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BMW 1er: Gutes Auto, teures Auto

BMW 1er Der neue Kleine

Seine Platzreife hatte er schon im ersten Anlauf: Wenn jetzt der neue 1er kommt, feilt BMW deshalb nur noch am Handicap. Für das Spiel in der Golfklasse setzen die Bayern nun auf Kraft, Komfort und Effizienz. Aber: Was man beim Tanken spart, kassiert der Händler.

Hamburg - Ein Auto wie der 1er stellt Designer vor hohe Herausforderungen: "Er muss nicht nur jung, frech und sympathisch sein", beschreibt BMW-Designchef Adrian van Hoydonk das Lastenheft. "Als Einstiegsmodell und Eroberer soll er auch ein bisschen aus der Reihe tanzen". Der erste Eindruck, den der neue kleine BMW macht widerspricht den großsprecherischen Vorgaben auf den ersten Blick. Er fällt viel weniger aus der Rolle als die erste Auflage. Aber da hatte van Hoydonks Vorgänger Chris Bangle auch ziemlich übertrieben. Die Seitenlinie verglichen Lästerer schnell mit einem Hängebauchschwein.

Der Neue hat jetzt ein gelungenes Lifting hinter sich. Er kommt mit spürbar strafferer Taille daher, ohne dass er deshalb langweilig oder lustlos wirken würde. Auch der Blick mit der leicht nach vorn geneigten Niere und den stark beschnittenen Scheinwerfern hat an Schärfe gewonnen - nur das das Heck ruht mit den breit ausgestellten Radläufen etwas zu satt und breit auf der Straße.

Dietmar Zimmerhackl, Projektleiter für den 1er, hatte keineswegs eine leichtere Aufgabe als sein Kollege Hoydonk. "Wir Techniker mussten einlösen, was die Designer versprochen haben", erzählt er. Nicht nur kräftiger und noch einmal knackiger sollte das Auto sein, sondern gleichzeitig etwas komfortabler und reifer als bisher.

Derartige vorgaben erzwingen offensichtlich Wachstum: Drei Zentimeter mehr Radstand, neun Zentimeter mehr Länge und bis zu sieben Zentimeter mehr Spurweite sind die neuen Eckdaten. Sie sorgen nicht nur für ein besseres Raumangebot, das nun auch den Hinterbänklern ein leidlich bequemes Auskommen bietet, sondern auch für ein besseres Fahrverhalten. Kultiviert und kommod überspielt der 1er mit dem Standardfahrwerk ruppige Straßen und bügelt auch üble Bodenwellen weg. Trotzdem bleibt er agil und sorgt als einziger Hecktriebler in seinem Segment für besonderen Fahrspaß speziell auf kurvigen Landstraßen. Wer es trotzdem härter mag, der kann jetzt schon ein knackigeres Sport- und demnächst ein M-Fahrwerk bestellen.

Flotter Name für ein bekanntes Knöpfchen

In Fahrt bringen den Wagen die bekannten aber im Detail optimierten Zweiliter-Diesel mit 116, 143 oder 184 PS und zunächst zwei für diese Baureihe neue Benziner. Sie basieren auf den Motoren des Mini, die BMW gemeinsam mit Peugeot und Citroën entwickelt und folgen dem allgemeinen Trend zu Direkteinspritzung und Aufladung. Das senkt nicht nur den Verbrauch, sondern erhöht auch die Leistung. Der 118i mit seinen 170 PS, den 250 Nm und dem kernigen Klang hängt gut am Gas und treibt den Fünftürer flott voran. Der Standardsprint ist auf Wunsch in 7,4 Sekunden erledigt, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 225 km/h.

Um das Potenzial der neuen Motoren auszureizen, montiert BMW auf dem Mitteltunnel einen etwas hochtrabend "Fahrerlebnis-Schalter" genannten Knopf. Bei Bedarf ändert man so spürbar den Charakter von Lenkung, Gaspedal, Getriebe und bei entsprechendem Aufpreis auch des adaptiven Fahrwerks. Dabei kann man nicht mehr allein zwischen Sport und Komfort wählen, sondern ähnlich wie im neuen 6er auch einen besonders sparsamen EcoPro-Modus.

Bei dieser Einstellung wird die Klimaanlage automatisch zurückgeregelt, das Getriebe wählt die effizienteren Schaltpunkte und die Gasannahme wirkt plötzlich so träge, als habe jemand das Pedal gelockert. Der Lohn der Mühe: Bei unserer Testfahrt durch die Stadt, über Land und auf der Autobahn errechnete der Bordcomputer nach etwa 80 Kilometern immerhin 17 Kilometer oder mehr als 20 Prozent zusätzliche Reichweite. Aber schon im Standardbetrieb wird der 1er deutlich effizienter, prahlt Projektleiter Zimmerhackl. Mit serienmäßiger Start-Stopp-Automatik und Rekuperationsbremse geht der Verbrauch um bis zu zehn Prozent zurück und bewegt sich nun im Normzyklus zwischen 4,3 Litern beim 116d und 5,9 Litern beim 118i.

Klasse Auto, hoher Preis

Aber der 1er will nicht nur sparsam sein - eigentlich strebt er bereits in die nächsthöhere Klasse: Wer will, kann den kleinen Bayern mit Assistenzsysteme wie Verkehrszeichenerkennung, Online-Navigation mit Echtzeit-Informationen zur Verkehrslage, Google-Suche und einer Schnittstelle zu Facebook oder Twitter ausrüsten. Auch die neue Achtgang-Automatik gibt es als extra.

Außerdem lässt der 1er auch bei der Qualitätsanmutung einen deutlichen Fortschritt erkennen: Das Interieur wirkt wie aus einem Guss und nicht mehr wie aus verschiedenen Baureihen zusammengestückelt. Das Cockpit ist wieder stärker dem Fahrer zugeneigt und gibt trotz der vielen Knöpfe keine Rätsel auf und wie daheim im Wohnzimmer thront auf der Anrichte ein großer, freistehender Flachbildschirm.

So ist der 1er seinen Kinderschuhen entwachsen und mehr denn je der Nobelhobel in der Golf-Klasse. Allerdings hat diese Entwicklung auch ihren Preis: War das aktuelle Modell zuletzt schon für 22.200 Euro zu haben, muss man für den neuen mindestens 23.850 Euro zahlen. Zum Vergleich: Der Bestseller von VW beginnt bei 16.975 Euro.

Doch der Basispreis ist ohnehin nur eine theoretische Größe. Dabei treibt die Aufpreispolitik der Marketingleute immer seltsamere Blüten. So ist man für so seltsame Dinge wie Ausstattungs-Pakete "Sport" und "Urban" gleich mit 2000 Euro dabei: Dafür gibt es unterschiedliche Nieren und zweierlei Einsätze in den Stoßfängern vorn und hinten, die Spiegelkappen sind beim Sport schwarz und beim Urban weiß lackiert und für die Felgen gilt die gleiche Farbwahl. Dazu gibt es innen unterschiedliche Nähte in den Sitzen und anders eingefärbte Zierkonsolen, die mit ihrem weißen Tiefeneffekt im Urban verdächtig an das Design von Apple erinnern.

Zimmerhackl quittiert diese Parallele mit einem Lächeln, nur sagen will er dazu lieber nichts. Stattdessen zieht er lieber den Zündschlüssel aus einer der vielen pfiffigen Ablagen in der Mittelkonsole und zeigt, wie detailliert die Designer bei der Individualisierung gewesen sind. Denn selbst die Schlüsselgehäuse der beiden Line-Modelle zieren unterschiedliche Farbstreifen.

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