Schlappe im Glyphosat-Streit Bayer steigt aus US-Vergleichsverfahren aus

Niederlage für Bayer-Chef Werner Baumann im Glyphosat-Rechtsstreit: Der zuständige US-Richter hat den vorgeschlagenen Vergleich abgelehnt. Bayer steigt deshalb aus dem Vergleichsverfahren für mögliche künftige Kläger aus - und stellt den Verkauf von Roundup an US-Privatkunden auf den Prüfstand.
Schlappe für den Bayer-Chef: Werner Baumann hat im Rechtsstreit um den Unkrautvernichter Glyphosat in den USA eine schwere Niederlage erlitten

Schlappe für den Bayer-Chef: Werner Baumann hat im Rechtsstreit um den Unkrautvernichter Glyphosat in den USA eine schwere Niederlage erlitten

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Der deutsche Chemiekonzern Bayer steigt im Streit um den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup aus einem US-Vergleichsverfahren für mögliche künftige Kläger aus - und stellt nun den Verkauf von Roundup an US-Privatkunden auf den Prüfstand. Das gab der Konzern in der Nacht auf Donnerstag bekannt. Zuvor hatte der zuständige Richter Vince Chhabria einen Vorschlag des Konzerns zum Umgang mit künftigen Klagen als "schlicht unvernünftig" abgelehnt. Bayer hatte gehofft, dass eine Beilegung künftiger Streitigkeiten gegen Zahlung von zwei Milliarden US-Dollar vorläufig genehmigt würde. Für Bayer-Chef Werner Baumann, der mit dem Kauf der US-Firma Monsanto die Rechtsrisiken um Glyphosat mit eingekauft hatte, ist das eine verheerende Niederlage .

Nun braucht Bayer einen Plan B. "Die Entscheidung macht es unmöglich, den vorgeschlagenen nationalen Lösungsmechanismus unter der Aufsicht dieses Gerichts weiterzuentwickeln, der die fairste und effizienteste Lösung für alle Parteien gewesen wäre", erklärte Bayer. Der zuständige Richter hatte sich bereits zuvor skeptisch gegenüber einem Vergleichsentwurf zum Umgang mit künftigen Glyphosat-Klagen in den USA gezeigt.

"Fünf-Punkte-Plan" für Umgang mit möglichen künftigen Klagen

Nun beschreitet Bayer einen neuen Weg. Der Konzern stellte einen "Fünf-Punkte-Plan zum effektiven Umgang mit potenziellen künftigen Glyphosat-Klagen" vor. Dieser umfasse "rechtliche als auch kommerzielle Schritte, die dazu dienen, mit den Risiken aus dem Rechtskomplex in einer Weise umzugehen, die mit dem bislang vorgeschlagenen Lösungsmechanismus vergleichbar ist". "Eine unendliche Geschichte", kommentierten die Analysten vom Brokerhaus Bryan Garnier. "Durch die Ablehnung bleibt das Damoklesschwert über Bayer hängen."

"Thank you, Werner": Monsanto-Chef Hugh Grant (rechts) und Bayer-Chef Werner Baumann verkünden im Herbst 2016 die Übernahme von Monsanto durch Bayer. Baumann handelt sich mit dem Kauf milliardenschwere Rechtsrisiken in den USA ein, Grant geht mit einer Abfindung in Höhe von 123 Millionen Dollar und kann sein Glück kaum fassen

"Thank you, Werner": Monsanto-Chef Hugh Grant (rechts) und Bayer-Chef Werner Baumann verkünden im Herbst 2016 die Übernahme von Monsanto durch Bayer. Baumann handelt sich mit dem Kauf milliardenschwere Rechtsrisiken in den USA ein, Grant geht mit einer Abfindung in Höhe von 123 Millionen Dollar und kann sein Glück kaum fassen

Foto: dpa

Bayer kündigte auch an, das Angebot von Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup für US-Privatkunden auf den Prüfstand zu stellen. "Das Unternehmen wird weiterhin auf dem US-amerikanischen Privatkundenmarkt aktiv sein, aber umgehend mit Partnern über die Zukunft von Glyphosat-basierten Produkten auf diesem Markt diskutieren", erklärte der Leverkusener Konzern. "Diese Diskussionen betreffen nicht die Verfügbarkeit von Glyphosat-basierten Produkten für professionelle Nutzer und die Landwirtschaft."

