Sonntag, 15. Dezember 2019

Testfahrt im McLaren 720S Grob unvernünftiges Vergnügen

Der McLaren 720S überzeugt mit sensationellen Fahrleistungen und ist im Alltag praktischer als mancher Wettbewerber.

Ich warne Sie. Eher wird ein Kampfflugzeug zum Touristikflieger nach Mallorca umfunktioniert als der McLaren 720S zu einem Dienstwagen. Dieses Auto ist grob unvernünftig, aber ja, es hat auch seine praktischen Seiten. Zum Beispiel, wenn Sie alle anderen hinter sich lassen wollen. Der jüngste Spross der "Super Series" beschleunigt von null auf hundert unter drei Sekunden.

McLaren 720S
Technik
720 PS
530 aus einem Vier-Liter-Twin-Turbo-V8-Motor
249 g CO2-Emission/km
Dynamik
2,9 Sekunden Beschleunigung von 0 auf 100 km/h
341 km/h Spitzengeschwindigkeit
Preis
ab 247.350 Euro

Im direkten Vergleich mit dem ebenfalls nicht gerade harmlosen Wettbewerber Ferrari 488 GTB schneidet der McLaren klar besser ab. Mit 72 PS mehr pro Tonne Leergewicht erreicht er elf Stundenkilometer mehr Spitze und sprintet auf Tempo 200 eine satte halbe Sekunde schneller.

Dank seiner Aerodynamik - keine seitlichen Öffnungen, raffiniert geschwungene Luftkanäle auf und in der Karosserie - erzielt der 720S fast 60 Prozent mehr Abtrieb als sein hauseigener Vorgänger. Das lässt ihn sicherer auf der Straße liegen, und es verbessert das Handling bei hohen Geschwindigkeiten. Ich liebe das.

Beim Praxistest des ADAC würde der Wagen allerdings durchfallen. Die auffälligen Flügeltüren passen nur in wenige Parkhäuser: Der 720S ist mit geöffneten Türen 2,77 Meter breit und knapp zwei Meter hoch. Und von den angeblich 360 Litern Stauraum finden sich 210 über dem Mittelmotor. Wer auf heile Bandscheiben Wert legt, versucht erst gar nicht, dort schwere Taschen abzulegen, außer er verdient sein Geld als Akrobat. Die anderen trösten sich damit, dass der eigentliche Kofferraum unter der Vorderhaube immerhin zwei Handgepäckstücken Platz bietet, wie sie auf Linienflügen in der Businessclass zulässig sind.

Womit wir beim Fliegen wären. Auf der A9 von Berlin nach Süden ist nicht viel los, und ich kann voll aufdrehen. Bis Tempo 250 ist es erstaunlich leise im Cockpit, erst danach wird es lauter, während der Wagen immer noch ruhig auf der Fahrbahn liegt.

Ausfahrt
Michael O. R. Kröher
testet jeden Monat ein anderes Führungs-kraftfahrzeug.

Schön ist es im Harz, landschaftlich, aber auch beim Fahren der kurvigen Gebirgsstraßen. Die Lenkung arbeitet präzise und dennoch leicht, der variable Heckspoiler hält die Hinterachse immer in der Spur. Bei Vollbremsungen klappt er aus zur Air-Brake, presst die volle Verzögerungskraft auf den Asphalt.

So bleibt die Ausfahrt mit dem 720S ein schieres Vergnügen für jeden, der gern mit sehr schnellen Autos fährt. Allen anderen rate ich strikt ab. Ich habe Sie gewarnt.

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