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#vanlife: Reisen mit dem Bulli

Foto: Paul Nitzschke/passport-diary.com/dpa-tmn

Abenteuerreisen mit dem Van #vanlife: Vom Hype zum Dauertrend

Der Instagram-Hype #vanlife macht schnödes Camping wieder modern. Aussteiger Paul Nitzschke erklärt, welches Lebensgefühl dahinter steckt.

Ein einsamer Bulli auf der Landstraße im Nirgendwo, auf dem Dach ein Surfbrett. Ein süßer Hund, der durch die Heckklappe in die Wildnis lugt. Die Bikini-Schönheit, die am Strand vor ihrem nostalgischen VW-Bus in Yoga-Pose zusieht, wie die Sonne im Meer versinkt. Bald fünf Millionen Bilder sind unter dem Stichwort #vanlife auf Instagram zu finden - die meisten sorgfältig inszeniert.

Das Leben im Van und noch mehr das Reisen mit dem Bulli ist zum Lifestyle-Trend geworden. Paul Nitzschke, der wohl erfolgreichste deutsche "Vanlifer", weiß, was diese Form des Reisens ausmacht und wie Anfänger das Lebensgefühl Vanlife im Urlaub erleben können.

Kartoshka hat ihre besten Zeiten hinter sich. Ein Scheinwerfer fehlt, und die frische Spachtelmasse gibt dem dunkelgrünen, auf den Namen Kartoffel getauften UAZ Buchanka einen schäbigen Tarnfarben-Look. Der "Bulli des Ostens" ist Paul Nitzschkes neuestes Projekt.

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Sobald der alte, russische Bus generalüberholt und fertig ausgebaut ist, wird der Blogger einziehen und von Kirgistan in Richtung Mongolei aufbrechen. Nitzschke verdient damit inzwischen seinen Lebensunterhalt. Mit Nutzerzahlen im sechsstelligen Bereich ist sein Blog Passport Diary nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Magazin über das Vanlife. Seine E-Books rund um den Camperausbau verkaufen sich gut, auf Instagram folgen ihm 31.000 Menschen.

"Früher bin ich morgens aufgestanden, schnell unter die Dusche gesprungen, habe unterwegs zur Arbeit gefrühstückt. Mein ganzer Tag war voller Hektik", sagt Nitzschke, der vor seinem Leben als digitaler Nomade als Marketingexperte in der Berliner Start-up-Szene gearbeitet hat. "Jetzt nehme ich mir morgens die Zeit, die ich brauche, sitze erstmal mit einem Kaffee in der Sonne. Dieses In-den-Tag-hinein-leben empfinde ich als unglaublich wertvoll."

Beim Vanlife geht es um Entschleunigung. Wenn Nitzschke in seinem alten Mercedes-Bus mit 72 PS den Pamir-Highway in Tadschikistan, die zweithöchste befestigte Fernstraße der Welt, hinaufkriecht, ist Geduld gefragt. Es geht um die Freiheit, jeden Tag aufs Neue zu entscheiden, wo es hingehen soll. Es geht darum, sich einzulassen - auf die Natur, auf fremde Menschen und das Abenteuer abseits ausgetretener Pfade.

Damit bediene das Social-Media-Phänomen eine Reihe aktueller Trends, schreibt das US-Magazin "The New Yorker", das der Bewegung einen langen Artikel widmete. Die Sehnsucht nach Naturverbundenheit, Selbstverwirklichung und Einfachheit, aber auch eine bessere Work-Life-Balance gehören dazu.

"Ich kann den Schlüssel umdrehen, losfahren und überall hinkommen. Das ist ein sehr selbstbestimmtes Reisen", sagt Nitzschke, der am liebsten durch touristisch unerschlossene Länder fährt. "Man ist draußen in der Natur und lässt die Seele baumeln."

Campingplätze sind in der Community verpönt

Zum Vanlife, wie es auf Instagram inszeniert wird, gehört der Stellplatz in der Natur. Die Bullis stehen an einsamen Stränden, unter dem Sternenhimmel in der Wüste, am spektakulären Bergsee. Natürlich ohne andere Fahrzeuge. Oft ist die Kulisse zu schön, um wahr zu sein. Campingplätze sind in der Community verpönt.

"Was ich früher mit meinen Großeltern gemacht habe, der Wohnmobilurlaub in Spanien, hat einfach ein Image-Problem. Diese spießbürgerliche Art, seinen Urlaub zu verbringen, entspricht nicht dem Zeitgeist der Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren", ist sich Nitzschke sicher. "Aber im Endeffekt beruhen Camping und Vanlife auf demselben Grundprinzip. Vanlife ist durch den Verzicht auf feste Plätze nur ein bisschen selbstbestimmter."

Der 31-Jährige ist hauptsächlich in Osteuropa und Zentralasien unterwegs, von der Ostukraine bis zum Iran, in einer Region, in der Wildcampen oft geduldet wird. "Natürlich muss man sich darüber informieren, was in welchem Land geht und was nicht. Und man sollte sich immer vernünftig benehmen, seinen Müll nicht herumliegen lassen", sagt Nitzscke.

Doch auch für andere europäische Ziele und Destinationen weltweit gibt es Apps wie ioverlander oder park4night, die die Stellplatzsuche vereinfachen und legale Übernachtungsmöglichkeiten auflisten. Ob wild oder auf dem Campingplatz.

"Vanlife ist eine moderne Art des Campings. Wer das nicht mag, für den wird das Vanlife auch nichts sein", ist Nitzschke überzeugt. Schließlich geht es bei dieser Art des Reisens auch um materiellen Minimalismus, das Nötigste muss auf wenigen Quadratmetern untergebracht werden. Der Platz ist begrenzt.

Vorgemacht hat diesen Lebensstil der Vanlife-Erfinder Foster Huntington. Der Amerikaner kündigte 2011 mit gerade 23 Jahren seinen gut bezahlten Job bei Modedesigner Ralph Lauren in New York und tauschte seine Wohnung gegen einen 1987er VW T3 Synchro. Die Fotos von einsamen Standorten und wilder Natur, die er von seinem drei Jahre währenden Roadtrip bei Instagram postete, versah er mit dem Hashtag #vanlife. Obwohl die Plattform damals nur einen Bruchteil der heutigen Nutzer zählte, fanden sich schnell Nachahmer.

Auch Paul Nitzschke ließ sich vom Vanlife-Trend in den USA inspirieren. Seit zwei Jahren hat er keine eigene Wohnung mehr, 25 Länder bereiste er in dieser Zeit mit seinem Bus. "Für mich ist es jetzt Komfort, mein Zuhause immer dabei zu haben. Ich habe meine Küche, in der ich kochen kann. Ich habe ein tolles Bett. Diese Art von Reisen bedeutet keinen großen Verzicht", sagt er.

Trotzdem richtet sich sein Blog, für den inzwischen auch fünf weitere Blogger über Tipps und Tricks rund ums Vanlife schreiben, vor allem an Reisende mit begrenztem Budget. Neben den Millennials, zwischen 1980 und 2000 geboren, die den Großteil der stetig wachsenden Vanlife-Szene ausmachen, gibt es auch Familien und Rentner, die ständig oder ein paar Wochen im Jahr im Camper-Van, Bulli oder Kombi leben. Sie alle vernetzen sich über die von Paul Nitzschke gegründete Initiative Vanlife Germany, deren regionale Gruppen in fast allen großen deutschen Städten regelmäßig Treffen veranstalten.

Ganz nebenbei erlebt auch das klassische Caravaning einen nie gekannten Aufschwung: Laut Caravaning Industrie Verband (CIVD) verreisen inzwischen mehr als drei Millionen Deutsche mit dem Reisemobil oder Caravan. Im Jahr 2018 wurden mehr solcher Fahrzeuge zugelassen als jemals zuvor. Da fehlt nur noch der passende Hashtag.

Mona Contzen, dpa
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