Dienstag, 21. Mai 2019

Testfahrt im McLaren 720S Grob unvernünftiges Vergnügen

3. Teil: Ferrari California: Das Gentleman-Geschoss

Der Ferrari California, der Vorgänger des Portofino, war den Fans der Sportwagenmarke stets suspekt: zu viel Komfort für einen Ferrari und dann auch noch 110 PS weniger als die "echten" Geschosse aus Maranello. Das "Cavallino rampante", das berühmte Markenzeichen, tauge beim California allenfalls für den Damensattel, lästerten sie.

Das wird beim Portofino nicht passieren. Zwar hat auch er immer noch 70 PS weniger als der 488 GTB oder Spider, zwar fällt seine Form femininer aus als die von Ferraris Zwölfzylindermodellen mit ihren martialischen Luftschächten, und das "Manettino", das markentypisch rote Hebelchen auf dem Lenkrad, kennt nur zwei Betriebsmodi: Comfort und Sport (sowie ein ausgeschaltetes ESP), ein Corso- oder Track-Modus für die Rennstrecke fehlt.

Doch schon beim Anlassen macht der Portofino klar: nur mit Herrensattel zu besteigen. Der V8-Turbo motor dreht bei Bedarf lauthals auf 7500 Touren und stürmt in 10,8 Sekunden aus dem Stand auf 200 Stundenkilometer, von 0 auf 100 braucht er 3,5.

Ferrari Portofino
Technik
600 PS
441 kW aus einem turbogeladenen V8-Zylinder
245 g/km CO2-Emission
Dynamik
3,5 Sekunden Beschleunigung von 0 auf 100 km/h
320 km/h Spitzengeschwindigkeit
Preis
ab 189.704 Euro

Auf den schattigen Alleen der Prignitz und den leeren Landstraßen des Wendlands zieht er durch die Kurven, dass selbst die Motorradfahrer kaum mitkommen. Der Portofino mag sich im Sport-Modus nicht so radikal bewegen wie die giftigeren Sportwagenmodelle, doch sein Doppelkupplungsgetriebe passt sich dem Fahrstil geschmeidig an: Beim Cruisen schaltet es früh, beim Beschleunigen spät. Die Fahrwerkabstimmung ist straff, aber nicht übertrieben hart. Abgesehen vom Knallen, wenn die Antriebssteuerung im Sport-Modus automatisch kurz Zwischengas gibt, bleibt der Portofino ein Gentleman. Grobe Dellen im Kopfsteinpflaster dämpft er fast vollständig weg, sobald ich einen blauen Knopf im Lenkrad drücke. Und zwei Rücksitze gibt es auch, zumindest für Kinder und kleine Menschen.

Auf der nahezu verkehrsfreien A14 schnellt die Tachonadel auf mehr als 300 Sachen. Bis 250 fühlt sich das kaum anders an als in einem VW-Golf bei 150. Nur auf Seitenwind reagiert der 1,7-Tonner dann empfindlicher als erwartet. Das Navi lässt sich bequem über einen Touchscreen bedienen, doch ist die hinterlegte Datenbank nicht à jour, die aktuellen Tempolimits werden nicht über Kameras von den Schildern abgelesen.

Die einzige echte Enttäuschung lauert daheim: Mit 1,94 Meter ist der Portofino zu breit für meine Tiefgaragenbox. Ich komme einfach nicht mehr raus. Gibt Schlimmeres.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung