Bestens vernetzt, kann sehr gewinnend sein - aber auch skrupellos: So charakterisiert ein neues Buch Tesla-Chef Elon Musk (50), hier bei einem Kurzbesuch in Grünheide bei Berlin
Bestens vernetzt, kann sehr gewinnend sein - aber auch skrupellos: So charakterisiert ein neues Buch Tesla-Chef Elon Musk (50), hier bei einem Kurzbesuch in Grünheide bei Berlin
Foto: POOL / REUTERS

Buchtipp "Power Play - Tesla, Elon Musk And The Bet Of The Century" Maßlos, verzettelt, naiv - aber erfolgreich

Ein neues Buch nähert sich Tesla-Chef Elon Musk über eine detaillierte Unternehmenschronik des Elektroautobauers. Es zeigt, wie unwahrscheinlich Teslas Überleben unter diesem Manager erschien – und das ist ziemlich lehrreich.
Von Wilfried Eckl-Dorna

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet? "Er scheint ein netter Typ zu sein", flötete Elon Musk (50) Ende vergangener Woche bei einer Kurzvisite auf Teslas Fabrikbaustelle nahe Berlin. Für die Kryptowährung Dogecoin bekundete er kurz darauf via Twitter "enormen Respekt vor deren Machern". Und knapp einen Tag bevor die US-Verkehrsbehörde NHTSA eine formale Untersuchung des Tesla-Assistenzsystems "Autopilot" einleitete, machte Musk auf dem Kurznachrichtendienst noch mal schnell Werbung für die bald verbesserten Fähigkeiten des Systems. Mehrmals täglich sendet der Tesla-Chef neue Botschaften in die Welt.

Kein Wunder, dass das Vorgehen des Multiunternehmers schon mal als "erratisch" bezeichnet wird, auch wenn er es binnen fünfzehn Jahren vom Techmillionär zu einem der reichsten Menschen der Welt gebracht hat. Seinen Fans gilt er als visionäre Lichtgestalt, deren Gestaltungsdrang die Mobilität auf und unter der Erde verändert und sogar bis in den Weltraum führt. Seine Gegner sehen in ihm einen Technik-Scharlatan, der mit viel Selbstmarketing turmhohe Erwartungen weckt – die er dann nicht einlösen kann. manager magazin hat dem Führungsstil des "Speed King" Elon Musk bereits vor Monaten eine Titelgeschichte gewidmet .

Es gibt mehrere Dutzend Bücher, die sich mit Musk selbst, den von ihm geführten Unternehmen Tesla und SpaceX, seinem Managementstil oder seinem Denken beschäftigen. In diesem dicht besetzten Feld noch einen neuen Blickwinkel zu finden, dieses Kunststück gelingt Tim Higgins, einem Techreporter des "Wall Street Journal".

In seinem bislang nur auf Englisch erschienenen Erstlingswerk "Power Play – Tesla, Elon Musk And The Bet Of The Century" liefert Higgins eine Art Unternehmenschronik des Elektroautobauers. Er beschreibt und charakterisiert die Schlüsselfiguren rund um Musk, ihre Ausgangsmotivation, ihren Kampf mit den enormen Anfangsschwierigkeiten und einem zunehmend mächtiger werdenden Chef.

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Higgins, Tim

Power Play: Tesla, Elon Musk, and the Bet of the Century

Verlag: Doubleday
Seitenzahl: 400
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Vor allem gelingt es Higgins aber, eine bislang weniger beachtete Seite von Musk herauszuarbeiten: die des eher skrupellosen, bestens vernetzten und extrem fordernden Geschäftsmannes – der laut den Beschreibungen von Higgins bei Tesla über ein Jahrzehnt lang immer knapp vor der Pleite stand. Musks oft irrwitzig anmutende Vorgaben für einen extrem schnellen Anlauf der Serienproduktion oder seine steilen Absatzziele: Sie werden nach der Lektüre von Higgins Buch etwas nachvollziehbarer, weil er den enormen wirtschaftlichen Druck beschreibt, unter dem Musk und seine Untergebenen standen – und teils noch immer stehen.

