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Verkehrsexperte Hermann Knoflacher "Der Autofahrer ist absolut asozial"

Hermann Knoflacher (78) ist der geistige Vater der weitgehend autofreien Wiener Innenstadt. Der Professor für Verkehrswissenschaften bezeichnet das Auto als Virus, dessen Geschwindigkeit dem Menschen keinerlei Nutzen bringt.
Von Ronja Mößbauer

Professor Knoflacher, in den Siebzigerjahren revolutionierten Sie die Verkehrsplanung der Stadt Wien. Damals zählte Ihr "Gehzeug" zu den kreativen Ideen, um Menschen von der Notwendigkeit für Veränderungen zu überzeugen. Was ist das?

Knoflacher: Es ist ein Rahmen, der wie ein normales Mittelklasseauto aussieht. Fußgänger können diesen Rahmen mit der Hilfe eines Gurtes tragen. Dabei wird auf einen Blick deutlich, wie absurd der Flächenverbrauch eines Autos ist. Heute ist der Rahmen weltweit im Einsatz: in Kalifornien, Paris, in der Türkei. Es gibt fast kein Land, wo das Gehzeug an autofreien Tagen nicht irgendwo unterwegs ist. Es macht vor allem Kindern riesigen Spaß. Ich unterrichte an Kinder-Unis in Wien und Steyr, und wenn wir dort mit dem Gehzeug unterwegs sind, passen ungefähr 20 Kinder hinein. Daran sieht man, wie viel Platz jedes Auto den Kindern wegnimmt.

Als Sie in Wien das Auto zurückdrängten, mussten Sie vermutlich einige Widerstände überwinden?

Hermann Knoflacher
Foto: imago/Willi Schewski

Hermann Knoflacher (78) ist seit 1975 Professor am Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien. Er entwickelte Verkehrskonzepte für verschiedene große Städte, darunter Wien, Innsbruck und Meran. Hermann Knoflacher kritisiert die automobile Gesellschaft und fordert die Aufwertung von Fuß-, Rad- und öffentlichem Verkehr in Städten und auf dem Land.

Die Zahl der Gegner war natürlich enorm. Doch die verkehrsplanerischen Maßnahmen von damals haben bis heute Erfolg. Früher fuhren in Wien 120.000 Autos durch die Innenstadt. Jetzt ist es nicht angebracht, morgens nach zehn Uhr mit dem Auto dort aufzutauchen. Denn dann sind 100.000 Fußgänger unterwegs.

Was ist das größte Verkehrsproblem unserer Zeit?

Dummheit.

Erklären Sie uns das etwas genauer?

Die Menschen begreifen nicht, dass das Auto sie in eine völlig andere Raum-Zeit-Dimension katapultiert, die sie nicht verstanden haben. Sie fühlen sich gut, während sie die Natur zerstören, die Landschaft zerstören, die Städte zerstören, die Wirtschaft zerstören. Das sind langsame Prozesse, die viele nicht bemerken. Dazu kommt, dass das Auto Menschen mit nachhaltigen Verkehrsmitteln den Boden entzieht, indem es den öffentlichen Raum zur lebensgefährlichen und ungesunden Umwelt macht.

Warum fährt der Mensch überhaupt so gerne Auto?

Er fühlt sich stark und überlegen durch die Kraft des Autos. Dazu kommt, dass unsere Welt auf das Auto ausgelegt wurde und alle anderen Mobilitätsbedürfnisse unterdrückt. In einer solchen Umgebung ist es natürlich logisch, dass jeder Mensch mehr oder weniger zum Autofahren gedrängt wird - sogar gezwungen wird. Es macht deshalb keinen Sinn, auf jemanden mit dem Finger zu zeigen, der Auto fährt. Wir müssen die Bedingungen fürs Autofahren verändern.

Eines Ihrer Bücher trägt den Titel "Virus Auto". Sie meinen also, dass Autos krank machen?

Ein Virus manipuliert die Zelle, in die es aufgenommen wurde, damit diese nicht mehr für den Organismus arbeitet, sondern sich auf die Reproduktion der Erbinformation der Viren beschränkt. Das Gleiche passiert auch mit der menschlichen Gesellschaft. Diese plant und baut nicht mehr Städte für Menschen, sondern für das Auto.

Nutzen Sie niemals ein Auto?

