Korruption "Alte Löwen sind gefährlich"

Hauptkommissar Uwe Dolata kämpft seit elf Jahren gegen Korruption in Deutschland. Sein Gastbeitrag für manager-magazin.de ist eine gekürzte Fassung eines Kapitels aus dem neu erschienen Sammelband "Korruption im Wirtschaftssystem Deutschland".
Von Uwe Dolata

Cosi fan tutti wird es heißen: So treiben sie's alle. So ist es natürlich nicht. Aber allmählich werden die Wirtschaftskriminalverfahren quasi zur Aktion "mani pulite" der deutschen Justiz.

Saubere Hände: Unter diesem Motto hat die italienische Staatsanwaltschaft vor zehn Jahren mit der dortigen Staatsmafia aufgeräumt. Eine kleine Schar unerschrockener Juristen hob das überkommene und korrupte Gefüge des Parteibonzentums aus den Angeln, ließ Industriemanager und Parteibosse in Handschellen abführen.

Die italienischen Strafjuristen wurden damals tatsächlich zu Volkshelden; mit ihnen verband sich Hoffnung auf die Erneuerung von Staat und Gesellschaft. Was ist daraus geworden? Berlusconi! Hier gilt wohl das Sprichwort: Es kommt nichts Besseres nach. Aber das war nicht die Schuld der italienischen Staatsanwaltschaft.

Was Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel vor dem Düsseldorfer Landgericht im Januar 2004 von sich gab, klang fast wie ein Plädoyer gegen die Mitbestimmung. Er sitze gewissermaßen zwischen allen Stühlen.

Wenn er den Gehaltsforderungen neuer Vorstandsmitglieder zustimme, bekomme er Ärger mit den Gewerkschaftsmitgliedern, denn denen sei die Höhe der geforderten Bezüge einfach nicht vermittelbar. Lehne er sich aber im Aufsichtsrat dagegen auf, werde ihm vorgeworfen, dem Unternehmensinteresse zuwider zu handeln.

Denn die Arbeitgeberseite würde zu Recht argumentieren, dass die Forderungen angemessen seien und internationalen Gepflogenheiten entsprächen. Infolgedessen sei es über Jahrzehnte "Mitbestimmungspraxis" in deutschen Aufsichtsräten gewesen, dass der Gewerkschaftsvertreter sich der Stimme enthält. Zwickel räumte mit viel Melos und Pathos ein, dass der Vertraulichkeit im Aufsichtsrat so etwas wie "gedankliche Korruption" anhafte.

"Das Gesetz des Dschungels"

Wo man nach Korruption ernsthaft sucht, findet man sie in Deutschland auch. Davon bin ich überzeugt. So ist mir der Vorgang des Baus des Terminals 2 am Frankfurter Flughafen bekannt, bei dem hinsichtlich einzelner Projekte bis zu 90 Prozent aller Aufträge verschoben wurden.

Das führte zu etwa 30 Prozent höheren Preisen. In München nannten Insider einen Schmiergeldeintreiber liebevoll "Mister 3 Prozent". Geschmiert wird natürlich auch in anderen Bereichen. Wenn es um Taxikonzessionen oder Jagdscheine geht, um den Verkauf von Panzern oder Herzklappen oder um den Aufenthalt von Ausländern.

In die Öffentlichkeit gerückt sind im März 2004 die Ermittlungen gegen den Präsidenten des TSV 1860 München. Erfahrene Jäger wissen: Alte Löwen sind deshalb so gefährlich für sich und andere, weil sie in freier Wildbahn zu unerwarteten Handlungen neigen, ohne auf die Folgen Rücksicht zu nehmen.

Das gilt womöglich auch für Karl-Heinz Wildmoser, den damaligen Präsidenten des Fußballbundesligavereins TSV 1860 München. Schon lange regierte Wildmoser seinen Verein mit der rustikalen Attitüde eines Halbweltfürsten: schillernd, absolutistisch und manchmal unberechenbar.

Genau das machte für die Medien den Reiz aus, immer wieder über den "König der Löwen" zu berichten. Vor drei Jahren erklärte er der Münchner Abendzeitung, der Job des "Löwen"-Bändigers sei "wie eine Sucht, wie eine große Liebe".

Und auf die Frage, ob er nicht auch profitiere von dem Amt, antwortete er entrüstet: "Profitieren? Ich kann nicht mal mehr in eine Disko gehen und eine Cola trinken, ohne dass getuschelt wird: Vorsicht, der Wildmoser kommt. Macht mal schnell Platz für ihn!"

Entrüstet stellte Wildmoser die Frage: "Ist das etwa geil?" Für manchen schon, möchte man antworten. In einer Welt, in der Bestechung und Bestechlichkeit so üppig gedeihen wie Unkraut, regiert offenbar das Gesetz des Dschungels: Wer an die Tränke kommt, will auch saufen, und wer die Möglichkeit hat, macht so viel Beute wie möglich.

"Schäden bei 5,5 Milliarden Euro"

Wie ein Stück fette Beute liegt im Norden Münchens die Baustelle für das neue, gemeinsame Fußballstadion des FC Bayern und des TSV 1860. Der alte Wildmoser und sein Spross "Heinzi" stehen im Verdacht, beim Bau des neuen Fußballstadions Allianz-Arena im Münchner Norden sich auf derart dreiste Art die Taschen gefüllt zu haben, dass selbst das affärenverwöhnte bajuwarische Publikum schenkelklopfend konzediert: "Ja, solchen Bazis!"

Der TSV und sein Konkurrenzclub FC Bayern bauen die spektakuläre Arena gemeinsam. Rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 soll sie fertig sein.

Aus den acht Architektenentwürfen hatten die beiden Clubs im Herbst 2001 zwei Modelle in die engere Wahl gezogen: einen Vorschlag der Architekten Gerkan, Marg und Partner und, schon damals als Favorit, das Konzept der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron - zu realisieren von der österreichischen Baufirma Alpine. Und genau an diesem Punkt beginnt der Krimi um die Wildmosers.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, sie hätten sich für sage und staune 2,8 Millionen Euro das geheimste Wissen in diesem Bieterverfahren abkaufen lassen: Wie viel kostet das Projekt des Konkurrenten? Wie viel Geld kann der Auftraggeber maximal bezahlen?

Anfang Februar 2002 legten beide Architektenbüros ihre optimierten Entwürfe vor, und das Alpine-Modell erhielt den Zuschlag. Die Baufirma mit Zentralsitz in Salzburg hatte für ihr Stadion exakt 279,7 Millionen Euro veranschlagt und lag damit nur 300.000 Euro unter der Schmerzgrenze der Münchner Clubs.

Um Korruptionen aufzudecken, ist oft jahrelange Nachforschung nötig. Die dafür benötigten Kapazitäten fehlen aber an allen Ecken und Enden - damit häufig auch der Wille, konsequent in alle Ecken hineinzuleuchten.

95 Prozent der Fälle werden eingestellt. Und das Schlimmste ist: Keiner, der erwischt wird, muss anschließend fürchten, dass er von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen wird.

Schon bei den registrierten Wirtschaftsstraftaten - und Korruption gehört dazu - liegen die Schäden bei 5,5 Milliarden Euro. Wir sprechen von über 60 Prozent des ermittelten Gesamtschadens durch Kriminalität. Dadurch schwindet das Vertrauen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft.

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