Diess soll Chef bleiben Volkswagen gönnt sich 12-köpfigen Großvorstand

Der VW-Aufsichtsrat hat entschieden: Herbert Diess bleibt Konzernchef. Er muss allerdings Macht abgeben. Der neue VW-Vorstand wird neben Diess elf weitere Mitglieder haben.
Bleibt VW-Chef: Herbert Diess

Bleibt VW-Chef: Herbert Diess

Foto: Krisztian Bocsi/ Bloomberg

Nach einem mehrwöchigen Machtkampf mit Teilen des Aufsichtsrats soll VW-Konzernchef Herbert Diess sein Amt behalten. Zusätzlich wird im neuen Jahr jedoch der Leiter der Kernmarke Volkswagen, Ralf Brandstätter, in den Vorstand aufrücken, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Diess selbst kümmert sich demnach künftig vor allem um strategische Themen in der größten europäischen Autogruppe, etwa die neue Software-Sparte Cariad.

Neu in das Spitzengremium rücken zum 1. Februar auch Hauke Stars als Vorständin für das neu geschaffene Ressort für IT und Organisation und die Audi-Managerin Hildegard Wortmann für den Vertrieb ein, wie manager magazin bereits berichtet hatte . Damit steigt die Zahl der Mitglieder neben Diess auf elf. Chefjustiziar Manfred Döss übernehme das Ressort für Integrität und Recht von der scheidenden Vorständin Hiltrud Werner. Personalvorstand Gunnar Kilian erhalte einen neuen Vertrag.

Brandstätter verantwortet künftig China-Geschäft

Die Steuerung der Volumenmarken insgesamt soll der Vorstandsvorsitzende Herbert Diess behalten. Allerdings wird Brandstätter von August 2022 an das wichtige und zuletzt deutlich schwächere China-Geschäft verantworten, das bisher Diess zugeordnet war. Die Zuständigkeit für die Hauptmarke VW Pkw im Konzernvorstand soll dann Skoda-Chef Thomas Schäfer übernehmen. Hinzukommen Einkaufsvorstand Murat Aksel, Oliver Blume (Sport und Luxury), Markus Duesmann (Premium), Arno Antlitz (Finanzen), Thomas Schmall von Westerholt (Technik).

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Zehn Männer, zwei Frauen: Das ist der neue VW-Vorstand

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Den Entscheidungen waren Spekulationen über Diess' Zukunft vorausgegangen. Die gefundene Mischlösung soll nun ein Kompromiss sein. Seit Ende September war die Lage bei VW äußerst angespannt. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch musste ein weiteres Mal intensiv zwischen allen Beteiligten vermitteln.

Es kam erneut zu einer Konfrontation mit dem Betriebsrat, nachdem Diess in einer Sitzung des Kontrollgremiums laut über die womöglich nötige Streichung von mehreren Zehntausend Jobs nachgedacht haben soll . Zuvor hatte er nach Informationen aus Unternehmenskreisen andere Manager um weitere Einsparvorschläge gebeten - vorbei an der bei VW sehr einflussreichen Belegschaftsvertretung.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo hatte Diess intern sowie in einer Betriebsversammlung öffentlich scharf angegriffen. Auch das Land Niedersachsen als zweitgrößter VW-Anteilseigner hatte angedeutet, nicht mehr voll hinter dessen Kommunikationskurs zu stehen. Ministerpräsident und Co-Aufseher Stephan Weil sprach von einer Atmosphäre der "Verunsicherung, die überall um sich greift".

Analysten äußerten sich erleichtert, dass der wochenlange Machtkampf zwischen Konzernchef und Betriebsrat damit beigelegt sein könnte. "In so einem gigantischen Konzern ist es wichtig, dass sich der CEO auf die Strategie konzentriert", sagte Jürgen Pieper, Autoexperte von der Privatbank Metzler. Andererseits habe Diess für den gewaltigen Umschwung zu Elektromobilität gestanden. Ohne operative Verantwortung sei es nicht sicher, ob er hier noch als Motor wirken könne. "Das Wichtigste ist, dass jetzt Schluss ist mit dem permanenten Stühlerücken", sagte Arndt Ellinghorst von Bernstein Research. Das Management müsse die Beschäftigten mitnehmen, um effizient zu arbeiten. "Ständig die Vorstände zu wechseln ist Gift für die Unternehmenskultur und die Transformation des Konzerns."

Aufsichtsrat segnet 159 Milliarden Euro schweren Fünf-Jahresplan ab

Der Aufsichtsrat beschloss am Donnerstag nicht nur den Vorstandsumbau, sondern segnete nach wochenlangem Hin und Her mit dem Betriebsrat ein knapp 160 Milliarden Euro schweres Budget für die kommenden fünf Jahre ab, mit dem Diess den Umbau von Volkswagen zu einem Technologieanbieter nach dem Vorbild des US-Elektroautobauers Tesla beschleunigen kann.

In dem neuen Investitionsplan für die Jahre 2022 bis 2026 machen Zukunftsinvestitionen, in erster Linie für Elektromobilität und Digitalisierung mit 89 Milliarden Euro erstmals den größten Anteil der Gesamtinvestitionen von 159 Milliarden Euro aus. Dies sind noch einmal klare Steigerungen gegenüber dem vergangenen Jahr, als der Gesamtbetrag für neue Technologien 73 Milliarden Euro erreichte. Volkswagen peilt an, dass im Jahr 2026 jedes vierte verkaufte Fahrzeug einen Batterie-elektrischen Antrieb hat.

Volkswagen erwartet mittelfristig höhere Gewinnmarge

Wie der Volkswagen-Konzern am Donnerstag nach Beschlüssen des Aufsichtsrats mitteilte, will der Autobauer in den kommenden fünf Jahren deutlich profitabler werden. Das strategische Ziel für die operative Gewinnmarge vor Zinsen und Steuern liege bei 8 bis 9 Prozent des Umsatzes in den Jahren 2025/2026. Dazu soll unter anderem der Anteil der Sachinvestitionen und Entwicklungskosten am Umsatz auf rund 11 Prozent gesenkt werden. Bisher hatte Volkswagen für das Jahr 2025 zwischen 7 und 8 Prozent angestrebt. In diesem Jahr will der Konzern das obere Ende der Prognosebandbreite von 6 bis 7,5 Prozent sicher erreichen. Die VW-Vorzugsaktie  verringerte nach dem Bekanntwerden der Beschlüsse des Kontrollgremiums ihre Gewinne und drehte zuletzt sogar ins Minus.

la, rei/dpa/Reuters