Randfigur bei der Rettung

Higgins hat dafür laut eigener Aussage hunderte Interviews mit direkt an den Entscheidungen Beteiligten geführt. Musk selbst hat er wohl ein paar Mal getroffen, aber nicht für sein Buchprojekt. Higgins geht mit dem Multiunternehmer in seinem Buch ziemlich hart ins Gericht – denn er porträtiert ihn als einen Manager, der immer weniger auf den Kreis seiner Vertrauten hört, ihre Warnungen in den Wind schlägt und sich selbst stark in Detailfragen einmischt. So sind die sehr aufwändig zu produzierenden Flügeltüren des SUVs Model X wohl nur deshalb entstanden, weil sie Musks ganz persönlichen Vorlieben genügen mussten, wie Higgins nahelegt.

Und in den Monaten nach dem verpatzten Serienstart des günstigeren Model 3 im Jahr 2016 muss Musk ein besonders unangenehmer Chef gewesen sein: Higgins charakterisiert ihn da als einen Mann, der häufig in Sitzungen herumbrüllte, Mitarbeiter binnen Minuten feuerte und sich auch mit zahlreichen langjährigen Mitstreitern überwarf. Die Entscheidungen, die Teslas Überleben sicherten, seien damals eher an Musk vorbei getroffen worden.

Dennoch gelang Musk in Summe eine historische Leistung, die Higgins detailliert beschreibt: Er schaffte es, Elektroantriebe als etwas Begehrenswertes zu etablieren und Tesla zur Zeitgeistmarke zu machen. Mit seiner Attitüde, auf Konventionen zu pfeifen, seiner Entschlossenheit und seiner Vision gelang es Musk letztlich, die Autobranche weltweit im Alleingang vorzuführen.

Die nötige Portion Glück

Dass all dies trotz Musks Ego, seiner Paranoia, seiner Kleinlichkeit und seiner Tendenz zum Verzetteln in vielen Belangen gelang – dieses Erstaunen klingt häufig in dem Buch durch. Spannende Einblicke gibt das Buch auch über Beschreibungen, was bei Tesla alles nicht funktionierte.

Viele Annahmen von Musk und seinen Untergebenen erwiesen sich rückblickend betrachtet als geradezu naiv, häufig hatte Tesla enorme Schwierigkeiten mit Lieferanten. Solche Probleme löste Tesla längst nicht nur durch unkonventionelle Einfälle, sondern oft auch durch Verhandlungsgeschick oder mit schierem Glück. Diese Beispiele sind nicht nur für angehende Start-up-Gründer lehrreich.

Manche zentralen Probleme kommen aber doch etwas zu kurz. So werden die Anlaufschwierigkeiten bei der Model 3-Produktion zwar an mehreren Stellen im Buch thematisiert. Wie sie dann konkret gelöst wurden, das beantwortet Higgins nur schemenhaft. Dabei hatte Tesla dafür den deutschen Mittelständler Grohmann Automations erworben und von Audi einen hochrangigen deutschen Produktionsexperten abgeworben. Doch diese Spezialisten und ihre Rolle erwähnt Higgins mit keinem Wort. Auch das Tesla-eigene "Supercharger"-Netzwerk aus Schnellladesäulen, das Tesla bis zum heutigen Tag von der Konkurrenz abhebt, wird von Higgins nur kurz angerissen.

Unterhaltsam bleibt das Buch auch deshalb, weil es wo immer möglich versucht, firmeninterne Dialoge nachzuerzählen. Ob diese tatsächlich wortwörtlich stattgefunden haben, sei dahingestellt. Musk selbst hat das Buch auf Twitter als "überwiegend falsch" und "langweilig" abgetan. Wir fanden es eher kurzweilig. Empfehlen können wir es Leserinnen und Lesern, deren Englisch solide ist – die deutsche Ausgabe kommt erst im November auf den Markt.

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