Donnerstag, 22. August 2019

Verkehrsexperte Hermann Knoflacher "Der Autofahrer ist absolut asozial"

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Hermann Knoflacher (78) ist der geistige Vater der weitgehend autofreien Wiener Innenstadt. Der Professor für Verkehrswissenschaften bezeichnet das Auto als Virus, dessen Geschwindigkeit dem Menschen keinerlei Nutzen bringt.

Professor Knoflacher, in den Siebzigerjahren revolutionierten Sie die Verkehrsplanung der Stadt Wien. Damals zählte Ihr "Gehzeug" zu den kreativen Ideen, um Menschen von der Notwendigkeit für Veränderungen zu überzeugen. Was ist das?

Hermann Knoflacher
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    imago/Willi Schewski
    Hermann Knoflacher (78) ist seit 1975 Professor am Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien. Er entwickelte Verkehrskonzepte für verschiedene große Städte, darunter Wien, Innsbruck und Meran. Hermann Knoflacher kritisiert die automobile Gesellschaft und fordert die Aufwertung von Fuß-, Rad- und öffentlichem Verkehr in Städten und auf dem Land.

Knoflacher: Es ist ein Rahmen, der wie ein normales Mittelklasseauto aussieht. Fußgänger können diesen Rahmen mit der Hilfe eines Gurtes tragen. Dabei wird auf einen Blick deutlich, wie absurd der Flächenverbrauch eines Autos ist. Heute ist der Rahmen weltweit im Einsatz: in Kalifornien, Paris, in der Türkei. Es gibt fast kein Land, wo das Gehzeug an autofreien Tagen nicht irgendwo unterwegs ist. Es macht vor allem Kindern riesigen Spaß. Ich unterrichte an Kinder-Unis in Wien und Steyr, und wenn wir dort mit dem Gehzeug unterwegs sind, passen ungefähr 20 Kinder hinein. Daran sieht man, wie viel Platz jedes Auto den Kindern wegnimmt.

Als Sie in Wien das Auto zurückdrängten, mussten Sie vermutlich einige Widerstände überwinden?

Die Zahl der Gegner war natürlich enorm. Doch die verkehrsplanerischen Maßnahmen von damals haben bis heute Erfolg. Früher fuhren in Wien 120.000 Autos durch die Innenstadt. Jetzt ist es nicht angebracht, morgens nach zehn Uhr mit dem Auto dort aufzutauchen. Denn dann sind 100.000 Fußgänger unterwegs.

Was ist das größte Verkehrsproblem unserer Zeit?

Dummheit.

Erklären Sie uns das etwas genauer?

Die Menschen begreifen nicht, dass das Auto sie in eine völlig andere Raum-Zeit-Dimension katapultiert, die sie nicht verstanden haben. Sie fühlen sich gut, während sie die Natur zerstören, die Landschaft zerstören, die Städte zerstören, die Wirtschaft zerstören. Das sind langsame Prozesse, die viele nicht bemerken. Dazu kommt, dass das Auto Menschen mit nachhaltigen Verkehrsmitteln den Boden entzieht, indem es den öffentlichen Raum zur lebensgefährlichen und ungesunden Umwelt macht.

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Dieses Interview erschien zuerst in:

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Warum fährt der Mensch überhaupt so gerne Auto?

Er fühlt sich stark und überlegen durch die Kraft des Autos. Dazu kommt, dass unsere Welt auf das Auto ausgelegt wurde und alle anderen Mobilitätsbedürfnisse unterdrückt. In einer solchen Umgebung ist es natürlich logisch, dass jeder Mensch mehr oder weniger zum Autofahren gedrängt wird - sogar gezwungen wird. Es macht deshalb keinen Sinn, auf jemanden mit dem Finger zu zeigen, der Auto fährt. Wir müssen die Bedingungen fürs Autofahren verändern.

Eines Ihrer Bücher trägt den Titel "Virus Auto". Sie meinen also, dass Autos krank machen?

Ein Virus manipuliert die Zelle, in die es aufgenommen wurde, damit diese nicht mehr für den Organismus arbeitet, sondern sich auf die Reproduktion der Erbinformation der Viren beschränkt. Das Gleiche passiert auch mit der menschlichen Gesellschaft. Diese plant und baut nicht mehr Städte für Menschen, sondern für das Auto.

Nutzen Sie niemals ein Auto?

Wenn ich etwas Großes transportieren muss, organisiere ich ein Auto. Normalerweise aber gehe ich zu Fuß und fahre mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Rad. Letzteres verbotenerweise seit meinem vierten, fünften Lebensjahr, da habe ich das Fahrrad meiner Mutter entwendet. Später bin ich eigentlich immer beim Rad geblieben, auch als ich den Führerschein gemacht hatte. Heute bewege ich mich mit den drei umweltfreundlichen Verkehrsmitteln fort: meinen Beinen, meinem Rad und dem öffentlichen Verkehr.

Wie sieht Ihr Bild einer idealen Mobilität aus?

Alle Menschen würden sich darin frei bewegen. Wir sind Zweibeiner, also würden wir gehen. Für längere Fußwege bräuchten wir zusätzlich das Fahrrad, um mit eigener Körperkraft voranzukommen. Größere Entfernungen legten wir in dieser idealen Welt nicht mit dem Auto, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück.

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