Mittwoch, 19. Februar 2020

Autoindustrie "So etwas verkraften nur die Großen"

Hoffen auf Fernost: Fertigung von Autositzen in einem Werk des Zulieferers Johnson Controls in Peking

Automobilzulieferer stehen unter immer stärkerem Druck der Hersteller. Der Branchenspezialist Marcus Berret warnt vor steigenden Risiken - und davor, dass bei Zulieferern in Deutschland in den kommenden Jahren gut 20.000 Jobs gefährdet sind.

mm: Herr Berret, die Autozulieferer klagen über angeblich unverschämte Forderungen der großen Hersteller. Droht eine neue Schlacht zwischen Mercedes und Magna Börsen-Chart zeigen, BMW Börsen-Chart zeigen und Bosch, Citroen und Conti Börsen-Chart zeigen?

Berret: Ja und nein. Die Autokonzerne haben den Druck auf ihre Zulieferer in der Vergangenheit immer wieder erhöht. Aktuell läuft eine neue Runde. Die Mittel, mit denen die Hersteller ihre Zulieferer kontrollieren, werden von Jahr zu Jahr gefährlicher. Die Spannungen nehmen zu. Aber Schlacht? Das ist übertrieben. Bevor Zulieferer in die Pleite gehen, helfen die Autohersteller schließlich häufig.

mm: Aber nur so lange, wie sie keinen Ersatz finden können...

Berret: ...Das ist häufig alles andere als einfach. Und vergessen Sie nicht: Die Hersteller haben ein Interesse daran, dass die benötigten Teile von mehr als nur einem Zulieferer wettbewerbsfähig angeboten werden.

mm: Weil sie die Lieferanten gegeneinander ausspielen wollen.

Berret: Auch deshalb, ja. Aber ein gewisser Wettbewerb zwingt die Lieferanten auch, immer bessere und innovativere Produkte auf den Markt zu bringen.

mm: Wo überdrehen die Konzerne die Schraube?

Berret: Wenn verschiedene Druckmittel kombiniert werden, dann wirken sie wie ein Giftcocktail - und das ist für die Zulieferer wirklich gefährlich. Da wollen die Autohersteller zum Beispiel nicht mehr für die Vorleistungen der Lieferanten bezahlen; sie bestehen zusätzlich auf kontinuierliche Preissenkungen. Und dann verbauen sie denen, die allein keine Zukunft mehr sehen, auch noch die letzte Chance: sich mit einem Konkurrenten zusammen zu schließen und so die Kostenstrukturen zu verbessern.

mm: Das klingt unlogisch. Die Hersteller sollten an gesunden Partnern interessiert sein. Warum sollten sie etwas gegen Fusionen haben?

Berret: Je kleiner die Zahl der Anbieter wird, desto mächtiger werden die einzelnen Lieferanten. Das mögen die Autokonzerne nicht gerade. Sie wollen schließlich bei den Preisverhandlungen am längeren Hebel sitzen. So versuchen Autohersteller immer wieder, Fusionen oder Übernahmen unter Zulieferern zu verhindern, indem sie den beteiligten Unternehmen keine Aufträge mehr erteilen.

mm: Und das funktioniert?

Berret: Sehr häufig. Richtig problematisch wird es aber erst, wenn die Herrsteller ihre Lieferanten auffordern, eine Art Bewerbungsgebühr zu zahlen. Möchten Zulieferer an einer Ausschreibung teilnehmen, müssen sie in manchen Fällen vorab bezahlen. Sonst werden sie nicht berücksichtigt. Für mich sind da die Grenzen einer fairen Geschäftsbeziehung überschritten.

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