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Christoph Bornschein

Corona-App als Zukunftschance Eine Warn-App wie ein Hoffnungszeichen

Christoph Bornschein
Von Christoph Bornschein
Von Christoph Bornschein
Mit der staatlich geförderten App waren von Anfang an große Hoffnungen verbunden. Ist sie ein Erfolg? Nicht nur. Aber Deutschland darf den digitalen Gesundheitsmarkt nicht den US-Konzernen überlassen.
aus manager magazin 11/2020
Icon der Krise: Corona-Warn-App.

Icon der Krise: Corona-Warn-App.

Foto: Oliver Berg / dpa

Ich bin jetzt hier in der Situation, bei einer Veröffentlichung von SAP, Deutscher Telekom und Bundesregierung keine nennenswerten Mängel beklagen zu können. Das ist auch für mich schwierig." Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs, lachte. Es war der 16. Juni 2020, und die Veröffentlichung, die er meinte, war die Corona-Warn-App. Sie war zu diesem Zeitpunkt mehr als zwei Monate lang geplant, diskutiert, entwickelt worden. Man hatte ihr Architekturmodell ebenso wie ihr Entwicklerkonsortium gewechselt – von zentral zu dezentral, von Fraunhofer zu Telekom und SAP. Neumanns als ausbleibende Kritik formuliertes Lob musste den Beteiligten runtergehen wie Öl.

Ist die Corona-Warn-App also die Erfolgsgeschichte, zu der sie die Bundesregierung im September zum Hunderttägigen erklärte? Die Antwort ist ein klares Jein. Dass bereits kurz nach Veröffentlichung technische und konzeptionelle Fehler offenbar wurden: Das ist leider Standard in moderner Softwareentwicklung und wurde mit akzeptabler Geschwindigkeit korrigiert. Schwerer wiegt, dass trotz 18,8 Millionen umjubelter Downloads die verantwortungsvolle Nutzung der App eine eher gelegentliche ist. 63 Prozent der positiv getesteten Nutzer haben ihr Ergebnis auch geteilt, um andere zu warnen. Das hilft, aber hier sind neue Anreize, Schnittstellen, Verpflichtungen nötig.

Ich selbst habe die App am ersten Tag installiert und bin bislang zweimal auf Covid-19 getestet worden – negativ, danke der Nachfrage. Beim ersten Mal gab mir die App die entscheidende Warnung, beim zweiten Mal schaltete sie verzögert auf Rot, nachdem ein Kontakt mich persönlich über seinen positiven Test informiert hatte. Kurz: Sie hat funktioniert und mir genutzt. Dass ich im ersten Fall nicht nachvollziehen kann, in welchem Rahmen und bei wie engem Kontakt die Risikobegegnung stattfand, ist sicher nicht optimal, aber das ist der Preis des Datenschutzes. Dieser Preis ist vielen Gesundheitsämtern zu hoch. Sie klagen, die App sei für sie nutzlos, weil sie keine Daten zum Infektionsmanagement liefere. Das scheint mir in dieser Phase der Entwicklung zwar nicht ihr primärer Zweck zu sein, aber es lässt sich sicher festhalten: Da ist noch Luft nach oben.

Aller Kritik zum Trotz ist die App jedoch grundsätzlich ein Erfolg. 70 Millionen Euro für ein Lehrstück, dass digitale Projekte mit staatlicher Beteiligung funktionieren können, ist nicht zu viel Geld. In der weitgehend transparenten Entwicklung der App vom ersten Pepp-PT-Konzept bis zum Dialog mit Apple und Google hat der Staat tatsächlich eine gute Figur gemacht. Wir haben hier eine Software, die die oft unerreichbar scheinende Einheit von Funktion und wertebasierter Umsetzung griffig symbolisiert. Offene Debatte, Datenschutz, einsehbarer Quellcode: Es ist möglich. Und anders als vergleichbare Projekte – von der De-Mail bis zum elektronischen Personalausweis – funktioniert das Produkt. Potenzial, Geld und Strukturen sind da. Braucht es wirklich erst eine Pandemie als Motivator?

Auf jeden Fall scheint Gesundheit eine Rolle zu spielen, denn staatliche Impulse für die Nutzung neuer Technologien und Prozesse kommen derzeit vor allem aus dem Gesundheitsministerium. Offenbar hat man dort zwei wichtige Dinge verstanden. Zum einen bietet "Digital" weit mehr als die Optimierung des Status quo. Zum anderen entsteht gesellschaftlicher Fortschritt im Dreiklang von informiertem Handeln, konkreten Projekten und Prototypen und einer öffentlich geführten Debatte, die nachvollziehbar zu realen Veränderungen führt.

Das ist für alle gesellschaftlichen Bereiche relevant, im Gesundheitswesen jedoch besonders. Längst bringen sich Facebook, Apple, Google, Amazon aus starker Position in Stellung, um den lukrativen Gesundheitsmarkt aufzurollen.

Deutsche und europäische Antworten und Positionen sind dringend gefragt. Hier kann die am 1.1.2021 startende elektronische Patientenakte der nächste wichtige Baustein sein, pünktlich zum 200-Tage-App-Jubiläum.

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