Donnerstag, 24. Oktober 2019

Zukunftsvisionen fürs Auto Lesen, spielen, fahren

Sofa statt Schalensitze: Visionen für das Auto im Jahr 2030
TMN

Autos im Jahr 2030 werden immer noch vier Räder haben und sicher nicht mit einer Handbreit Luft unterm Wagenboden über die Straßen schweben. Dennoch rechnen Forscher mit radikalen Veränderungen. Vor allem sollen die Fahrzeuge viel bequemer werden.

München - Die Kinder haben es sich mit Mama auf der Couch bequem gemacht. Im Sessel daneben sitzt der Vater, entspannt zurückgelehnt, die Beine ausgestreckt. In der rechten Hand hält er die Fernbedienung, vor seinen Füßen hockt der Hund. Das alles klingt nach einem gemütlichen Fernsehabend im Kreise der Familie. Allerdings spielt sich diese Szene in keinem Wohnzimmer ab, sondern im Auto. In einem Wagen, wie er laut Designprofessor Peter Naumann im Jahr 2030 denkbar wäre.

Naumann ist Dekan der Fakultät für Design der Hochschule München und Spezialist für Fahrzeugdesign. Den Entwurf für die futuristische Familienkutsche hat sein Student Matze Steuer gezeichnet. Auf den ersten Blick könnte man meinen, mit dem Studenten sei die Fantasie durchgegangen. Denn bis auf die vier Räder hat der visionäre Wagen kaum Gemeinsamkeiten mit Autos, wie sie den Menschen gegenwärtig vertraut sind. Der Fahrer sitzt hinten, die übrigen Passagiere auf einem Sofa längs zur Fahrtrichtung. Schalter, Pedale und ein Lenkrad fehlen, Anschnallgurte auch. Doch das alles kommt nicht von ungefähr: Für die Skizze wurden Entwicklungen konsequent zu Ende gedacht, die im Automobilbau längst eingesetzt werden.

"Nehmen wir das vernetzte Auto als Beispiel", verweist Naumann auf die Forschung der Fahrzeugindustrie zur sogenannten Car-to-Car- und Car-to-X-Kommunikation. Dabei geht es um den permanenten Datenaustausch zwischen Fahrzeugen untereinander und mit der Verkehrsinfrastruktur. Durch das Zusammenspiel von Sensoren an Fahrzeugen, Ampeln und Schildern und von Fahrerassistenzsystemen wie Abstandsregler und automatischer Notbremse könnten Verkehrsunfälle bald Geschichte sein. "Und dann sind Anschnallgurte, Airbags oder in Fahrtrichtung eingebaute Sitze mit ausgeprägter Seitenführung überflüssig", erklärt Naumann.

Die Karosserieform und der Innenraum von Autos wird zurzeit noch sehr stark von der Sicherheitsausstattung bestimmt. Sollten Unfälle bis zum Jahr 2030 wirklich keine Rolle mehr spielen, dürfte sich das ändern: "Autos müssen möglicherweise weniger Ballast mit sich herumschleppen, weil die Vision des unfallfreien Fahrens keine Vision mehr ist", sagt Mercedes-Designchef Gorden Wagener. In der Folge hätten die Entwickler viel mehr Spielraum beim Design und der Materialwahl. Deutlich wird das zum Beispiel am Forschungsfahrzeug F 125!, das die Stuttgarter im September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt präsentiert haben.

Neue Freiheiten durch Autopilotfunktionen

"Automatische Fahrfunktionen werden den Fahrer zunehmend entlasten", prognostiziert Jürgen Leohold, Leiter der Forschung im VW-Konzern. Das könnte wiederum Auswirkungen auf die Innenraumgestaltung haben. Leohold betont zwar: "Der Fahrer wird auch im Jahr 2030 die Kontrolle und Verantwortung über das Fahrzeug behalten." Dennoch rechnet Designprofessor Naumann damit, dass Autopilotfunktionen eines Tages allen Pkw-Insassen beim Reisen neue Freiheiten bescheren werden: "Im Internet surfen, Bücher lesen, gemeinsam essen und spielen - da ist vieles denkbar."

So könnte das Auto bis 2030 einen Wandel erfahren: weg vom reinen Fortbewegungsmittel, hin zum Wohnzimmer auf Rädern. Um den entsprechenden Rahmen zu schaffen, lassen sich die Innenraumdesigner der Autobauer auf Möbelmessen inspirieren, hat Naumann beobachtet. VW-Forschungschef Leohold ist überzeugt: "Zukünftiges Fahrzeugdesign und Designelemente aus anderen Lebensbereichen wie Wohnen und Arbeiten werden sich gegenseitig beeinflussen."

Prägend für die Autowelt im Jahr 2030 wird nach Naumanns Einschätzung eine neue Vielfalt sein: "Einfachere und günstigere Produktionsverfahren mit neuen Materialien werden viel mehr Individualisierungsmöglichkeiten bei Farbe, Ausstattung und Fahrzeugform geben." Einige Mobile werden aus heutiger Sicht gar nicht mehr als Autos zu erkennen sein, glaubt Naumann. Dabei denkt er insbesondere an automatisierte und emissionsfreie Taxen in Zonen großer Städte, aus denen der Individualverkehr verbannt wurde.

In diese Kategorie passt die Fahrzeugstudie Chevrolet EN-V (Electric Networked Vehicle). Im Jahr 2010 hatte die Konzernmutter General Motors Börsen-Chart zeigenzusammen mit der chinesischen Herstellergemeinschaft SAIC das eiförmige Mobil für die Mega-Metropolen von 2030 vorgestellt - als mögliches Mittel gegen Smog und den drohenden Verkehrskollaps. Jetzt treibt Chevrolet die Entwicklung nach eigenen Angaben zügig voran, um den einachsigen Zweisitzer für Pilotprojekte in Großstädten fit zu machen. Das elektrisch angetriebene EN-V kommt ohne Fahrer aus, kann aber auch manuell gesteuert werden.

Radikal veränderte Optik

Die Antriebsart einzelner Automodelle wird künftig stark vom vorgesehenen Einsatzbereich abhängen. VW-Experte Leohold rechnet damit, dass reine Elektrofahrzeuge vorrangig in den Städten anzutreffen sein werden. "Und den Langstreckenverkehr werden Plug-in-Hybride mit sehr effizienten Verbrennungsmotoren dominieren." Für die Langstrecke könnte dann auch der Brennstoffzellenantrieb in Serienfahrzeugen zu sehen sein, sofern es bis dahin gelinge, eine nachhaltig ausgelegte Herstellung und Infrastruktur zu etablieren.

Wie Autos 2030 aussehen, wie sie angetrieben werden und ob sie sich dann bereits vereinzelt ohne Fahrer auf den Straßen zurechtfinden - all das kann natürlich niemand mit Gewissheit sagen. Für Naumann steht allerdings fest: "Die Optik der Autos wird sich radikal verändern." Das gelte auch für das Interieur, und darauf dürfen sich Autofahrer schon mal freuen. "Denn Komfort wird im Auto die oberste Maxime sein", sagt der Professor.

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