Sonntag, 18. August 2019

Motorsport auf Salz und Sand Mit 1228 km/h durch die Wüste

Römö, El Mirage, Bonneville: Motorsport auf Salz und Sand
Flock London/Bloodhound Programme Ltd/dpa-tmn

Heute wagt man sich allenfalls noch im SUV an den Strand. Doch wer früher einen wirklich schnellen Rennwagen fahren wollte, der musste von der Straße und sein Glück auf Sand oder Salz versuchen. In Römö (Dänemark), El Mirage und Bonneville (USA) lebt die Tradition weiter.

Ihre Autos haben den technischen Stand von 1939, und ihre Klamotten sehen auch nicht viel jünger aus. Doch das hier ist kein Oldtimer-Treffen, kein Filmdreh und kein Karneval, sondern ernst gemeinter Motorsport - selbst wenn es dabei nur um Ruhm und Ehre geht und um den Spaß an der Geschwindigkeit. Denn einmal im Jahr treffen sich am Strand von Römö (Rømø) im südwestlichsten Winkel Dänemarks viele Tausend PS-Fans, um mehr als 100 Motorräder und Autos dabei zu bejubeln, wie sie die Kindertage des Motorsports noch einmal lebendig werden lassen.

"Das hier waren die Rennstrecken unserer Großväter", sagte Steffan Skov am Renntag 2018 mit Blick auf den kilometerlangen Strand der Ferieninsel. Er hat vor drei Jahren das Rømø Motor Festival mit aus der Taufe gehoben, um damit an die bald 100 Jahre zurückliegenden Rekordfahrten auf der Nachbarinsel Fanö (Fanø) zu erinnern: Nirgendwo auf der Welt sei man damals schneller unterwegs gewesen als auf diesem Streifen Strand.

Der Sand dort war härter, glatter und griffiger als die mit Kopfstein gepflasterten Straßen oder der Schotter auf den vereinzelten Rennstrecken. "Egal ob reiche Draufgänger, gelangweilte Privatiers, Hasardeure oder die wenigen Profis jener Zeit: Wer es wirklich wissen wollte mit seinem Rennwagen, der musste deshalb hierher kommen", sagte Skov, während hinter ihm ein Oldtimer nach dem anderen auf die Viertelmeilen-Strecke ging.

Einer der ganz Großen jener Zeit war der Opel-Rennfahrer Carl Jörns. Der fuhr mit einem Auto, das den bezeichnenden Namen Grünes Monster trägt und noch heute am Strand unterwegs ist, so Opel-Pressesprecher Uwe Mertin. Damit schraubte Jörns 1922 das Tempo auf schier unglaubliche 228 km/h. Ein anderer war der Brite Sir Malcom Campbell mit seinem berühmten Bluebird.

Lesen Sie auch: Monterey - die PS-Party wird elektrisch

Die Sucht nach Speed war damals von Europa schon in die USA übergeschwappt. Denn als ihre meist von Flugzeugmotoren betriebenen Rennwagen immer schwindelerregendere Geschwindigkeiten erreichten, wurden den Rekordjägern irgendwann die Straßen zu voll, die Rennstrecken zu eng und die Strände zu kurz, berichtet Jennifer Jordan, die als Mitautorin des Dokumentarfilmes "Boys of Bonneville" die Geschichte das Landspeed Racings erzählt. Deshalb sind sie schon während des Ersten Weltkrieges auf die ausgetrockneten Seen bei El Mirage und Muroc in Kalifornien, bei Black Rock im US-Staat Nevada und auf dem legendären Salzsee von Bonneville in Utah ausgewichen.

Camille Jenatzy konnte seinen elektrisch angetriebenen Jamais Contente ("Nie zufrieden") 1899 auf einer noch ziemlich einsamen Landstraße ausfahren und zum erstem Mal Tempo 100 durchbrechen. Und Ernest Eldrige hat den Pakt mit dem Teufel mit seinem Fiat Mefistofele bei 234,98 km/h vor den Toren von Paris geschmiedet. Doch als Autos wie der Blitzen Benz zum ersten Mal ein Durchschnittstempo jenseits von 200 km/h erreichten, mussten sie auf Rundstrecken wie Brooklands ausweichen, kann man im Mercedes-Archiv nachlesen. Aber auch das war bald zu gefährlich. Und mitten im Krieg war selbst den Rennfahrern die Lust an der Raserei in Europa vergangen. Deshalb hat sich der Schwerpunkt der Rekordjagd auf die andere Atlantikseite verlagert. Die trockenen Seen in den Wüsten des Westens wurden zu den Hotspots der Heißsporne, und die Rekorde fielen im Wochenrhythmus.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung