Mittwoch, 18. September 2019

Die Wirtschaftsglosse Sie sind ein schlechter Fahrer

Automatisiert fährt besser: Das Radar sieht alles, während Sie bestenfalls zwei Augen haben

Roboter übernehmen die Macht. Nicht nur über die Weihnachtspakete, sondern am Ende des Tages auch über Ihr Auto - zum Glück.

Viel ist ja nicht los gerade. Wirtschaftsglossisten müssen sich schon etwas einfallen lassen, wenn sie nicht darüber schreiben wollen, wie Amazon und Post den Drohnenkrieg vorbereiten. Die Nachrichtenagentur dpa bietet Hilfe an. In ihrer Terminvorschau für diese Woche schreibt sie: "Mexiko-Stadt - Ein Jahr nach dem ausgebliebenen Weltuntergang (21.12.2012)"

Erster Gedanke dazu: Was für eine Nachricht! Ist nicht jeder Tag genau ein Jahr nach dem ausgebliebenen Weltuntergang?

Zweiter Gedanke: Jetzt ist das Ende aber wirklich nah! Jedenfalls das Ende der Welt, wie wir sie kennen, wir deutschen Autofahrer.

Arvid Kaiser
manager-magazin.de
Arvid Kaiser
Mit gutem Grund endete der Maya-Kalender im Jahr 2012: Weil das, was jetzt kommt, die damalige Vorstellungskraft übersteigt. Technisch fehlt nicht mehr viel zum fahrerlosen Fahren, zum Automobil, das seinen Namen wirklich verdient. Wenn sich der Autopilot durchsetzt, werden die Straßen sicher und staufrei.

Nur, wie steht es mit der Akzeptanz? Gerade den Deutschen wird ja ein emotionales, um nicht zu sagen irrational gestörtes Verhältnis zum Auto nachgesagt. Der Autozulieferer Continental (der daran ein kommerzielles Interesse hat) liefert nun mit einer neuen Mobilitätsstudie Grund zur Hoffnung: "76 Prozent der Befragten sprechen sich für automatisiertes Fahren bei langen Fahrten aus."

Bei näherem Hinsehen jedoch bestätigt die Studie die altbekannt-verbohrte Sicht übers Lenkrad. Die 76 Prozent antworteten nur auf die Frage, in welchen Situationen sie sich automatisiertes Fahren vorstellen könnten. Wollen tun sie es nicht: "Das brauche ich nicht", findet eine deutliche Mehrheit der befragten Deutschen, während Chinesen, Inder, Brasilianer, Japaner und Amerikaner überwiegend sagen: "Das hätte ich gerne." Auf ihren täglichen Fahrten können sich sogar nur 27 Prozent der Deutschen vorstellen, das Steuer dem Autopiloten zu lassen.

Warum können sie es nicht? Weil 67 Prozent sagen, "Autofahren macht mir Spaß". Nur 33 Prozent "fänden es attraktiv, die Fahrzeit für andere Dinge nutzen zu können". Und das, obwohl zugleich die meisten von steigendem Stress im Verkehr berichten. Stress und Spaß, das scheint aufs Gleiche hinauszulaufen. Da sollte wohl mal ein Psychologe ran. Und satte 63 Prozent finden, "dass ich ein sehr guter Fahrer bin".

Mit Verlaub: Das sind Sie nicht! Entschuldigen Sie, falls ich Ihnen hier zu nahe trete. Aber das muss einfach mal gesagt werden. Wenn Sie wie ich zu den Deutschen gehören, die täglich unsere Straßen befahren, dann ist von Ihren großartigen Künsten leider nichts zu bemerken.

Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Sie das waren heute früh auf der B 208, aber es ist doch immer das gleiche: Autofahrer die drängeln, scharf bremsen, noch schnell vor der Ortseinfahrt ein Überholmanöver starten, glauben, sie könnten einen verspäteten Start durch schnelles Fahren ausgleichen, überhaupt der Illusion erliegen, mit dem Griff am Steuer könnten sie bestimmen, wann sie ankommen und welchen Weg sie nehmen. Freie Fahrt für freie Bürger? Vergessen Sie's.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Wahrscheinlich ließe sich das automatisierte Fahren leichter durchsetzen, wenn die Roboterautos in ihrem Verhalten den Menschen ähneln. So müsste beispielsweise BMW Börsen-Chart zeigen an Algorithmen arbeiten, die mit Lichthupe in jede Lücke auf der Überholspur ziehen. Opel-Roboter würden beharrlich die mittlere Spur blockieren.

Dabei könnte die Zukunft des Verkehrs so viel besser sein, am Ende des Tages vielleicht sogar sauberer, weil die Roboter sich weigern, tonnenschwere Blechkisten durch die Gegend chauffieren, in denen meist nur ein Mensch sitzt. In einer rationalen Welt reicht dafür eine Kabine von weniger als einem Quadratmeter Fläche. Wenn Partner, Kinder, Einkauf oder Urlaubsgepäck mitfahren sollen, lassen sich ja Module andocken. Und wenn die Straße voll wird, ließen sich die in eine Richtung fahrenden Autos zusammenkoppeln - zu einer Art Bus. Mehr Vernunft kann man sich aber nicht wünschen.

In diesem Sinne: Frohes Fest!

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