Mittwoch, 13. November 2019

Bilanz nach sechs Monaten Test in Hamburg Autonome VW sehen den Verkehr für zehn Sekunden voraus

Testfahrt mit autonom fahrendem Elektro-Golf in Hamburg

Volkswagen will nach Tests mit autonom fahrenden Autos in Hamburg mittelfristig zur Serienreife übergehen. "Wir arbeiten an einem marktreifen selbstfahrenden System, das wir bereits ab Mitte der kommenden Dekade kommerzialisieren wollen", sagte der VW-Vizechef für Autonomes Fahren, Alexander Hitzinger, am Mittwoch in Hamburg.

Die speziell ausgerüsteten und in Hamburg eingesetzten Elektro-Golfs seien bereits in der Lage, das Verkehrsgeschehen für rund zehn Sekunden vorauszuberechnen. Dies geschehe mit Hilfe der Daten, die seit April auf der von der Hansestadt eingerichteten Strecke für automatisiertes und vernetztes Fahren (TAVF) gewonnen wurden.

Dennoch sei vollautonomes Fahren im großen Stil - mit mehr als 100 000 Fahrzeugen - "eine Herkulesaufgabe", ergänzte Hitzinger. Denn es gebe eine unendliche Zahl von Verkehrsszenarien, die von Algorithmen abgedeckt werden müssten. Zudem müssten die Systeme bis zur Serienreife verkehrs-, aber auch datensicher entwickelt sein, um mögliche Cyber-Angriffe abwehren zu können.

Die nötige Software kommt bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen vom Team der "Group Innovation", das von Anfang 2020 an die Basis der jüngst gegründeten Volkswagen Autonomy GmbH (VWAT) bildet. Der Konzern hatte kürzlich erklärt, bis zur Mitte der 2020er Jahre eine kommerzielle Nutzung selbstfahrender Autos anzustreben. VWAT soll hierzu auch mit dem US-Hersteller Ford zusammenarbeiten.

Die VWAT solle ein eigenes selbstfahrendes System zur Marktreife bringen, für das laut Hitzinger China und die USA Vorreitermärkte werden dürften. In Europa sei es schwieriger, bis dahin die rechtlichen Rahmenbedingungen festzulegen. Als erste Anwendungen sieht VW hierfür Taxis und Lieferfahrzeuge.

Den Unternehmensangaben zufolge sind in Hamburg fünf umgerüstete Elektro-Golfs auf einer knapp drei Kilometer langen Teststrecke im Einsatz. Sensoren auf dem Dach, in den Kotflügeln sowie im Front- und Heckbereich der Fahrzeuge überprüfen die Umgebung. Die Autos kommunizieren mit spezieller Technik ("Road Side Units") an 14 Ampeln. Das autonome Fahren ist eines von mittlerweile 70 Projekten, mit denen sich Hamburg als Veranstalter auf den ITS-Weltkongress für intelligente Verkehrssysteme in knapp zwei Jahren vorbereitet.

In einem anderen Projekt werden autonom fahrende Kleinbusse im Straßenverkehr getestet. Die Entwickler dort berichten von unerwarteten Hindernissen wie Passanten, die absichtlich vor die Fahrzeuge springen. Ebenfalls in Hamburg unterwegs sind die - noch bemannten - Elektro-Shuttles der Volkswagen-Tochter Moia. Das Geschäft expandiert, obwohl die Zweifel im Konzern an den neuen Mobilitätsdiensten wachsen.

"Es geht vor allem darum, zu lernen", sagte Thomas Sedran, der im Volkswagen-Konzern die Entwicklung autonomer Fahrzeuge verantwortet, im Interview mit dem manager magazin. Nach der ersten Euphorie seien die Erwartungen in der Branche an die neue Technik wieder deutlich gesunken.

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten was autonomes Fahren bedeutet und wie der Stand der Technik aktuell ist, hören Sie unseren Podcast:


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