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Erdgasautos weltweit: Von der Nische zum Massenmarkt

Foto: erdgas mobil

Alternativer Autoantrieb Ich geb' Gas

Sauber, sicher, sparsam: Nichts spricht gegen Erdgas als Autoantrieb. Trotzdem bleibt die Technik in Deutschland in einer Marktnische. Im Alltag funktioniert sie tadellos, anders als die bejubelte Elektromobilität. Ein Erfahrungsbericht.

Hamburg - Per Zufall bin ich zum Erdgasfahrer geworden. Heute bin ich von der Technik restlos überzeugt. Damals, Mitte 2008 auf der Suche nach einem Familienauto, lockten meine Frau und mich zwei Gründe zum Kauf eines VW Caddy mit Erdgasantrieb: der Raum und der Preis. Statt des eigentlich geplanten Jahreswagens entschieden wir uns für einen Neuwagen, weil der in einer Sonderaktion für ein Drittel unter Listenpreis zu haben war - ganz ohne Abwrackprämie oder Journalistenrabatt natürlich.

In der Aktion bot Volkswagen  die Erdgasvariante, die sonst ab Werk 4000 Euro teurer gewesen wäre als ein vergleichbarer Benziner, ohne Aufpreis an. "Warum nicht Erdgas?", fragte meine Frau. Ja, warum nicht? Ich hatte keine Ahnung von Erdgasautos, der Händler offenbar auch nicht. Meine Frau hatte aber von Freunden gehört, die sich ihr Auto auf Gas hatten umrüsten lassen und damit zufrieden waren - wie sich später herausstellte, auf verflüssigtes Autogas (LPG), eine andere und dem klassischen komprimierten Erdgas (CNG) unterlegene Technik.

Auf nennenswerte Nachfrage war das VW-Werk im polnischen Poznan wohl nicht eingestellt, jedenfalls konnten wir das Auto erst nach einem halben Jahr in Hannover abholen. Das Warten hat sich aber gelohnt.

In erster Linie finanziell: Mit einer Tankfüllung, die in den vergangenen drei Jahren selten mehr als 25 Euro gekostet hat, kommen wir 400, manchmal 500 Kilometer weit. Auf einer Norwegen-Reise waren es wegen der dort erzwungenermaßen sparsamen Fahrweise sogar einmal 620 Kilometer.

Zum Teil profitieren wir von einer Steuersubvention: Bis 2018 ist die Energiesteuer für Gasautos auf ein Fünftel gesenkt. Doch das Gas könnte auch in einem freien Markt noch viel billiger sein. Die deutschen Erdgastankstellen zählen - nach denen in der Schweiz - zu den teuersten im internationalen Vergleich. Laut der Deutschen Energie-Agentur liegt der Tankstellenpreis ein Drittel über dem Gaspreis für die Heizungen privater Haushalte.

Die Tankstellenbetreiber lassen sich die Investition in den Anschluss ans Gasnetz von den Kunden bezahlen - und natürlich auch das Risiko geringen Absatzes.

Die sind aber nicht schuld daran, dass in Deutschland immer noch weniger als 100.000 Erdgasautos fahren. Immerhin haben wir die Wahl zwischen 900 Tankstellen, Umwege müssen wir damit kaum in Kauf nehmen - höchstens mal von der Autobahn abfahren.

Selbst Weltreisen sind mit Erdgasautos möglich

Echte Versorgungslücken gibt es nur auf manchen Auslandsreisen, und dann springt eben der Reserve-Benzintank ein, der auch noch 100 Kilometer weit reicht. Das brauchten wir bisher zweimal, in Norwegen und auf Korsika, und selbst da wären wir mit etwas weniger Ausflügen auch mit reinem Gasbetrieb ausgekommen.

Südwärts bis Italien ist die Tankstellendichte genauso gut wie hier - dafür fahren dort achtmal so viele Erdgasautos. Das sorgt zum Beispiel am Mailänder Autobahnring für lange Warteschlangen vor den Zapfstellen.

Alltagstauglich ist die Technik allemal, mit etwas Planung und ein paar Adaptern für unterschiedliche Anschlüsse kann man sich wie der Abenteurer Rainer Zietlow mit so einem Auto sogar auf Weltreise begeben. Beim Tanken macht man sich nicht die Hände schmutzig, Ventile am Zapfgerät und dem Tank sorgen dafür, dass alles automatisch läuft, nichts Brennbares austritt und auch nicht zu viel Gas in den Tank kommt, das sich dann bei Wärme zu sehr ausdehnen würde.