Wenn ich etwas Großes transportieren muss, organisiere ich ein Auto. Normalerweise aber gehe ich zu Fuß und fahre mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Rad. Letzteres verbotenerweise seit meinem vierten, fünften Lebensjahr, da habe ich das Fahrrad meiner Mutter entwendet. Später bin ich eigentlich immer beim Rad geblieben, auch als ich den Führerschein gemacht hatte. Heute bewege ich mich mit den drei umweltfreundlichen Verkehrsmitteln fort: meinen Beinen, meinem Rad und dem öffentlichen Verkehr.

Wie sieht Ihr Bild einer idealen Mobilität aus?

Alle Menschen würden sich darin frei bewegen. Wir sind Zweibeiner, also würden wir gehen. Für längere Fußwege bräuchten wir zusätzlich das Fahrrad, um mit eigener Körperkraft voranzukommen. Größere Entfernungen legten wir in dieser idealen Welt nicht mit dem Auto, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück.

"Das Geld der Steuerzahler wird in die Taschen der Konzerne umgelagert"

In den meisten Städten ist der Verkehr völlig anders organisiert. Was muss sich ändern?

Wir müssen passende Strukturen schaffen. Denn: Wenn es angenehm ist, nur zu Fuß zu gehen, dann geht man zu Fuß; wenn es angenehmer ist, Rad zu fahren und zu Fuß zu gehen, dann fährt man Rad und geht zu Fuß; wenn es am angenehmsten ist, mit dem öffentlichen Verkehr, dem Rad und als Fußgänger unterwegs zu sein, dann entsteht der sogenannte Umweltverbund aus Fahrrad-, Fußgänger- und öffentlichem Verkehr.

Welche Fortbewegungsart hat Vorrang?

Das Gehen erhält oberste Priorität, das Rad mit seinen 12 bis 13 km/h Reisegeschwindigkeit steht an zweiter Stelle. Für höhere Geschwindigkeiten gibt es den öffentlichen Verkehr. Aber meistens brauchen wir keine höheren Geschwindigkeiten.

Aber hohe Geschwindigkeiten ersparen uns doch Zeit?

Leider nein. Wenn die Geschwindigkeiten steigen, werden nur die Wege länger, doch die investierte Zeit bleibt gleich. Ein Beispiel: Wir fahren weite Wege, um dieselben Dinge einzukaufen, die es auch im kleinen Laden um die Ecke gibt. Das Problem an der Sache ist: Hohe Geschwindigkeiten zerstören kleine Strukturen. Gibt es keine Geschäfte mehr in der Nähe, muss man weiter fahren. Auf diese Weise verändert das Auto die Wirtschaftsstruktur, die Stadtstruktur und soziale Beziehungen. Diese weitreichende Wirkung hat man in der Verkehrsplanung und -politik aber nicht begriffen.

Welches wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten verkehrsplanerischen Maßnahmen?

Die Änderung der Bauordnung, der Finanzordnung und der Lehre. Das Auto muss aus den Städten entfernt und am Rand abgestellt werden. Der Autofahrer muss für seine Kosten selbst aufkommen, was in den Städten Parkgebühren von 300 Euro und mehr pro Monat ausmacht. Wohnen, Arbeiten, Einkauf und alle übrigen Aktivitäten der Menschen sollten vom Zwang zum Autofahren befreit werden. Dazu müssen die Autoabstellplätze aus den Wohnsiedlungen ausgelagert werden. In den Siedlungen gibt es dann nur noch Autos für Liefer- und besondere Einsatzfahrten mit moderater Geschwindigkeit.

An manchen Orten gibt es viel beachtete Versuche mit kostenlosem öffentlichem Verkehr. Eine gute Lösung?

Das sind trickreiche Versuche, um weiterhin das Auto zu subventionieren. Man sollte nicht den öffentlichen Verkehr kostenlos anbieten, sondern jeder Verkehrsträger sollte die Kosten tragen, die er verursacht. Kaum jemand würde dann noch mit dem eigenen Pkw fahren.

Welche Kosten sollten demnach Autofahrer tragen?

