Deutsche Wirtschaft im Wahljahr Die grünsten Chefs der Republik

Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz richtet sich der Blick auf die Bundestagswahl. Krempeln die Grünen bald die deutsche Wirtschaft um? In einigen Chefetagen der Konzerne dürften sie offene Türen einrennen.
Die Mächtigen im Autoland: Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l) und Daimler-Chef Ola Källenius (im September 2020 bei der Eröffnung des neuen Sindelfinger Werks für die Mercedes S-Klasse)

Die Mächtigen im Autoland: Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l) und Daimler-Chef Ola Källenius (im September 2020 bei der Eröffnung des neuen Sindelfinger Werks für die Mercedes S-Klasse)

Foto: Lennart Preiss / Getty Images

Bekommen wir Schwarz-Grün, wie seit Monaten auf dem Markt der Politwetten eingepreist – oder doch eine Ampelkoalition, womöglich gar mit grünem Licht oben? Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz setzen den ersten Punkt im Superwahljahr 2021. Die momentane Schwäche der CDU lässt die Grünen noch stärker erscheinen. Dass sie nach der Bundestagswahl im September mitregieren, steht fast schon außer Frage. Womöglich setzen sie gar den Kurs für die deutsche Wirtschaft.

Daimler-Chef Ola Källenius (51) dürfte das nicht schrecken. In Stuttgart, wo der Grüne Winfried Kretschmann (72) seit 2011 als Ministerpräsident regiert, ist das Verhältnis schon lange harmonisch. Im Stammland der Autoindustrie sorgte es damals noch für Unruhe, als Kretschmann sagte, "weniger Autos sind natürlich besser als mehr".

Inzwischen ist schwer zu sagen, wer sich mehr bewegt hat, jedenfalls passt zwischen den grünen Landesvater und den Daimler-Chef kein Blatt. Källenius, dessen Vorgänger Dieter Zetsche (67) als Redner auf einem Grünen-Parteitag 2016 noch ein Tabu brach, will bis 2030 jedes zweite Auto seines Konzerns elektrifizieren. Seine Sicht, dass erst mal viele schwere, PS-starke Verbrenner verkauft werden müssen, um den Wandel zu finanzieren, wird in der Staatskanzlei geteilt. Zur Not stellt Kretschmann persönlich die letzte Verteidigungslinie für SUV in der öffentlichen Debatte.

Als der Konzernchef auf der Automesse IAA 2019 mit Grünen-Parteichef Robert Habeck (51) debattieren sollte, fanden sie keine inhaltlichen Differenzen. Källenius schien gar ein strengeres Ökoregiment einzufordern: Die Branche brauche auch "einen kräftigen Anschubser". Definitiv mehr passieren müsse in der Energiewende – um den Siegeszug der Elektroautos nicht zu untergraben. Denn "Schwachsinn ist, wenn wir nicht grünen Strom tanken".

So ist es inzwischen aus den meisten Chefetagen zu hören. Auch Konzerne, die sich lange gegen staatliche Ökovorgaben gewehrt haben, wetten jetzt ihre Zukunft darauf. Daraus lässt sich nicht unbedingt eine Parteipräferenz ablesen, schon gar keine persönliche. Klimaschutz steht ja ohnehin bei allen etablierten Parteien mehr oder weniger auf der Agenda, international sowieso. Danach haben die CEOs gehandelt. Und nun trauen sie den Grünen am ehesten zu, den eingeschlagenen Kurs politisch abzusichern, damit aus den grünen Investitionen keine Ruinen werden.

Technologieoffen? Nicht mit Herbert Diess

Volkswagen-Chef Herbert Diess (62) hat die Wolfsburger Organisation ganz in den Dienst der Elektrifizierung gestellt. Der aktuelle Investitionsplan bindet 35 Milliarden Euro bis 2025 unter der Annahme, dass Batteriemobilen die Zukunft gehört.

