Dienstag, 16. Juli 2019

Infotainment im Auto Surfen hinterm Lenkrad

Für viele Autofahrer ist selbst der Umgang mit dem Navigationsgerät zu kompliziert. Die gehören dann auch nicht zur Klientel, die selbst beim Fahren nicht auf Informationen aus dem Internet verzichten möchte. Einige Autobauer bieten bereits Infotainmentsysteme, mit denen sich beim Fahren surfen lässt.

Hamburg - Der Tagesablauf eines typischen Mercedes-S-Klasse-Fahrers? Vermutlich aufstehen, frühstücken, Zeitung lesen und danach die Fahrt ins Büro. Diese Routine gerät offenbar zunehmend ins Wanken. Zumindest sieht Bharat Balasubramanian das so. Balasubramanian leitet die "Direktion Produktinnovationen" bei Mercedes und kümmert sich dort nicht nur um Sicherheits- und Assistenzsysteme, sondern auch um das automobile Infotainment der Zukunft. Dabei trifft er regelmäßig auf Menschen mit einem weitgehend digitalen Lebensstil. "Es gibt Probanden, die schalten morgens erst ihr iPad und dann die Kaffeemaschine an. Und viele stehen eine halbe Stunde früher auf, um den Tag mit ihren Facebook-Freunden zu beginnen."

Für das Gros der Autofahrer jedoch ist schon der Umgang mit dem Navigationssystem so kompliziert, dass ihnen Google-Suche, Onlinenachrichten und E-Mail-Dienste im Auto getrost gestohlen bleiben können. Doch der Zukunftsdenker ist überzeugt, dass sich das ändern wird. "Der digitalisierte Lebensstil wird auch das Fahrzeug erobern", erklärt er.

Basis dieser Erkenntnis sind viele Gespräche mit Testpersonen, für die das Internet viel mehr ist als nur ein weltweites Datennetzwerk. "Ich will schließlich nicht sterben, wenn ich ins Auto steige", sagen ihm solche Leute, die eine Onlineabstinenz mehr fürchten als eine Karambolage auf der Straße. "Wenn es mehr und mehr solcher Kunden gibt, wird die WWW-Anbindung bald ähnlich wichtig für die Kaufentscheidung sein wie das Design oder die Fahrleistungen", sagt der Mercedes-Manager.

Dabei geht es nicht allein um Internet im Auto. "Das gibt es mehr oder minder erfolgreich schon seit einigen Jahren", sagt Balasubramanian, "doch es bringt dem Fahrer herzlich wenig." Denn um am Steuer tatsächlich von den neuen Möglichkeiten zu profitieren und sie sicher nutzen zu können, müssten die Inhalte speziell aufbereitet und in die Fahrzeugbedienung integriert werden.

Infotainment mit Zusatzprogrammen vom Mercedes-Server

Daran arbeiten derzeit nahezu alle Hersteller. Als Vorreiter unter den deutschen Autobauern gelten BMW und Audi. Die Münchener haben mit dem Dienst "Connected Drive" in der 5er- und 7er-Baureihe bereits zahlreiche Telematik- und Onlinefunktionen am Start; und die Ingolstädter geben sich aufgrund der engen Zusammenarbeit mit Google und der Option eines mobilen Hotspots im Auto (etwa in A6 oder A8) einen fortschrittlichen Anstrich.

Mercedes schien bis dato die Auffahrt auf den Datenhighway verpasst zu haben. Jetzt aber stellten die Schwaben - vorerst im kleinen Kreis - eine Vision für das Command-System 2020 vor, also das künftige Internet- und Infotainment-Paket von Mercedes. Inhaltlich basiert es vor allem auf sogenannten Apps. Wie heute bei iPhone und Co., soll man sich künftig auch für das Auto zahlreiche Zusatzprogramme herunterladen können, die von einem Mercedes-Server ständig mit neuen Inhalten gefüttert werden. Das Angebot reicht laut Balasubramanian von Wettervorhersagen und Nachrichtendiensten über die sozialen Netzwerke bis hin zu Buchungsmaschinen für Reisen, Restaurants und Kultur, E-Mail-Programme oder Terminverwaltungen.

Dabei arbeiten die Schwaben zweigleisig: Auf der einen Seite sollen voll integrierte Lösungen entwickelt werden, bei denen die gesamte Hardware und damit auch der größte Teil des Umsatzes im Auto steckt. Daneben aber soll es für die billigeren Modelle auch Systeme geben, die ein Smartphone nutzen, das wiederum mit dem Bildschirm und Bediensystem des Fahrzeugs verknüpft wird.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung