Sonntag, 26. Januar 2020

Teststrecken für Autos Quälen bis zur Serienreife

Autotests: Vor der Serienreife kommt die Autoquälerei
TMN

Neue Fahrzeuge werden immer noch über Teststrecken gescheucht. Am Computer kann man zwar einige Komponenten entwickeln - alles testen kann man aber nicht. Fahrpraxis ist unerlässlich, um Zukunftstechnologien serienreif zu machen.

Aachen/Stuttgart - Mit wimmernden Reifen dreht die Limousine ihre Runden auf der Nürburgring-Nordschleife. Sie bremst ruckartig, beschleunigt wieder und schlängelt sich durch die Kurvenkombinationen. Die Karosserie ist mit wilden Mustern versehen, die Scheinwerfer und Rückleuchten sind abgeklebt, auf dem Dach wackeln mehrere Antennen.

Es ist ein Auto auf Erprobungsfahrt, hinter dem Lenkrad sitzt ein Ingenieur. Denn trotz leistungsstarker Computer, Windkanälen und 3-D-Animationen drehen immer noch reale Prototypen ihre Runden auf Test- und Rennstrecken.

"Grundsätzlich werden alle Fahrzeuge und Komponenten eines Autos getestet. Hierfür kommen stationäre Prüfstände, aber eben auch Teststrecken zum Einsatz", sagt Micha Lesemann, Oberingenieur am Institut für Kraftfahrzeuge der RWTH Aachen University und Geschäftsführer des Aldenhoven Testing Centers (ATC). Auch die Wechselwirkungen der Komponenten und Fahrzeuge untereinander, beispielsweise bei einer automatisierten Kolonnenfahrt, werden auf Teststrecken untersucht.

Zudem benötige man für eine Simulation valide Eingangsdaten. "Man muss ermitteln, wie die Realität aussieht. Das kann auf einer Teststrecke erfolgen, die reproduzierbare Bedingungen bietet", sagt Lesemann. Spätestens am Ende des Entwicklungsprozesses stehen dann Erprobungen im oder am realen Fahrzeug. So stellen die Entwickler sicher, dass die Ergebnisse der Simulation korrekt sind. "Außerdem ist das Gesamtsystem Fahrzeug so komplex, dass sich alle Wechselwirkungen trotz der heutigen enormen Rechenleistungen nicht zu 100 Prozent simulieren lassen", so Lesemann.

Mehr Zeit durch Simulation

Die meisten Hersteller haben deshalb eigene Strecken, auf denen sie ungestört ihre Runden drehen können. Opel prüft in Dudenhofen und Pferdsfeld seine Autos, zusätzlich auch auf gemieteten Strecken in den USA, Kanada, Skandinavien und Spanien. Ford Europa fährt im belgischen Lommel, in Spanien, auf dem Nürburgring und in Schweden.

Ein Ende für die Autoquälerei auf Asphalt ist nicht in Sicht. "Die Fahrzeugentwicklung findet zwar immer mehr am Computer statt, dafür wird aber andererseits auch immer mehr Aufwand für die Feinabstimmung betrieben. Denn durch die Simulation gewinnen wir Zeit", sagt Norbert Kessing, Manager Vehicle Dynamics bei Ford Europa.

Dadurch können die Ingenieure bei der Feinabstimmung von elektrischen Servolenkungen, Stoßdämpfern, Federn, Gummilagern oder Stabilitätsprogrammen mehr ins Detail gehen und sie noch weiter optimieren. "Und das findet nach wie vor auf Teststrecken statt", sagt Kessing. Auch die Dauerhaltbarkeit der Komponenten und ihr Verhalten unter den verschiedensten Umweltbedingungen könne in der Regel nur durch reale Fahrzeugtests geprüft und validiert werden.

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