Kunst Die schicken Chinesen

Malerei, Fotografie, Installationen aus China sind derzeit der absolute Hit am Kunstmarkt. Wer mitreden oder gar kaufen will, kommt um einen neuen Kunstband über die Artefakte aus Asien nicht herum. Und wird in dem Prachtwerk entdecken: Die Kunst des Landes entwickelt sich ähnlich rasant wie die Wirtschaft.

Erinnern Sie sich noch an diesen wundersamen vergangenen Kunstsommer? An die Kasseler Documenta mit ihren Kapriolen des Wetters und der Künste, an das Mohnblumenfeld mitten in der Stadt und Reis-Terrassen am Schlossberg von Wilhelmshöhe? Und auch an jenen rundlichen Herrn mit schütterem Vollbart aus dem Reich der Mitte, der auf den schönen Namen Ai Weiwei hört und mit seinen artistischen Zumutungen sogleich zur Leitfigur der gesamten Veranstaltung avancierte?

1001 Chinesen holte Ai Weiwei in die Kunstmetropole, quasi als lebendige Skulptur, überall in der Ausstellung verteilte er altes Gestühl aus seiner Heimat und im Park vor der ehrwürdigen Rokoko-Orangerie errichtete er einen Turm aus historischem chinesischen Mobiliar. Der sogleich von einem Unwetter zusammengefaltet und auf die Seite gelegt wurde. Was Ai Weiwei gelassen nahm: Das zerstörte Werk sei doch viel schöner als das heile, kommentierte er.

Der coole Herr Ai Weiwei ist nun auch Leitfigur in einem soeben erschienenen Bildband, der auf ebenso umfassende wie anschauliche Weise der Gegenwarts-Kunst aus dem Drachen-Reich gewidmet ist. Und seinen Protagonisten: Das "China Art Book" von Uta Grosenick und Caspar H. Schübbe (Dumont, 39,90 Euro) stellt auf opulenten 670 Seiten die 80 wichtigsten Maler und Bildhauer der Volksrepublik vor - von Ai Weiwei, bis Zhu Ming. Auf deutsch, englisch und chinesisch.

Die Überraschung des Bandes: China ist nicht nur wirtschaftlich ins Riesenhafte gewachsen, auch seine Künstler können im Weltmaßstab gut mithalten. In sämtlichen Gattungen der westlichen Moderne sind sie ebenso zuhause wie in den traditionellen Bildwelten und Techniken ihrer Heimat.

Verstörendes ist heiß begehrt

Beide bringen sie oftmals in ironischen oder bissigen Kombinationen zusammen, die dem Betrachter mitunter den Atem stocken lässt. Etwa wenn die entblößten Hinterteile gebückter Menschen zu Landschaftsbildern werden. Oder die Köpfe lebendiger Männer im Speisearrangement eines gedeckten Tisches auftauchen. Nicht von ungefähr sind gerade auch derart verstörende Arbeiten am Kunstmarkt heiß begehrt.

Zugleich macht der geradezu kostbar ausgestattete Band auch manche Schwächen des fernöstlichen Bilderbooms deutlich. Vieles ist zwar handwerklich meisterhaft gearbeitet, bleibt aber in seiner Akkuratesse glatt und kalt. Und Vieles erstarrt auch in west-östlicher Bildungspose und Anbiederung. Wenn etwa der Fotokünstler Miao Xiaochun Michelangelos "Jüngstes Gericht" oder Cranachs "Jungbrunnen" mit Spielzeugpuppen nachstellt, dann ist das eher Disneyland auf chinesisch denn gute Kunst.