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McLaren 650 S Spider: Der Flügelspieler

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Fahrbericht McLaren 650 S Spider Der heizt mit seinen Reizen

Alle gucken, keiner ist schneller: Eine Fahrt mit dem McLaren 650 S Spider kann Allmachtsfantasien auslösen. Leider hat der Supersportwagen einen eingebauten Spielverderber.

Auf der Autobahn 1, kurz hinter Unna. Selbstdiagnose Größenwahn. Ein paar Hundert Kilometer bin ich jetzt schon im McLaren 650 S unterwegs, als im Rückspiegel ein brauner Porsche 911 auftaucht. Der erste Gedanke: Traut er sich zu überholen?

Ja, ich weiß. Das ist prollig und peinlich. Einerseits.

Anderseits: Der McLaren 650 S hat 650 PS, er kostet mehr als 255.000 Euro, er knallt aus dem Stand in 3,0 Sekunden auf Tempo 100 und fährt bis zu 329 km/h schnell. Soweit die Zahlen. Sie geben eine Ahnung, was man von diesem Wagen erwarten kann. Aber sie bereiten nicht darauf vor, was man damit erlebt.

Was schaut ihr denn so?

Zunächst einmal wird man angeglotzt und fotografiert, und zwar ständig. Alle anderen Autofahrer drehen die Köpfe nach dem McLaren um, ihre Beifahrer schießen Fotos mit dem Smartphone. Im McLaren 650 S an der roten Ampel in der Nase bohren? Ganz schlechte Idee - die Szene findet sich garantiert innerhalb von 3,0 Sekunden auf Facebook dokumentiert.

In anderen Supersportwagen macht man ähnliche Erfahrungen. Aber beim 650 S haben wir gesehen, wie ein Motorradfahrer extra anhielt, um ein Foto vom parkenden McLaren zu machen. Und als wir eine Tankstelle nach dem Bezahlen der Rechnung verließen, musterte draußen ein Lkw-Fahrer das Auto an der Zapfsäule. Das Motorengeräusch habe ihn aus seinem Mittagsschläfchen gerissen, erzählte er, da wollte er den Wagen mal genauer anschauen. "Den sieht man ja sonst nie in echt."

Genau da liegt der Unterschied zu Extremboliden von Ferrari oder Lamborghini: Die sind zwar ebenfalls selten - aber ein McLaren ist selbst unter den Exoten noch eine Rarität. Früher waren die Autos aus dem englischen Woking sogar nur von Kennern zu identifizierten, weil das Markenlogo - ein sichelförmiger Klecks - relativ unbekannt war. Auf dem Emblem des 650 S steht schlicht und plakativ "McLaren".

McLaren 650 S Spider mit geschlossenem Dach

McLaren 650 S Spider mit geschlossenem Dach

Foto: McLaren

Den Fluch aller Supersportwagen besiegt auch McLaren nicht

Falls es bei einem Supersportwagen so etwas wie Understatement im Design gibt - der McLaren hat es. Er wirkt jedenfalls weder so brachial wie ein Lamborghini noch so elegant wie ein Ferrari. Besonders prägnant sind höchstens die Frontscheinwerfer in Form des McLaren-Logos. Innen: Alles Alcantara. Nur die schmale Mittelkonsole mit dem hochformatigen Bildschirm und der angenehm überschaubaren Zahl von Knöpfen ist nicht von dem flauschig-griffigen Stoff ummantelt, sondern aus Karbon.

Hat man sich unter den Scherentüren hindurchgebückt und hinters Steuer plumpsen lassen, verspürt man das Gefühl, von hinten an den Schultern gepackt zu werden. Die Sitze sind Alcantaraschraubstöcke, und die Rückenlehne lässt sich nicht verstellen. Erstaunlicherweise muss man nach einer fast fünfstündigen Fahrt zum Aussteigen aber weder das Technische Hilfswerk noch einen Chiropraktiker konsultieren. Denn das Gestühl entpuppt sich als durchaus bequem, und für ein Auto dieses Kalibers ist das Fahrwerk geradezu alltagstauglich. Nur beim Rausklettern besteht ein Verletzungsrisiko.