Die größte Angst der Konzernstrategen ist, dass doch noch Zweifel daran aufkommen. Allergisch reagieren sie daher auf Schlagworte wie "technologieoffen", wie sie manchmal von FDP oder CDU kommen, die sich damit als wirtschaftsfreundlich von den Grünen abgrenzen wollen: Klimaschutz ja, aber möge der Markt über den richtigen Weg entscheiden - ob Wasserstoff, E-Fuels, Biogas oder auch lieber woanders CO sparen als im Verkehr. Aus Diess' Sicht hat der Markt schon entschieden, er war ja dabei. Wenn der Staat jetzt noch Alternativen zum Elektroauto förderte, würde er die geschäftliche Zukunft gefährden. Die Botschaft hat er auch schon im Team mit Habeck  verbreitet - und dass der Kohleausstieg bitte beschleunigt werden solle.

Ganz in Diess' Sinne führt Markus Duesmann (51) die Konzerntochter Audi. Als "Schwarz-Grün auf vier Rädern" hat ihn das manager magazin porträtiert . Bei ihm führt auch eine kulturelle Affinität zum grünen Programm, neben der wirtschaftlichen Ratio. Doch die reicht meistens schon.

So wie bei Allianz-Chef Oliver Bäte (56), der schon vor fünf Jahren auf einer Grünen-Konferenz auftrat, als sein Konzern sich bereits dem Ausstieg aus Kohleinvestments verschrieben hatte. Die Versicherung müsse langfristig für das Geld sorgen, das sie aufbewahrt. Den Klimawandel einfach laufen zu lassen, wäre ein Renditekiller. "Wer Gutes tut, ist erfolgreicher", fasste Bäte sein Bekenntnis zum nachhaltigen Wall-Street-Geist jüngst im "Stern" zusammen. Von allein regle der Markt das aber nicht. Die Politik müsse durch ihre Regulierung durchaus nachhelfen, dass die Geldströme auch in die richtigen Bahnen fließen.

Der grüne Beirat aus der fossilen Industrie

Der größte Trumpf der Partei ist wohl, dass sie auch die Nähe von Managern gewinnt, die ihren fossilen Fußabdruck nicht so schnell loswerden. BASF-Chef Martin Brudermüller (59) ist seit 2018 im Wirtschaftsbeirat der Grünen und will den weltgrößten Chemiekonzern zum "grünen Vorzeigeunternehmen" formen. Wohlgemerkt: den größten Gasverbraucher im Land, dem – noch  – der einzige deutsche Öl- und Gasriese Wintershall Dea gehört.

Alles abrupt ändern will Brudermüller auch gar nicht. Er pflegt die in Ludwigshafen verankerte strukturkonservative Linie, Disruption ist nicht das Ding der BASF. Energiewende, Elektromobilität, CO2-Preis – kann man alles machen, nur realistisch solle es sein, damit die industrielle Substanz nicht in Gefahr gerät. Brudermüller fordert "eine klare Linie für die nächsten 20 Jahre". Ein planbarer Wandel, genau dieses Bedürfnis scheinen die Grünen zu verheißen.

Wie weit das Verständnis der Ökopartei für die Nöte der Old Economy reicht, demonstrierte Parteichefin Annalena Baerbock (40) auf dem Programmparteitag im November: "Wenn die Stahlindustrie in Europa eine Zukunft haben soll, dann braucht sie Förderinstrumente für einen klimaneutralen Stahl, einen funktionierenden CO2-Preis und Perspektiven, in welchen Produkten zukünftig dieser grüne Stahl verpflichtend zum Einsatz kommt."

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz (58) kann so ein Bekenntnis gut gebrauchen. Das Stahlgeschäft hat sie nun ja doch noch länger zu sanieren, und dessen Zukunftsformel heißt natürlich: grüner Stahl, mit Wasserstoff statt Kokskohle als Brennstoff im Hochofen. Die nötigen Investitionen, um allein das Duisburger Werk umzurüsten, das für 2 Prozent der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich ist, sind eine Jahrhundertaufgabe. Ohne Geld vom Staat wird es kaum gehen. Und das funktioniert am besten mit einer politischen Führung, die weder ein Weiter-so der schmutzigen Schwerindustrie noch ihr Verschwinden akzeptieren würde. Martina Merz war im Januar übrigens die erste deutsche Konzernchefin, die ihre Boni an das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen knüpfen ließ.

ak