort also bereits ein alternatives Grippemedikament in den Regalen? "Je nachdem, wie die Zistrosen aufbereitet wurden, werden verschiedene Polyphenole freigesetzt", erklärt Oliver Planz. "Wir konnten zeigen, dass die antivirale Wirkung nur bei einem einzigen Zistrosenextrakt vorhanden ist. Das ist "Cystus 052"".

Der Hersteller, der "Cystus 052" jetzt als "neuartigen Grippeschutz" bewirbt, hält aber noch keine wirkliche Alternative zu Tamiflu oder Relenza in den Händen: Die so genannten Infektblocker-Tabletten - für die eine antivirale Wirkung in klinischen Studien gezeigt werden konnte - sind als Lutschtabletten nach Ansicht von Oliver Planz eher zur Bekämpfung einer Infektion in den oberen Atemwegen geeignet. Bei einer fortschreitenden Erkrankung sei Verwendung des Wirkstoffes als Aerosol aber sehr viel sinnvoller, damit der Wirkstoff auch in die Bronchien gelangen kann.

Zugelassen ist "Cystus 052" laut Planz derzeit nur als Medizinprodukt Klasse 1, nicht als Arzneimittel. Ob das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dem Präparat auch diese Zulassung erteilt, ist dagegen noch völlig offen.

Arnd Petry, dpa

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