Bayer will die Rechtsstreitigkeiten über eine mögliche krebserregende Wirkung von Roundup mit Entschädigungszahlungen in Höhe von insgesamt rund elf Milliarden Dollar beilegen. Davon sind etwa neun Milliarden Dollar für rund 125.000 Kläger vorgesehen, deren Klagen bereits eingereicht wurden oder in Vorbereitung sind. Zwei Milliarden Dollar sind für mögliche künftige Klagen vorgesehen.

Bayer wollte den Streit mit insgesamt 11 Milliarden US-Dollar beilegen

Den Lösungsvorschlag für diese künftigen Klagen hatte Richter Chhabria nun abgelehnt. Die Vereinbarung würde für die Bayer-Tochter Monsanto, die Roundup herstellt, "viel erreichen", schrieb der Richter in seiner Entscheidung. "Sie würde viel weniger für Roundup-Nutzer erreichen, die noch nicht mit (der Krebserkrankung Non-Hodgkin-Lymphom) NHL diagnostiziert wurden."

Bayer hatte Monsanto 2018 für rund 54 Milliarden Euro gekauft. Der Streit um den Unkrautvernichter Roundup ist für den Leverkusener Konzern bis heute eine juristische und finanzielle Belastung. Der Börsenwert von Bayer hat sich seitdem zeitweise halbiert, Baumann hat mit dem Kauf Milliarden Euro an Aktionärskapital vernichtet.

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Bayer ist in den USA in drei Prozessen wegen Krebserkrankungen nach einer Nutzung von Roundup bereits zu hohen Entschädigungszahlungen verurteilt worden. Erst Mitte Mai bestätigte ein Bundesberufungsgericht in San Francisco eine Verurteilung des Konzerns zu rund 25 Millionen Dollar Schadensersatz an einen an Krebs erkrankten Kläger. Der Konzern bestreitet, dass der Unkrautvernichter krebserregend ist. Die Frage ist in der Forschung umstritten.

Die überwiegende Mehrheit der Kläger in dem Rechtsstreit hat Roundup privat etwa im eigenen Garten verwendet. Das Geschäft mit diesen macht aber nur einen geringen Teil des Roundup-Umsatzes aus, die Erlöse im US-Gartensegment betragen nach Angaben von Bayer rund 300 Millionen Euro im Jahr. Wesentlich wichtiger ist das Geschäft mit der Landwirtschaft - für die US-Bauern sei Roundup-Produkte systemrelevant, erläuterte Bayer. Glyphosat ist seit Jahren das Standardprodukt für Farmer in den USA und Lateinamerika, weil es breit wirkt und das Saatgut der Nutzpflanzen dagegen resistent gemacht wurden. Dieses Geschäft stellt Bayer deshalb nicht infrage. Insgesamt erzielte der Konzern im vorigen Jahr mehr als die Hälfte seiner Herbizid-Umsätze von rund fünf Milliarden Euro mit Roundup-Produkten.

Bayer will vor das höchste US-Gericht ziehen

Noch stehen für knapp 30.000 der zuletzt bekannten insgesamt 125.000 eingereichten und drohenden Klagen Einigungen aus. Die Berufungsverfahren für bereits verlorene Klagen will Baumann weiter vorantreiben und bis vor das Oberste Gericht der USA ziehen. Ein mögliches Urteil des Supreme Court könnte Mitte kommenden Jahres erfolgen, schätzt Bayer.

rei/AFP/Reuters