Cecilia Malmström Eine Netzwerkerin für den Industrieländer-Klub

Die Kandidatin Schwedens gilt als Favoritin für den OECD-Topjob. Im Handelskrieg zwischen USA und Europa erwies sie sich als gewiefte Verhandlerin. Setzt sich Malmström durch, dürfte sie neue Akzente setzen.
Cecilia Malmström: Favoritin für die OECD Spitze

Cecilia Malmström: Favoritin für die OECD Spitze

Foto: GEORGES GOBET/ AFP

Sie war fünf Jahre lang eine mächtige Stimme Europas in der Welt: Als EU-Handelskommissarin erreichte Cecilia Malmström (52) ab 2014 große Abkommen mit Kanada, Japan und den Südamerikanern, mit den USA des Handelskriegers Trump gelang ihr zumindest ein Friedensschluss. Nun könnte die studierte Politikwissenschaftlerin nach einem zweijährigen akademischen Zwischenspiel in ihrer Heimat Schweden wieder auf die internationale Bühne zurückkehren – als neue Chefin der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD. Im Finale gegen Australiens Kandidaten Mathias Cormann gilt Malmström zwar als Favoritin, eine Entscheidung steht jedoch noch aus.

Setzt sich Malmström durch, übernähme eine weitere Frau eine Schaltstelle der globalen Ökonomie – und würde die Diskussion über die Zukunft der Weltwirtschaftsordnung prägen. Der IWF, die WTO, die Europäische Zentralbank und das US-Finanzministerium werden bereits von Frauen geführt.

Die OECD hat zwar keine großen Finanztöpfe, mit denen sie – wie der IWF und die multilateralen Entwicklungsbanken – direkt Regierungshandeln lenken kann. Der Pariser Industrieländer-Klub ist jedoch einer der einflussreichsten internationalen Wirtschafts-Thinktanks.

Dem Finale zwischen Malmström und Cormann ging ein monatelanger Wahlkampf um den Führungsposten voraus. Zehn Bewerber traten im November an, die 37 Mitgliedsländer mussten sich im Konsens auf eine neue Führungsperson verständigen.

Malmström setzt bei ihrer Kandidatur auf Bewährtes: "Wir müssen kooperieren, um aus der Coronakrise zu kommen", sagte sie kürzlich in einem Gespräch . "Mehr als jemals zuvor brauchen wir multilaterale Zusammenarbeit". Der globale Handel habe mit ein paar Ausnahmen zu Beginn der Krise funktioniert, er werde auch eine Schlüsselrolle beim weltweiten Weg aus der Pandemie einnehmen. Die OECD stelle ihren Mitgliedsstaaten seit sechs Jahrzehnten Statistiken und Politikempfehlungen zur Verfügung – und könne diese nun auch bei der Erholung von der Coronakrise unterstützen.

Entwicklung einer Digital-Agenda - und Kampf gegen Steuertricks

So weit, so erwartbar. Doch dann leitete Malmström schnell darauf über, wo sie die OECD künftig hinführen will – und das klingt durchaus nach Kurswechsel. Statt nur auf die klassischen Fragen wie Makroökonomie, Arbeitsmarkt, Bildung und die Bekämpfung von Ungleichheit will Malmström die Organisation auf brennendere Themen einschwören: Die Bekämpfung des Klimawandels etwa, und die Entwicklung einer Digital-Agenda für die Mitgliedstaaten. Zudem will sie auch Hilfestellungen bieten, wie sich die Steuervermeidung-Strategien großer IT-Konzerne abstellen lassen.

Konkurrent Cormann setzt auf klare Kante

Malmströms letzter Konkurrent ist der ehemalige australische Finanzminister Mathias Cormann, ein konservativer Vertreter freier Märkte. Er hat den Ruf, die Rohstoffindustrie des Kontinents zu verteidigen und den Klimawandel zu bezweifeln. Zugleich aber spricht er sich deutlich gegen Chinas Expansionspläne aus. Das sichert ihm die Unterstützung all jener OECD-Mitglieder, die sich einen Chef des Industrieländer-Klubs mit klarer Kante wünschten.

Mit Malmström bekäme die OECD nicht nur eine Chefin, die auf neue Themen setzt – sondern auch eine gewiefte Verhandlerin: Wie gut sie vermitteln kann, zeigte die liberale schwedische Politikerin etwa im europäisch-amerikanischen Handelskrieg vor drei Jahren. Der Handelskommissarin gelang es damals an der Seite von EU-Kommissionschef Juncker, einen Deal mit US-Präsident Trump zu schließen und dessen angedrohte Zölle zu verhindern. Kein Wunder also, dass sie bei der OECD mit ihrem breiten internationalen Netzwerk warb.

Zu diesem Netzwerk gehören zahlreiche weibliche Mitstreiterinnen. Malmström und ihre kanadische Handelskollegin Chrystia Freeland bezeichneten sich als "Sisters in Trade". Die beiden schrieben sich, so erzählte Freeland einmal verschmitzt, in schwierigen Momenten durchaus Mails, die mit "Hugs" oder Smileys unterzeichnet waren. Die Ex-Journalistin Freeland ist heute Kanadas Finanzministerin und gehört damit ebenfalls zu der neuen Riege starker Frauen an der Spitze der Weltwirtschaft.

Paris kennt Malmström schon aus Jugendzeiten. Sie studierte Literatur an der Sorbonne und spricht fließend Französisch. Für die Arbeit der OECD hat sie ein Jahresbudget von 300 Millionen Euro. Die Mutter zweier Kinder muss auf der Weltbühne also vor allem auf die Kraft der Überzeugung setzen.

Dem noch amtierenden OECD-Chef, dem Mexikaner José Angel Gurría (70), ist es in seiner 15-jährigen Amtszeit gelungen, den Regelwerken und Studien der OECD zu weltweiter Beachtung zu verhelfen. So wird etwa die PISA-Studie der OECD zu Bildungsvergleichen heute überall zitiert. Eines soll Gurría dabei aber nicht gewesen sein: Inklusiv und offen, was seinen Führungsstil anbelangt.

wed
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