Vor dem "Wellenbrecher" Corona-Infektionszahlen steigen weiter, Frankreich im Lockdown

Vor dem für November geplanten "Wellenbrecher-Lockdown" zeigt die Corona-Welle noch mal ihre Kraft. Erneut steigen die Infektionszahlen auf einen Rekord.
Krankenschwester mit Intensivpatient am Universitätsklinikum Essen am Mittwoch

Krankenschwester mit Intensivpatient am Universitätsklinikum Essen am Mittwoch

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Das Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter rasch aus. Das Robert Koch-Institut verzeichnete am Donnerstagmorgen erstmals mehr als 16.000 Neuinfektionen an einem Tag, nachdem es am Mittwoch noch knapp 15.000 waren. Die Gesundheitsämter meldeten laut RKI 16.774 nachgewiesene Ansteckungsfälle binnen 24 Stunden.

Seit Ausbruch der Seuche wurden damit insgesamt 481.013 Infektionsfälle registriert. Die Zahl der Menschen, die mit oder an dem Virus starben, stieg um 89 auf 10.272 - auch das ist ein deutlicher Anstieg.

Im Kampf gegen die Infektionswelle wird im November das öffentliche Leben in der Bundesrepublik drastisch eingeschränkt. Auf diesen "Wellenbrecher-Lockdown" hatten sich am Mittwoch Bund und Länder geeinigt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) gibt am Morgen im Bundestag eine Regierungserklärung zur Corona-Krise ab. Am Abend berät sie mit den anderen 26 EU-Staats- und Regierungschefs.

Frankreich ruft zweiten Lockdown aus - Homeoffice wird Pflicht

Auch in den Nachbarländern grassiert die Seuche. So rief Frankreich einen zweiten Lockdown aus, und Tschechien meldet bei den Neuinfektionen einen Höchstwert nach dem anderen. Das Land zählt zu den europäischen Ländern mit den am schnellsten steigenden Infektionsraten. Auch machte Frankreich Homeoffice zur Pflicht.

Ausnahmen seien nur dann zulässig, wenn es technisch nicht anderes gehe, erklärt Arbeitsministerin Elisabeth Borne (59). Die Regierung stellt auch andere Einzelheiten der bereits am Mittwoch verkündeten Verschärfungen vor. Unter anderem gilt die Maskenpflicht jetzt für Kinder ab sechs Jahre statt wie bislang ab elf.

In Österreich hat die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus ebenfalls einen neuen Höchstwert erreicht. Binnen eines Tages wurden laut Innenministerium 4453 neue Fälle verzeichnet, hieß es am Donnerstagabend. Unter Berücksichtigung der Einwohnerzahl ist die Entwicklung damit deutlich schlechter als in Deutschland. Auch die Auslastung der Klinikbetten stieg markant an. Bundeskanzler Sebastian Kurz (34, ÖVP) nannte erneut eine Zahl von 6000 Neuinfektionen pro Tag als kritischen Wert für eine erneute Verschärfung von Maßnahmen, um eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern. Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass ein solcher Wert in wenigen Tagen erreicht wird.

Italien meldet einen Rekord bei der Zahl der neuen Positiv-Tests. In den vergangenen 24 Stunden seien 26.831 verzeichnet worden, teilt das Gesundheitsministerium mit. Die Zahl der neuen Todesfälle sei mit 217 auch höher als die 205 am Mittwoch. Insgesamt sind damit in Italien 616.595 Infektionen und 38.122 Todesfälle bekannt.

Gastronomiebranche klagt über "Berufsverbot"

Anders als im Frühjahr will die Bundesregierung die Grenzen zu den Nachbarländern aber nicht schließen. "Wir müssen alles tun, um Grenzschließungen auch weiterhin zu vermeiden", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (62, CDU) der "Wirtschaftswoche". Der europäische Binnenmarkt setze voraus, dass Lieferketten auch in Pandemiezeiten funktionierten, sagte der CDU-Politiker. "Diesbezüglich haben wir aus dem ersten Shutdown gelernt."

Kritik an den Einschränkungen kam unter anderem vom Gaststätten- und Hotelverband (Dehoga). Das Verbot aller touristischen Übernachtungen sei faktisch ein Berufsverbot für die ganze Branche, sagte Dehoga-Chefin Ingrid Hartges (60) den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Daher erwögen viele Unternehmen, dagegen zu klagen.

Hartges forderte eine schnelle und unbürokratische Auszahlung der zugesagten Milliardenhilfen. "Viele Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand, die Verzweiflung wächst." Durch den zweiten Lockdown werde ein Drittel der 245.000 Betriebe den Winter nicht überstehen.

Ob mögliche Klagen erfolgreich sein könnten, ist ungewiss. Das oberste Verwaltungsgericht in Bayern hat vorläufig keine Einwände gegen die derzeit für Hotspots geltenden Sperrstunden in der Gastronomie und Teilnehmerbeschränkungen für private Feiern. In einem Eilverfahren lehnte der Verwaltungsgerichtshof den Antrag eines Gastwirts und Hoteliers ab, der diese Vorschriften kippen wollte. Das Gericht entschied, das Interesse an den Vorschriften zur Bekämpfung der Pandemie überwiege.

Dagegen begrüßte der Städte- und Gemeindebund die verschärften Corona-Auflagen. Die Beschlüsse zeigten "Augenmaß", sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es sei verhindert worden, dass das Land in eine Art Halbkoma versetzt werde und es sei richtig, insbesondere Schulen und Kindergärten grundsätzlich offenzuhalten. 

In Bayerns drittgrößter Stadt Augsburg gelten wegen der hohen Zahlen die Beschränkungen in der Corona-Pandemie ebenfalls bereits ab Freitagabend, genauso ist es in der oberbayerischen Stadt Rosenheim.

EU-Staats- und Regierungschefs beraten über weiteres Vorgehen

Die Staats- und Regierungschefs der EU haben ihre Beratungen über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise begonnen. EU-Ratspräsident Charles Michel (44) eröffnete am Donnerstagabend eine Video-Konferenz, an der neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) und ihren Kolleginnen und Kollegen auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (62, CDU) teilnahm.

Im ersten Teil der etwa zweistündigen Video-Schalte sollte es um einen Austausch von Erfahrungen mit nationalen Maßnahmen gegen die Pandemie gehen, etwa bei Test-Strategien oder Regelungen zu Kontaktbeschränkungen. Danach wollten die Staats- und Regierungschefs Möglichkeiten einer besseren Zusammenarbeit auf EU-Ebene erörtern.

ak/Reuters
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