Getränk Kleopatras Geheimrezept

Der griechische Arzt Hippokrates empfahl Molke einst wegen ihrer heilenden Wirkung bei Krankheiten wie Gicht oder Leberleiden. Kleopatra und einige reiche Römer versprachen sich zarte Haut von dem Milchprodukt. Doch Molke kann noch mehr.

Bonn - Molke ist mehr als eine Mode-Erscheinung. Schon lange ist bekannt, dass das Nebenprodukt der Käseherstellung ein Mittel für innere und äußere Schönheit ist. Doch erst die Gesundheits- und Fitnesswelle brachte den rechten Aufschwung. Seither ist Molke in Reinform oder als Mixgetränk in diversen Geschmacksrichtungen und mit Fruchtsaft, Milch, Joghurt, Buttermilch und Aromen versetzt ein starkes Wachstumssegment. Sie ist kalorienarm und ähnlich inhaltsreich wie Milch - so eignet sie sich bestens als Zwischenmahlzeit und zum Auftanken nach Ausdauersport.

Molke klingt für manchen nach Landluft, Stallgeruch, warmer Kuhmilch und Gesundheitsschuhen. Jedenfalls nicht trendig genug, und so versteckt sie sich inzwischen in Getränken, deren Namen wie "fitline" oder "Optiwell" Wunschprogramm ist. "Mit unserem fitline Drink sprechen wir figurbewusste, sportlich aktive Verbraucher an", sagt Nicolaus Kirchdorfer vom Molkereiunternehmen Karwendel-Werke in Buchloe. Daher wirbt die Centrale Marketing-Gesellschaft für Agrarerzeugnisse (CMA) bundesweit bei Marathonläufen mit mobilen "Molketankstellen" für fruchtige Varianten.

Was ist nun aber Molke, von der sich Kleopatra und später hochgestellte Römerinnen eine babyzarte Haut erhofften? Bereits der griechische Arzt Hippokrates empfahl ihre heilende Wirkung für verschiedene Krankheiten wie Gicht oder Leberleiden. Während der Verbraucher Molke vor Jahren noch als Viehfutter verpönte, nutzt die moderne Lebensmitteltechnologie ihre Vorzüge bei verschiedenen Herstellungsprozessen bereits lange. "Molke ist ein Koppelprodukt bei der Herstellung von Käse, Quark und Kasein, dem Milcheiweiß", sagt Michael Brandl vom Milchindustrie-Verband in Bonn.

Der Vitaminlieferant

Käse oder Quark entstehen dadurch, dass der feste Teil der Milchinhaltstoffe, das Fett und der größte Teil des Kaseins, abgetrennt werden. Die zurückbleibende, fast fettfreie Flüssigkeit heißt Molke. Je nachdem, ob die Milch durch die Zugabe von Lab, einem Enzym aus dem Kälbermagen, oder Milchsäurebakterien dickgelegt wird, entsteht Süß- oder Sauermolke. "In die Trinkmolke kommt vorwiegend Süßmolke", erläutert Brandl.

Mit "Melken" sprachlich verwandt, hieß früher alles "Molken", was mit Milch zu tun hatte. Erst die moderne Sprache nutzt den Singular nur noch für das wässrige Nebenprodukt. Aber auch wenn Molke hauptsächlich aus Wasser besteht, sind ihre Inhaltsstoffe keinesfalls verwässert. "Molke ist ein sehr hochwertiges Lebensmittel, das eine Vielfalt wertvoller Inhaltsstoffe wie Molkenproteine, Laktose, Mineralstoffe und Vitamine enthält", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Stephanie Wetzel aus Berlin.

Ein Großteil der in der Milch vorhandenen Vitamine und Mineralstoffe geht nach Aussage von Wetzel bei der Käseherstellung in die Molke über, vor allem die B-Vitamine, Jod, Natrium, Kalium und Kalzium. Mit 25 Kilokalorien pro 100 Milliliter sehr kalorienarm und fast fettfrei, enthält Molke eines der hochwertigsten Eiweiße.

"Auf Grund der hohen Nährstoffdichte bei vergleichsweise wenigen Kalorien ist ein Molkegetränk, auch wenn es gesüßt ist, als Zwischenmahlzeit perfekt", sagt die Berliner Expertin. Auch nach dem Sport sei ein Molkegetränk ideal. "Vor und während des Sports sollte man Dünnflüssiges wie Mineralwasser oder Apfelsaftschorle trinken." Aber für die Aufbauphase danach empfehle sich Molke wegen ihres höheren Nährstoffgehalts.

Aderlass und Molketrank

Molke mit Aloe Vera

"Morgen sollen die Präparationen zur Kur meines Auges anfangen, ein Aderlass und Molkentrank", schrieb der Dichter Johann Gottfried Herder Ende 1770 seiner späteren Frau. Wer heute "Kurmolke" trinkt, will meist fasten oder seinen Darm in Schwung bringen. Der Milchzucker (Laktose), der fast vollständig in die Molke geht, gilt als natürliche Verdauungshilfe. "Daneben fördert Laktose die Aufnahme des relativ hohen Kalzium-Anteils", sagt Sven-David Müller von der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik in Aachen. "Das beugt der Osteoporose vor."

Das Innovationskarussell bei Trinkmolke dreht sich inzwischen ähnlich schnell wie bei Joghurt: Ob Geschmacksvarianten wie Erdbeere und Limone, Pfirsich mit Aloe Vera, Grüntee mit Orange, mit Fruchtsaft oder -stücken, mit Joghurt, naturbelassen oder mit Vitaminzusätzen, jeder Hersteller hat seine eigene Rezeptur. Der Markt scheint inzwischen jedoch gesättigt zu sein. "Die Traumzuwachsraten der Vorjahre können wahrscheinlich nicht mehr erreicht werden. Dennoch hat sich Molke zu einem wichtigen Segment bei den Milchgetränken gemausert", sagt Brandl.

Ernährungsberater Müller rät, bei den fertigen Getränken auf den Anteil von Molke und Zucker zu achten. Als Alternative empfiehlt er, Fruchtmolke aus reiner Süß- oder Sauermolke mit frischen oder tief gefrorenen Früchten selbst zu mixen. Dann kann jeder selbst entscheiden, wie stark er süßen möchte.

Das "Universal-Lexikon der Kochkunst" von 1886 kennt sogar ein Rezept für "Weinmolken": Ein halber Liter Milch und ein Glas Weißwein oder Madeira werden aufgekocht, bis die Milch völlig geronnen ist. Danach wird das Gemisch zum Klären beiseite gestellt, die Molke abgegossen und zum Schluss mit Zucker versüßt.

Heidemarie Pütz, dpa

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