Starfotograf Jochen Blume "Fotografie ist brutaler geworden"

John F. Kennedy, Willy Brandt, Romy Schneider - Jochen Blume ist Politikern und Künstlern des 20. Jahrhunderts mit seiner Kamera näher gekommen als viele andere. Im Interview mit manager-magazin.de spricht der Fotoreporter über seine Erlebnisse mit den Stars von damals und über die Leidenschaft des Fotografierens.

mm.de: Herr Blume, Sie sind Fotojournalist mit mehr als 50 Jahren Berufserfahrung. Ihre Bilder zierten die Titelbilder von "Stern" und "Bild"-Zeitung. Wenn Sie heute über das Fotografieren sprechen, sprechen Sie oft vom "richtigen Moment". Gibt es den überhaupt?

Blume: Auf jeden Fall. Es gibt eine Menge Situationen, bei denen ich dachte: Das ist der richtige Moment. Und ich denke, dass es einige Fotos gibt, auf denen ich ihn auch getroffen habe.

Ich habe es mit meinem Zeigefinger in der Hand, den richtigen Moment einzufangen. Und dann drücke ich auf den Auslöser und merke: Das ist er. Wie zum Beispiel beim Foto von Willy Brandt am Checkpoint Charlie.

mm.de: Wie ist es Ihnen in dem Fall gelungen, den perfekten Moment einzufangen?

Blume: Es war der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus. Am frühen Morgen kam der Anruf, dass ich schnell an die Sektorengrenze fahren sollte, weil da irgendetwas passierte. Also bin ich zum Checkpoint Charlie gefahren, wo sich die russischen und die amerikanischen Panzer schon gegenüberstanden. Und überall waren GIs mit geladenen Waffen.

Plötzlich gab es ein großes Gedränge: Willy Brandt kam. Natürlich hätte ich ihn am liebsten von vorn fotografiert, wenn er über die Grenze schaut. Aber das war unmöglich - auf die andere Seite der Grenze konnte ich schließlich nicht. Also musste ich mich ganz nah an die Gruppe um Brandt stellen und sie quasi in mich hineinlaufen lassen. Da wusste ich: Du hast höchstens drei Schuss, um dein Foto zu bekommen. So nah hatte ich noch nie eine Gruppe fotografiert. Aber es hat funktioniert. Willy Brandt blickt auf dem Foto sehr ernst. Es ging schließlich darum, ob es Krieg geben würde.

mm.de: Das Foto, auf dem Sie John F. Kennedy bei seiner "Ich bin ein Berliner"-Rede abgelichtet haben, gilt als Ihr bekanntestes. Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere daran?

Blume: Es ist aus einer damals ungewöhnlichen Perspektive heraus fotografiert. Das Bild kostete mich einige Schweißperlen: Ich zog an dem Tag im Sommer 1963 stundenlang mit meinem 600er Objektiv durch die Gegend, auf der Suche nach der perfekten Perspektive, und verfluchte mich schon selbst dafür. Es war heiß, das Ding wurde immer schwerer. Niemand außer Kennedys Fotograf durfte auf den Balkon, also musste ich mir einen anderen guten Platz suchen.

Irgendwann machte sich die Schlepperei bezahlt: Durch mein Objektiv mit der langen Brennweite konnte ich mich weiter weg vom Balkon platzieren, während die anderen Fotografen alle nur die kurzen Brennweiten hatten. Dadurch hatte ich eine bessere Perspektive als alle anderen.

"Alain Delon war ein Ekelpaket"

mm.de: Was taten Sie - außer der Veränderung der Perspektive - noch, um das perfekte Bild zu ergattern?

Blume: Bei Interviews kann man den Gesprächspartner mit bestimmten Fragen oder mit bestimmten Gesten in eine Situation bringen, in der man ihn gerne haben möchte. Wenn ich als Fotograf begeistert von jemandem bin und ihn anhimmele, wird das Bild sicher anders aussehen, als wenn ich ihn nicht mag. Wichtig ist dabei, dass man ehrlich bleibt und dem Gegenüber nichts vorspielt. Das spielte damals bei den Aufnahmen mit Sophia Loren auch eine große Rolle ...

mm.de: Warum? War die Loren Ihnen etwa unsympathisch?

Blume: Im Gegenteil! Eine Frau mit einer so enormen Ausstrahlung hatte ich vorher noch nicht erlebt. Sie strahlte so viel Weiblichkeit und Power aus. Das muss sie mir angemerkt haben. Sie lächelte mich an, ich war begeistert. Wollte nur ihr Gesicht in mich aufnehmen. So intensive Momente hat man bei Prominenten selten.

Nachher hat sie auch ein bisschen für mich rumgealbert. Das war nett gemeint von ihr, aber das beste Bild, auf dem sie an ihrer Zigarette zieht, ist gleich zu Beginn entstanden. Als ich von der Situation regelrecht überwältigt war.

mm.de: Mussten Sie auch Menschen ablichten, die Sie nicht ausstehen konnten?

Blume: Natürlich!

mm.de: Wer war das zum Beispiel?

