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Entscheider: Ein Videoassistent reduziert Zufallsfehler
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Marc Aspland / News Licensing / ddp images

Buchtipp "Noise" Wie Sie besser urteilen können

Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass Sunstein sind drei Topforscher der Entscheidungspsychologie. Gemeinsam beschreiben sie, wie wir Fehler und Zufälle in unserem Handeln vermeiden können – und zu besseren Ergebnissen kommen.
Von Christian Schütte aus manager magazin 6/2021

Sie sind ein All-Star-Team der Entscheidungspsychologie: Daniel Kahneman, Ökonomienobelpreisträger und Erfolgsautor ("Schnelles Denken, langsames Denken"), Olivier Sibony, Businessprofessor an der HEC Paris, und Cass Sunstein, Ex-Berater Barack Obamas. Jeder für sich hat schon viel dazu geschrieben, warum unsere Urteile oft verzerrt sind. Ihre Koproduktion vertieft nun eine zentrale Unterscheidung: Fehler können einseitig ausfallen ("Bias") oder, wie ein Rauschen, zufällig streuen ("Noise").

Die einseitige Verzerrung, der Bias, sei in der Literatur "der Star der Show", konstatieren die Autoren. Ihr eigener Hauptschurke Noise sei nur "ein Komparse hinter den Kulissen". Deswegen haben sie ihn in ihrem Buch nach vorn auf die Bühne geschoben. Denn das Zufallsrauschen müsse man genauso ausschalten wie den Bias, wenn gerechter und verlässlicher entschieden werden soll. Urteile über Menschen oder Bewertungen von Projekten werden oft von vermeintlich ganz harmlosen Organisationsabläufen geprägt. So entstehen Zufallsfehler, die unabhängig vom stets heiß diskutierten Bias sind.

Nicht jedes Fehlurteil folgt einem Vorurteil. Ein Schiedsrichter kann neutral und doch unaufmerksam sein. Das wichtigste Mittel dagegen sind möglichst gute Prozesse der Qualitätssicherung.

"Entscheidungshygiene" nennen die Autoren ihre Strategie gegen den Noise als den "unsichtbaren Feind". Ihre Tipps sind zwar so nüchtern und unspektakulär wie eine Anleitung zum Händewaschen. Wie sehr es darauf ankommen kann, hat die Welt jedoch gerade wieder gelernt.

Fehlurteile aufgrund von "Störgeräuschen" wie zum Beispiel dem Wetter, der Tageszeit oder der sprichwörtlichen "Tagesform" der Entscheider sind ein rein statistisches Phänomen. Weil die Irrtümer völlig zufällig streuen, werden sie ausschließlich in der Gesamtschau einer großen Zahl von Entscheidungen sichtbar. Anders als bei dem einseitig verzerrenden "Bias" lässt sich beim "Noise" keine Kausalgeschichte erzählen, die typische Denkfehler, Vorurteile oder gar Manipulationen aufdeckt.

Systematische Erhebungen haben gezeigt, dass selbst Expertenurteile in wichtigen Fällen verblüffend breit streuen können. Das kann dramatische Folgen haben – etwa bei ärztlichen Diagnosen, Gerichtsurteilen oder kriminaltechnischen Ermittlungen. In der Wirtschaft führt es zu Fehlern bei der Leistungsbeurteilung, Zukunftsprognosen oder in der Personalauswahl.

Viele Studien haben beispielsweise nachgewiesen, dass die klassischen Vorstellungsgespräche extrem fehleranfällig sind. Die Entscheider überschätzen ihr intuitives Gespür in den Gesprächen erheblich. Strukturierte Auswahlverfahren, wie sie etwa der Google-Konzern verwendet, setzen nicht nur auf eine größere Zahl von Interviews. Sie zerlegen den Beurteilungsprozess auch in verschiedene Komponenten. Der Faktor Gespür zählt weiterhin. Er fließt aber erst in der letzten Entscheidungsstufe ein.

Mit den Möglichkeiten, die Entscheidungsprozesse in Unternehmen konsistenter zu machen, beschäftigt sich Daniel Kahneman schon seit Jahren. Hier eine Übersicht aus dem Harvard Business manager.

Mehr über die Autoren:

Daniel Kahneman (87) erhielt 2002 den Wirtschaftsnobelpreis  – ist aber eigentlich Psychologe. Er entwickelte zusammen mit seinem Kollegen Amos Tversky (1937–1996) und dem Ökonomen Richard Thaler (75) die Grundlagen der "Behaviorial Economics", einer "verhaltensorientierten" Wirtschaftsforschung, die sich nicht auf das Modell des streng rationalen "Homo oeconomicus" stützt, sondern die tatsächlichen Entscheidungsmuster erklären will. Richard Thaler erhielt dafür 2017 ebenfalls den Nobelpreis .

Die Verhaltensökonomen zeigten, dass bestimmte psychologische Effekte das rein rationale Kalkül systematisch verzerren können. Auch in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten sind lassen sich solche typischen "Anomalien" finden. Kahnemans Buch "Thinking fast, thinking slow" (2011), das seine Forschung allgemeinverständlich zusammenfasst, ist zu einem Weltbestseller geworden.

Sein neuer Co-Autor Cass Sunstein (66) ist Rechtsprofessor in Harvard und einer der wichtigsten Vordenker des "Nudging" – einer Politik, die versucht, Verbraucher und Wähler mit kleinen psychologischen Tricks in erwünschte Richtungen zu "stupsen". Schon das Arrangement der Optionen kann lenkend wirken: In der Cafeteria steht gesunder Salat an prominenter Stelle; ein erwünschtes Verhalten wird zwar nicht vorgeschrieben, wird aber standardmäßig unterstellt und muss aktiv verweigert werden (Opt-out). Gemeinsam mit Richard Thaler veröffentlichte Sunstein 2008 den Bestseller "Nudge" . Von 2009 bis 2012 war er im Weißen Haus bei Barack Obama für die Regulierungspolitik zuständig. Derzeit berät er die Biden-Regierung in Migrationsfragen.

Olivier Sibony war McKinsey-Partner, seit 2015 ist er Businessprofessor für Strategie und Entscheidungsfindung an der Pariser HEC. Auch der Franzose beschäftigt sich seit Langem mit den versteckten psychologischen Ursachen von Fehlentscheidungen. Er hat auch schon früher mit Kahneman publiziert. Sein Buch "You're About to Make a Terrible Mistake: How Biases Distort Decision-Making and What You Can Do to Fight Them"  (2020) ist eine spannend geschriebene Einführung in die gängigsten "Fallen" für Manager.

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