Dienstag, 22. Oktober 2019

Auto-Klassiker reloaded Voltimer, Everytimer und Neuauflagen

Retro-Autos: So schön wie alt, nur neu
Jaguar/Land Rover/dpa-tmn

2. Teil: "Voltimer:" Klassiker-Charme ohne Ölflecken

Wer den Zeitstrahl noch etwas weiter strecken will, der belässt es nicht bei aktueller Technik. Sondern er springt mit seinem Oldtimer gleich auf den nächsten Trend - und lässt ihn zum Elektroauto umbauen: "Den Charme eines Klassikers, und trotzdem keine Ölflecken mehr in der Garage", beschreibt Johannes Boddien den Reiz solcher Umbauten. "Außerdem kommt zum sauberen Fußboden noch das reine Umweltgewissen, denn besser, als ein altes Auto mit moderner Technik weiter zu benutzen, kann Recycling gar nicht funktionieren."

Aus dieser Idee hat Boddien aus dem Umland von Ulm ein Geschäft gemacht und bietet zu Preisen ab etwa 30.000 Euro sogenannte Voltimer an - vor allem VW Käfer und Bullis rüstet er auf Akku-Antrieb und importiert dafür vergleichsweise neue Oldtimer aus Südamerika, die er im besten Fall mit Akkus aus verunfallten Tesla-Modellen bestückt.

Auch Boddien ist damit nicht allein. Vielfach gibt es Kleinserienhersteller, die nach diesem Muster Fahrzeuge wie die Ente von Citroën oder den Kabinenroller von Messerschmitt umbauen. Und auch diesen Trend hat die Industrie bereits übernommen.

Weil Tim Hannig diese neue Zielgruppe nicht außer Acht lassen will, bietet der Chef der Classic-Sparte von Jaguar und Land Rover eine Umrüstung für den Jaguar E-Type an und macht den Sportwagen für Preise ab etwa 300.000 Euro vom Brummer zum Summer mit 190 kW/258 PS, einem Spitzentempo von 180 km/h und gut 300 Kilometern Reichweite. Allerdings weiß Hannig um den Wert des Originals und hat deshalb auf einen schadfreien Umbau geachtet: "Alle Arbeiten können spurlos rückgängig gemacht werden, und den Benzinmotor lagern wir für den Kunden gerne ein."

Alte Karosserien für neue Autos, moderne Antriebe für Oldtimer - während das alles einem Spagat auf der Zeitachse gleicht, geht VW gerade einen anderen Weg: Auf der Suche nach einem Image- und Sympathieträger lassen die Niedersachsen gerade den Buggy wieder aufleben. In den 1970ern von Surfern auf Basis des Käfers konstruiert, hat die neue Auflage zwar den gleichen Geist wie das Original, aber weder ein Retro-Design noch alte Technik.

Der neue Buggy hat eine moderne Formensprache und steht auf der Elektro-Plattform des VW ID3. Bislang ist er zwar nur eine Studie, aber die die Serienfertigung ist bereits beschlossene Sache, sagt Designchef Klaus Bischoff. "Denn so ein Gute-Laune-Auto würde uns mal wieder gut zu Gesicht stehen."

Die Liebe zum alten Blech mit neuer Technik ist allerdings nicht ganz unproblematisch, sagt Designprofessor Paolo Tumminelli aus Köln. "Wie in der Kunst ist die Reproduktion von Automobil-Klassikern, in welcher Form auch immer, kulturhistorisch völlig irrelevant", sagt der Wissenschaftler. "Eine Replika, egal von wem und zu welchem Preis gebaut, ist schlichtweg bedeutungslos."

Gleichzeitig räumt der Experte ein, dass das Vergnügen, eine Rarität zu besitzen und zu fahren, allmählich unbezahlbar werde. Gerade für Besitzer seltener Sammelstücke seien Nachbauten deshalb sinnvoll. "Denn mit jedem gefahrenen Kilometer verlieren die Originale an Wert, selbst für die bloße Ausstellung wird das Risiko mittlerweile oft als zu groß eingestuft."

Aber Tumminelli gesteht nicht nur den Besitzern der echten Autos die Benutzung einer Kopie zu, sondern auch Schwärmern mit limitiertem Budget: "Wer sich nach solch unerreichbaren Modellen sehnt, kann mit relativ wenig Geld durch den Kauf eines Nachbaus seinen Traum erfüllen." Und echt oder nicht, Original oder Fälschung, macht im Straßenbild keinen Unterschied: "Ein Oldtimer-Nachbau sieht jedenfalls cooler aus als irgendwelche neuen Exoten."

Thomas Geiger, dpa/mh

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