Autofahrer nutzen kostenlos öffentliche Flächen in einem riesigen Ausmaß. Sie dürfen schnell fahren und ihr Fahrzeug an vielen Orten kostenlos abstellen. Das Auto erhält eine Menge an Subventionen, die es sehr attraktiv erscheinen lassen. Jeder Autofahrer erhält einige Hundert Euro im Monat geschenkt allein dadurch, dass man ihm Kosten des Autos nicht anlastet. Wer würde das ablehnen? Dazu kommt: Die Gewinne der Automobilindustrie sind die Defizite des Staates, zum Beispiel im öffentlichen Verkehr und im Sozialsystem. Das Geld der Steuerzahler wird in die Taschen der Konzerne umgelagert.

"Der Autofahrer ist absolut asozial. Er merkt es nur nicht"

Was leistet Radfahren für unsere Gesellschaft?

Radverkehr hält Städte zusammen, schützt die lokale Wirtschaft und schafft lokale Arbeitsplätze. Radfahren ist gesund, ökologisch verträglich, sozial verträglich und ökonomisch verträglich - wenn man es als ernstes Verkehrsmittel behandelt, was bei Weitem nicht der Fall ist. Radfahrern wird bewusst, wie furchtbar die Welt durch das Auto wird. Und sie beginnen, ihren Lebensraum, den Lebensraum ihrer Kinder und auch die Natur zu verteidigen. Autofahrer fahren einfach weg und suchen sich einen Platz, von dem sie glauben, dort wäre es schöner. Der Autofahrer ist absolut asozial. Er merkt es nur nicht.

Wann ist das Fahrrad in der Praxis das beste Fortbewegungsmittel?

Im städtischen Gebiet bei Entfernungen bis zu fünf oder sechs Kilometern ist das Rad oft schneller als ein öffentliches Verkehrsmittel. Abgesehen davon gilt: Der öffentliche Verkehr ist ab zwölf km/h das effizienteste Verkehrsmittel. Bis zu vier oder fünf km/h ist es der Fußgänger. Dazwischen liegt die Nische des Radverkehrs, der einen großen Teil der städtischen und auch der ländlichen Mobilität abdecken kann. Aber man braucht entsprechende Anlagen dafür. Diese kann man aus den Anlagen des Autoverkehrs gewinnen, die ja ohnehin viel zu groß sind. Ein Beispiel: Geparkte Autos von der Oberfläche entfernen, dann haben Räder sofort jede Menge Platz.

Geben Pedelecs dem Radverkehr nicht zusätzlichen Aufwind?

Das sind im Wesentlichen individuell motorisierte Verkehrsteilnehmer. Sie sind okay, wenn man das Auto ersetzen will, und auch für ältere oder weniger sportliche Menschen, die Höhenunterschiede überwinden wollen. Als allgemeines Verkehrsmittel sind diese Räder aber nicht besser als alle anderen Verkehrsmittel, die durch zusätzliche Energie angetrieben werden. Alles, was unserer Bequemlichkeit dient im Verkehr, belastet meistens die Umwelt oder andere Menschen. Ich weiß, das wird die Pedelec- und E-Bike-Freunde nicht gerade begeistern.

Wie kann der Fahrradverkehr gefördert werden?

In Österreich gibt es Kilometergeld für Radfahrten und nicht nur für das Auto. Genau genommen ist es relativ einfach: Man fördert den Fahrradverkehr, indem man Autofahrern das Kilometergeld streicht und sie es nicht mehr von der Steuer absetzen dürfen. Außerdem sollten die Dienstfahrzeuge gestrichen werden, die als indirekte Lohnabgabe über den Betrieb verrechnet werden. Das ist Steuerbetrug von zwei Seiten. Zusätzlich muss man Fahrradabstellmöglichkeiten schaffen, Radwege ausbauen und Gesetze erlassen, die dem Rad entsprechende Priorität geben gegenüber allem, was nicht Fußgänger ist - ausgenommen dem öffentlichen Verkehr.

Zurück zu Ihrem Gehzeug: Das ist eine wunderbare Idee. Wie sähe eine passende Imagekampagne fürs Radfahren aus?

Aus Paris und Kalifornien habe ich Bilder zugeschickt bekommen, wo Kollegen das Gleiche mit dem Fahrrad machen. Das ist aber ein bisschen gefährlich, einige geschickte Burschen schaffen es dennoch auch beim Fahren. Fürs Fahrrad brauchen wir aber gar keine Werbung. Radfahren macht allen Menschen Spaß. Sie brauchen dazu lediglich Platz und ein sicheres Umfeld.

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