Das Fahrgefühl ist in so einem Familienkombi natürlich nicht besonders aufregend, das liegt aber nicht an der Antriebsart. Es gibt auch Autorennen mit Erdgas-Sciroccos, zum Beispiel an diesem Wochenende wieder auf dem Erdgasfahrertreffen in Oschersleben. Wer's mag …

Benzin als "Luxusbrühe"

Einige Erdgasfahrer haben sich in der Marktnische eingerichtet, lästern in einschlägigen Foren über Benzin als "Luxusbrühe". Mir wäre es lieber, als Erdgasfahrer nicht zu einer Minderheit zu zählen. Ein Überlegenheitsgefühl brauche ich nicht. Aber es ist auch zu verlockend: Zu den persönlich spürbaren Vorteilen kommt noch das gute Gefühl, eine wirtschaftlich und ökologisch sinnvolle Technik gewählt zu haben. Die eingesetzte Energie wird vom Motor noch einen Tick besser genutzt als bei Benzin- oder Dieselantrieb.

Die Abgase bestehen vor allem aus Wasserdampf, im Winter erkennt man Erdgasautos deshalb an einer großen weißen Wolke. Viele Schadstoffe wie Stickoxid, Feinstaub oder Formaldehyd werden kaum oder gar nicht ausgestoßen.

Die Deutsche Energie-Agentur hat errechnet, dass die heute am Markt erhältlichen Erdgasautos (alle großen Hersteller haben einige Modelle im Angebot) den besten CO2-Wert aller konventionellen Antriebe aufweisen: 120 Gramm pro gefahrenem Kilometer, beim heutigen Strommix deutlich weniger als Elektroautos. Wenn ein Viertel Biogas beigemischt wird, was heute schon an vielen Tankstellen geschieht, sinkt der Ausstoß sogar auf 95 Gramm, das von der EU für 2020 ausgegebene Ziel.

Die ideale Brücke in die Elektroära - oder darüber hinaus

Hätte die Politik strengere CO2-Vorschriften erlassen, gäbe es den Durchbruch für Erdgas schon längst, meint der Duisburger Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Die Benzinlobby hat sich durchgesetzt - und so einen sinnvollen Übergang zu einer Zukunft mit Elektroautos verhindert. "Kostengünstiger kann man eine Brücke nicht bauen", meint Dudenhöffer.

Erdgas als Brücke zum Elektroantrieb - das kann man so sehen. Die Technik bietet aber auch dann eine Zukunftsperspektive, wenn es mit dem heute von so vielen erwarteten oder erhofften Siegeszug der Stromautos nicht klappt. Teure neue Infrastruktur, geringe Reichweite, mangelnder Fortschritt in der Batterietechnik - alles Probleme, die beim Gasantrieb nicht auftreten.

Ein Wechsel zu erneuerbaren Energien wäre ganz ohne Umrüstung möglich: Ebenso gut wie herkömmliches Erdgas vertragen die Tanks und Motoren auch Biogas. Und dessen CO2-Bilanz ist genauso gut wie die von Elektroautos, die nur reinen Windstrom laden.

Erdgasautoflotte für den Deutschen Bundestag

Alle, die sich mit dem Thema auskennen, sind begeistert. Aber das sind leider nicht viele. Wo bleibt eigentlich die Nationale Plattform Erdgasmobilität? Wer gibt den deutschen T. Boone Pickens, den texanischen Milliardär, der in den USA eine mächtige Erdgaslobby aufbaut?

Immerhin, ein bisschen was tut sich. Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main gelobten Vertreter von Auto- und Energieindustrie, bis 2020 den Anteil von Erdgas am Kraftstoffmix von 0,3 auf 4 Prozent zu steigern. Seit einer Woche hat auch der Deutsche Bundestag eine Erdgasautoflotte. Darauf mussten die Volksvertreter natürlich warten, bis Mercedes-Benz die E-Klasse mit Gasantrieb, die es vor Jahren schon einmal gab, wieder ins Sortiment nimmt. Ein Reichweitenmeister wie der Fiat Panda oder ein Raumwunder wie unser VW Caddy hätte es für unsere Volksvertreter wohl nicht getan.

Das sind alles löbliche Schritte. Wir bräuchten aber einen richtig großen Wurf, Initiativen auf der Ebene von Kanzlerin und Konzernchefs, öffentliche Begeisterung für den Antrieb der Zukunft. Wenn Erdgasautos das verdiente fortschrittliche Image hätten, bekämen auch die Hersteller einen attraktiven Massenmarkt. Mit ein paar Zufallskunden wird das nichts.

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