Der Akt des Aussteigens ist ja gemeinhin der Fluch des Supersportwagensegments. Dieses krabbelige Rauszwängen aus einem Auto hat nur dann Stil, wenn man beim Großen Preis von Monaco mit seinem Formel-1-Wagen als erster durchs Ziel gerauscht ist. Fährt man dagegen mit dem 650 S vor einem Café vor, erntet man erst einmal Neid - der jedoch in Mitleid umschlägt, sobald man die Autotüre öffnet, den linken Fuß raussetzt, sich am Lenkrad hochzieht, an der Seitenwand abstützt, rausstemmt, den Kopf unter der Türe duckt und dabei versucht, halbwegs Würde zu bewahren.

Aber zurück zum Größenwahn.

Da fährt man also mit 170 km/h auf der Autobahn und hat das Gefühl, der McLaren ist unterfordert. Die anderen Autos bloß Blech, das man nach und nach rechts liegen lässt. Eure Wagen schaffen Tempo 200? Muahahahaha! Das Supermodel Linda Evangelista hat mal über sich und die Liga ihrer Kolleginnen gesagt: "Für weniger als 10.000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf". Für den McLaren gilt: Für weniger als 200 km/h dreht er gar nicht erst auf. Leute, ihr kommt da nicht mehr mit.

Das 650-PS-Monster offen

Das 650-PS-Monster offen

Foto: McLaren

Wenn man es in diesem Auto warm haben möchte, schaltet man nicht die Heizung eine Stufe höher. Sondern das Auto drei Gänge runter. Denn beim Kickdown geht es vom siebten in den vierten Gang, der V8-Motor dreht kräftig auf, und in der Alcantarahöhle steigt durch die Abwärme die Temperatur. So heizt man richtig.

Und wer Frischluft verlangt, kann die Seitenfenster runterlassen, oder bei der Roadster-Version 650 S Spider das Faltdach öffnen, oder einfach auf Knopfdruck die handbreite Glasscheibe versenken, die sich auf Kopfhöhe hinter den Sitzen befindet.

Der Motor: heiser und fauchend

Dieses Fensterchen hat aber eigentlich eine andere Funktion: Denn während in manchen Autos die Motorakustik durch Mikrofone in den Innenraum übertragen wird (oftmals noch künstlich verstärkt), ermöglicht die Scharte im 650 S eine sinnlichere und ungefiltertere Art des Hörgenusses. Lässt man die Scheibe nämlich während der Fahrt hinunter, hat das den gleichen Effekt, wie wenn sich die Stahltüre des lautesten und besten Elektroklubs der Stadt öffnet - hörte man vorher die Geräusche gedämpft, springt einen der Sound plötzlich voll an. McLarens 3,8-Liter-Maschine klingt heiser und fauchend, laut wie ein Chor aus 650 Kehlen, der Turbolader zischt und pfeift beim Luftholen. Ist die Scheibe einmal unten, will man sie nicht wieder schließen.

Navi, du nervst!

Über den Sinn eines Autos mit 650 PS und 329 km/h Höchstgeschwindigkeit lässt sich streiten; weltweit ist Deutschland dank seiner libertären Temporegelung auf den Autobahnen ja einer der wenigen Orte, auf dem der McLaren abseits von Rennstrecken überhaupt legal ans Limit gebracht werden darf. Aber gerade in dieser Hinsicht hat der britische Bolide einen eklatanten Makel.

Es geht um das Navigationssystem. Bei der Bewertung eines Supersportwagens ist das normalerweise so entscheidend wie die Frage, wie viel Stauraum das Handschuhfach bietet. Das Navi weist verlässlich den Weg, das ist gar nicht das Problem.

Aber: Auf die Anzeige der erlaubten Höchstgeschwindigkeit war in unserem Testwagen kein Verlass. Es kam vor, dass auf dem Display ein Hinweissymbol auf eine Tempo-120-Zone erschien, obwohl die Beschränkung schon längst aufgeboben war. Und umgekehrt wurde nichts angezeigt, obwohl ein Limit vorgegeben war.

Selbstdiagnose Größenwahn: Schlimmer als die Angst vor einem Strafzettel für zu schnelles Fahren war die Sorge, ein nichtvorhandenes Tempolimit einzuhalten.

Was den braunen Porsche betrifft: Er traute sich nicht.

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