Blume: Als ich mal Romy Schneider fotografierte, war sie gerade so furchtbar verliebt in diesen Alain Delon. Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch: Ich mochte Romy. Aber der Delon war ein Ekelpaket; er ging so berechnend mit ihr um.

Bei den Aufnahmen im Garten, die ich von den beiden machte, trug er sie plötzlich durch das Wasser vom Rasensprenger. Sie wollte sich von ihm losreißen, aber er ließ sie nicht los und ruinierte dadurch ihre Frisur und ihr Make-up. An Fotos war natürlich nicht mehr zu denken. Als sie weinend weglief, hat er mich fast schon jubelnd angesehen. Ich war so wütend auf ihn, dass ich ihm am liebsten eine geknallt hätte.

mm.de: Heute wäre durchaus denkbar, dass ein Fotograf bei dieser Szene weitergeknipst hätte - und die Fotos von einem durchnässten Star teurer verkaufen könnte als gestellte Bilder ...

Blume: Ich finde diese Entwicklung grauenhaft. Die Fotografie ist brutaler und indiskreter geworden. Und durch die Paparazzi auch lohnender. Da werden teilweise sechsstellige Dollar-Beträge für ein Bild gezahlt. Das stellt für Fotografen natürlich auch eine wahnsinnige Verlockung dar. Und Medien versuchen, über diese Bilder an Auflage zu kommen.

Das war früher anders. Da gab es eine größere Distanz und bestimmte Dinge, die man einfach nicht getan hat, die aber unausgesprochen blieben. Zum Beispiel hat man niemanden beim Trinken oder beim Essen fotografiert. Keiner sieht gut aus, wenn er Spaghetti isst.

Grauenvolles Erlebnis bei den Beatles

mm.de: Würden Sie unter diesen Umständen heute wieder Fotograf werden?

Blume: Ja, immer. Aber wahrscheinlich würde ich mit meiner Art, Fotos zu machen, kein Geld mehr verdienen.

mm.de: Welche Eigenschaften müssen gute Fotografen Ihrer Meinung nach mitbringen?

Blume: Sie müssen schrecklich neugierig sein. Und kunstinteressiert. Sie sollten zum Beispiel ein Faible für die Malerei haben. Sich die Porträts der Alten Meister anschauen und sehen, wie sie damals gemalt und mit Licht gearbeitet haben.

mm.de: Kann man von der Malerei auf die moderne Fotografie schließen?

Blume: Ja. Ich bin der Meinung, dass die heutige Fotografie gelinde gesagt stillsteht. Die Impulse kommen vielmehr von Malern wie Neo Rauch und Gerhard Richter.

mm.de: Neugier und Kunstinteresse ist also alles, was man als Profifotograf mitbringen muss?

Blume: Und natürlich Selbstbewusstsein. Den Spruch meiner Urgroßmutter "Wer sich für einen Pfannkuchen ausgibt, wird für einen Pfannkuchen gegessen" habe ich verinnerlicht. Ich würdige natürlich die Leistung bestimmter Personen - aber ich gehe vor keinem in die Knie. Ich hatte auch nie ein Idol. Die Musik der Beatles fand ich damals toll, aber diese Anhimmelung von Popidolen kann ich einfach nicht nachvollziehen.

mm.de: Haben Sie die Beatles fotografiert?

Blume: Ja. Das war ein grauenvolles Erlebnis. Ich saß drei Meter vor den Boxen - mehr brauche ich dazu ja nicht zu sagen. Mir sind jedenfalls die Ohren weggeflogen, auf so etwas war ich nicht vorbereitet. Von vorne kam die laute Musik, von hinten das Schreien und Kreischen der Fans.

mm.de: Mittlerweile werden die Fotoapparate, mit denen Sie damals täglich arbeiteten, im Museum ausgestellt. Dafür haben kleine und leichte Digitalkameras den Alltag erobert; Bilder sind zum Massenprodukt geworden. Hat die Fotografie dadurch Ihrer Meinung nach an Glaubwürdigkeit eingebüßt?

Blume: Nein, das denke ich nicht. Prinzipiell gilt ja, dass eine Fotografie noch nie glaubwürdig gewesen ist. Es ist ein Fehler, zu sagen, dass dieser Glasklotz namens Objektiv auch objektiv etwas abbildet. Eine Fotografie ist lediglich eine Stellungnahme eines Einzelnen.

Aber man hat heutzutage natürlich viel mehr Möglichkeiten, ein gutes Bild zu machen. Auch dem Künstlerischen sind keine Grenzen mehr gesetzt. Ich habe mir auch so eine kleine Kamera gekauft, um das mal auszuprobieren. Innerhalb von zwei Tagen habe ich bei Luftaufnahmen in Dänemark 1600 Bilder geschossen, die auf zwei kleine Chips gepasst haben. Unglaublich. Aber diese Auslöseverzögerung ist schrecklich. Du drückst drauf, und es passiert viel zu lange nichts. Das macht mir Probleme.

Blumes Bilder: Lauter richtige Momente

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