Montag, 14. Oktober 2019

Porsche 911 Noch mehr Muskeln

Der Porsche 911 Carrera gilt zumindest deutschen Schnellfahrern als das Vollgas-Urmeter. Jetzt ist die siebte Generation des Mythos gewordenen Sportwagen im Rennen. Sie ist vernünftiger denn je - wenn man bei einem Porsche von Vernunft sprechen kann. Doch der Spaß am Steuer bleibt.

Zuffenhausen - 700.000 Exemplare in 48 Jahren - es gibt Autos, die sind viel erfolgreicher. Doch es gibt nur wenige, die so berühmt sind wie der Porsche 911. Das Coupé ist nicht nur das Herz der Marke aus Zuffenhausen, es gilt zahlreichen Sportwagenfans auch als Inbegriff des Sportwagens. Insofern ist ein neuer Porsche 911 - aktuell ist es die siebte Modellgeneration, die auf die Straße kommt - ein spezielles Ereignis in der Autowelt.

Vorgestellt wurde der Wagen im September auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main. Seitdem sind die technischen Daten ins kollektive Gedächtnis der PS-Stammtische gesickert. Interessierte wissen um die beiden Sechszylinder-Boxermotoren mit jetzt 3,4 und 3,8 Litern Hubraum für die Modelle Carrera und Carrera S, die 350 oder 400 PS leisten. Auch dass der Wagen länger wird, der Radstand um zehn Zentimeter wächst, die Karosserie um deren fünf, während die Dachlinie flacher verläuft, ist längst bekannt. Ebendies gilt für die Fahrwerte, nämlich 4,1 Sekunden von 0 auf Tempo 100 mit dem Carrara S und eine Höchstgeschwindigkeit von 304 km/h. Und die meisten Fans mussten wohl auch einsehen, dass dieser Wagen bei einem Grundpreis von 88.037 Euro für sie wohl für immer ein Traum blieben wird.

So weit die Theorie. Die Praxis beginnt in diesen Wochen. Ab Dezember können Kunden zum ersten Mal erfahren, wie lebendig die siebte Auflage der 911-Legende wirklich ist. Sie werden einen Porsche erleben, der reifer und rassiger ist als je zuvor. Wegen des längeren Radstands lässt er sich bei hohen Geschwindigkeiten noch weniger aus der Ruhe bringen als sein Vorgänger, und wegen der breiteren Spur steht er noch satter und stabiler auf der Straße. Er lässt sich um die Kurven führen wie ein Präzisionsinstrument, haftet förmlich auf der Straße und bremst im Ernstfall mit einer für die Passagiere fast schmerzhaften Vehemenz.

Um die Nordschleife auf Rennwagen-Niveau

Zum "fahrdynamischen Fortschritt" ließen sich diverse Referate halten, doch Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz reicht dafür eine einzige Zahl: 7:40. Will heißen: Sieben Minuten und 40 Sekunden benötigt der Carrera S für eine Runde auf der Nordschleife des Nürburgrings und ist damit so schnell, wie es bislang nur das Turbo-Modell oder der GT2 war.

Allerdings beeindruckt der Porsche nicht nur mit ungeheurer Kraft und Präzision, sondern besser als jeder AMG-Mercedes, jeder Ferrari, jeder Jaguar und jede Corvette spielt der 911 auch eine zweite Rolle: die des gelassenen Gleiters. Wer den Fuß vom Gaspedal lupft und sich ein bisschen zurücknimmt, der kann in diesem Sportwagen fast so entspannt fahren wie in einer großen Limousine.

Ein Sportwagen, der so gerne alltagstauglich sein möchte

Alltagstauglichkeit nennt Baureihenleiter August Achleitner diese Eigenschaft, dank derer einem im 911er auch vor langen Reisen nicht bange wird. Eben noch Nordschleife und jetzt auf der Nord-Süd-Achse einmal längs durch Deutschland - das klingt platt, ist mit diesem Porsche aber problemlos möglich. Denn hier wie dort fühlt man sich am Steuer des 911 gut aufgehoben.

Viele PS und noch mehr Pathos - da sieht schon mal über kleine Macken hinweg. Klar wird bei keinem Auto so sehr über die Form gestritten wie bei einem Porsche 911. Schließlich gilt der von Ferdinand Alexander Porsche für den Ur-Elfer gezeichnete Linie den wahren Fans als Muster für die Ewigkeit. Und nicht umsonst spricht Designchef Michael Mauer über die Gestaltung eines neuen Porsche 911 als der vielleicht größten Herausforderung in der gesamten Branche.

Doch darüber, dass die beiden Notsitze im Fond jetzt zwar sehr viel hübscher ausgeschlagen, aber eben nach wie vor nur eine bessere Hutablage sind, wird nicht viel gesprochen; ebenso wenig über den vergleichsweise kleinen Kofferraum unter der Fronthaube oder die albernen Getränkehalter zum Ausklappen. Ablagen gibt es praktisch auch keine. Die mächtige Mittelkonsole muss man offenbar als Gruß aus dem Groß-Porsche Panamera in Kauf nehmen. Und wenn schon so viel von Alltagstauglichkeit geredet wird, dann hätten auch Assistenzsysteme wie eine Abstandsregelung oder ein automatisches Fernlicht nicht geschadet. Doch das alles und selbst die viel zu kleinen Tasten für die Bedienung von Radio- und Klimaanlage oder das wenig schmucke Schiebedach werden die 911-Aficionados wohl ohne Murren hinnehmen.

Der Hintergrund der neuen Design-Linie: Porsche-Käufer kommen nicht mehr hauptsächlich aus Deutschland, sondern aus Ländern wie Russland, Brasilien oder China. Die aber haben mit dem traditionellen Interieur-Layout nichts am Hut.

Das Thema Spritsparen ist auch beim Porsche 911 angekommen

Immerhin haben die Ingenieure eine andere Herausforderung angenommen: die Senkung des Spritverbrauchs. Bis zu 16 Prozent weniger schluckt das neue Modell. Was Entwicklungsvorstand Hatz nicht zuletzt auf den Leichtbau zurückführt: "Obwohl das Auto durch Größe, bessere Ausstattung und höhere Sicherheit 58 Kilo mehr wiegen müsste, ist es tatsächlich um 40 Kilo leichter." Dazu kommen die optimierten Motoren, bedarfsgerecht gesteuerte Nebenaggregate und neue Getriebe. Erstmals verfügt der 911 über eine Start-Stopp-Automatik, und das Schaltgetriebe besitzt nun sieben Gänge. Das ist so ungewohnt, dass Porsche sicherheitshalber eine Sperre in die Schaltkulisse integriert hat, damit sich im Eifer des Gefechts niemand aus Versehen selbst ausbremst. Resultat der Details: Im besten Fall liegt der Durchschnittsverbrauch bei 8,2 Liter - auf dem Prüfstand wohlgemerkt.

Zum Verkaufsstart bietet Porsche den neuen 911 als Carrera und Carrera S an. Bei den beiden Coupés wird es nicht bleiben, wie Porsche-Chef Matthias Müller bestätigt: "Von der jetzt auslaufenden Baureihe 997 gab es insgesamt 23 Varianten. Das ist ein Niveau, das wir auch bei der neuen Baureihe 991 anvisieren." Vielleicht wird es ja sogar noch eine Variante mehr - womöglich mit Hybridantrieb.

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