Samstag, 21. September 2019

Oldtimer-Restaurierung Aus alt mach kostbar

Oldtimer-Restaurierung: So machen es die Profis
TMN

3. Teil: Leder kann nicht jeder

Staufenberg/Losheim - Sanft streicht Eugen Dickert über den schwarzen Autositz. Seine Finger sind stark, grob und von der Arbeit gezeichnet. Aber wenn es um Leder geht, wird der Enddreißiger sensibel. Er spürt, wie dick die Bezüge sind, fühlt jede noch so kleine Falte. Und er weiß genau, wo die Haut bald reißen wird. Denn das ist Dickerts Geschäft.

Der Mann aus Staufenberg bei Gießen nennt seine Firma "Lederpapst" und bügelt das aus, was Autofahrer bei der Pflege ihres Wagens vernachlässigt haben. In erster Linie bei Old- und Youngtimern ist er mit seiner professionellen Pflege für das Lederinterieur der Autos gefragt und strafft schlaffe Häute.

Mit speziellen Reparaturpasten kann er auch Kratzer und Löcher verschwinden lassen. Sie werden in vielen verschiedenen Schichten aufgetragen, immer wieder angeschliffen und glattgespachtelt, geföhnt und poliert und am Ende so lackiert und modelliert, dass man kaum mehr einen Unterschied zum Original erkennt. "Den Kratzer einer Gürtelschnalle oder das Brandloch einer Zigarette findet man nur wieder, wenn man weiß, wo es war."

Bei den Seitenwangen der Sitze ist seine Arbeit besonders gefragt. Dort werden die Sitze beim Einsteigen am stärksten belastet. "Doch vom zehn Zentimeter langen Riss bis hin zur kompletten Rückbank lässt sich alles machen", sagt der Experte. Nicht selten arbeitet Dickert an größeren Flächen drei, vier Stunden. Für das Seitenteil einer Lehne etwa zahlt der Kunde dann rund 100 Euro. "Das ist nur ein Bruchteil dessen, was man beim Markenhändler für einen neuen Sitzbezug bezahlen müsste - falls man ihn für Young- oder Oldtimer überhaupt noch bekommt", so Dickert.

Eine komplette Neuauskleidung kann 10.000 Euro kosten

Wenn der "Lederpapst" mit seiner Kunst doch einmal am Ende ist, schlägt die Stunde von Menschen wie Marcus Grölz. Auch der Autosattler aus Gießen hat sich auf Lederreparaturen spezialisiert. Er polstert ganze Sitze wieder auf, schweißt Rahmen, erneuert Federn oder kleidet das ganze Interieur neu ein. "Im Prinzip gibt es nichts an den Sitzen, was sich nicht reparieren lässt", unterstreicht Grölz. Alles sei nur eine Frage des Preises.

Allerdings sei auch er günstiger als die Hersteller. Während er für eine Seitenwange eines Sitzes je nach Marke und Modell zwischen 120 und 180 Euro verlange, zahle man bei BMW oder Mercedes oft kaum weniger als das Vierfache. Trotzdem kann auch bei Grölz die Rechnung mal etwas höher ausfallen: "Wenn wir einen Oldtimer komplett neu auskleiden müssen, kommen schon mal 10.000 Euro zusammen."

Dass Leder sichtbar altert, liegt vor allem an der UV-Strahlung der Sonne, dem Abrieb der Kleidung, aber auch der Luft im Auto. Doch auch wenn Dickert und Grölz mit ihrer Arbeit fertig sind, ist der Anblick erst einmal gewöhnungsbedürftig. "Ein neuer Sitzbezug in einem alten Auto sieht immer wie ein Fremdling aus", sagt Grölz. Tausche man dagegen nur einzelne Lederelemente aus, könne man diese farblich relativ leicht anpassen oder so symmetrisch gestalten, dass es niemandem auffalle.

Bei Oldtimern ist das vergleichsweise einfach. Doch je jünger die Fahrzeuge werden, desto vorsichtiger muss man sein, wie Hans-Georg Marmit von der Schachverständigen-Vereinigung KÜS in Losheim am See mahnt. "Sobald Airbags verbaut sind, wird die Reparatur problematisch." Dann dürfen beim Nähen nur bestimmte Fäden und spezielle Stiche verwendet werden, damit der Sitzbezug den Luftsack im Falle eines Falles nicht beim Entfalten behindert.

Deshalb ist Marmit ein Freund des Vorbeugens: "Mit richtiger und regelmäßiger Pflege hält Leder beinahe für die Ewigkeit", sagt der KÜS-Sprecher. So dürfe man das Leder nur mit lauwarmem Wasser und einem weichen Stofftuch säubern. Bei stärkerem Schmutz warnt Marmit vor scharfen Reinigern und empfiehlt allenfalls ein wenig Spülmittel. Die Farbschicht sei sehr dünn und könne leicht abgerieben werden. Nach der Reinigung sollte man die Sitzbezüge gut trocknen lassen und abschließend mit einer guten Ledermilch einreiben. "Das frischt die Farbe auf, hält geschmeidig, fettet nicht und verstopft so auch nicht die Poren."

Thomas Geiger, dpa

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