Ausstellung "Fetisch Auto" Das komplexe Ding

Das Auto ist ein Objekt mit einer eigenen Ästhetik, das seit seiner Erfindung vor 125 Jahren viele Künstler fasziniert hat. Eine sehenswerte Schau in Basel wirft einen durchaus kritischen Rückblick auf die Geschichte des fahrbaren Untersatzes. Und ein stilechtes Autokino gibt es auch.
Von Hannah Bauhoff

Basel - Während oben stinkende Blechlawinen über die Autobahnbrücke donnern, ist es unten im Tinguely Museum  und auf dessen grünem Gelände fast demütig still. Die Ausstellung "Fetisch Auto" spricht, das fällt schon auf, vor allem das männliche Publikum an. Erotischer und religiöser Fetisch sowie Warenhype - nach diesen Kriterien hat Kurator Roland Wetzel das "komplexe Ding" Automobil in vielen seiner Facetten erfasst.

Viele Besucher verweilen vor den Fotografien der Künstlerin Liz Cohen, die als spärlich bekleidetes Modell auf einem PS-potenten Auto posiert. "Bodywork Roof" heißt ihre Arbeit, bei der sie in klassischer Pin-up-Pose einen mittels Getriebe und Hydraulik mutierten Trabant erotisch auflädt.

Zentraler Anlaufpunkt der Schau in Basel ist jedoch das Kunstwerk "Cosmic Thing" des Mexikaners Damián Ortega: Von der Decke der großen Halle baumelt ein vollständig in seine Einzelteile zerlegter VW Käfer, Baujahr 1983. Hier geht es nicht um die Bewunderung der Fahrpotenz, sondern um die Anerkennung jeder einzelnen Schraube, um eine allumfassende Huldigung des Automobils.

Das Auto, es ist Medium, ein Objekt mit einer eigenen Ästhetik, das Prestige, Emotionen, Leidenschaften verkörpert. Es ist Fortbewegungsmittel, Schmuck, Ich-Ausstattung, Requisit, Accessoire, Schutzraum, Waffe, Geliebte und Gefährte. Und so zeigt sich das Leitmotiv Fetisch als ergiebig: Fotos, Installationen, Videos, Gemälde und Skulpturen in allen Dimensionen zum wichtigsten Kulturgut des 20. Jahrhunderts.

Porsche mit Geschützturm

Im Video "Dirty Car" von Franck Scurti leckt ein junger Mann eine Karosserie ab. Peter Keetman zeigt in seinen Fotografien den kühlen Glanz der Metalloberfläche einzelner Autoteile. Die Arbeiten von Walker Evans mit dem Titel "Joe's Auto Graveyard, Pennsylvania" thematisieren die Vergänglichkeit der Vehikel auf dem Autofriedhof, und der Pop-Art-Maler Mel Ramos deformiert in seinem Werk "Kar Kween" eine Zündkerze zur phallischen Körpererweiterung. Das Nummerschild mit Aufdruck "Eat my dust" oder die Fotografie des Porsches, auf dessen Dach ein Geschützturm eines Panzers elegant montiert ist, macht deutlich, was die Künstler umtreibt.

Während die meisten Kunstwerke still hängen oder nur leise Töne von Videoinstallationen in die offene Ausstellungshalle dringen, klappern und schnarren im Untergeschoss Jean Tinguelys raumgreifende Installationen. Der große Liebhaber des "schönsten Kunstwerkes" der Welt hat bereits 1984 als Auftragsarbeit für Renault unter dem Titel "Pit Stop" zwei R40-Rennwagen demontiert. Heute braucht die riesige, mechanisch ungeordnete und rotierende Bewegungsmaschine samt integrierter Filmprojektion selbst alle sieben Minuten einen Boxenstopp - per Fußdruck wird der Strom regelmäßig abgeschaltet.

Ohne Pause in einer Endlosschleife läuft dagegen im Vortragssaal des Museums der großartige Zusammenschnitt berühmter Filmszenen von Virgil Wirdrich. Diese automobile "Love-Story" in Schwarz-Weiß entfaltet eine sogartige Wirkung, so dicht und gut ausgewählt sind die Spannungsmomente der Filmschnipsel.

Autokino-Stopp in Oldtimern

Gleichzeitig stinkt und röhrt es im Erdgeschoss gewaltig, wenn bei Michael Sailstorfers Installation "Zeit ist keine Autobahn" eine Blechkante rotierende Autoreifen blank reibt. Der Gummigestank schwebt langsam von dem an der Wand installierten Kunstwerk in die Nasen der Besucher. Sogar draußen auf der Rasenfläche drängen sich die Blechkisten. Dass es sich nicht um den museumseigenen Parkplatz handelt, fällt erst beim zweiten Blick auf.

Die Autos sind zu eckig im Design und zu alt - welcher Schweizer fährt noch mit Baujahr 1980 durch die Gegend? Diese Aneinanderreihung von Oldtimern hat eine Doppelfunktion: Zum einem dienen sie als historische Anschauungsobjekte, zum anderen bieten sie Sitzplätze für kuschelige Zweisamkeit beim Autokino. Schließlich laufen - ganz amerikanisch - bis Anfang September die thematisch passenden Spielfilme und Roadmovies wie "Night on Earth", "Bullitt", "Thelma and Louise", "Blues Brothers", "Le Mans" oder "Lost Highway".

Zum 125. Jubiläum des Automobils zeigt der Gang durch die Kunstgeschichte, dass dessen Vergötterung immer noch anhält. Noch, wohl gemerkt. Denn das Objekt der Begierde ist eben auch Lärmbelästigung, Umweltverschmutzung, Erdölschlucker und C02-Verpester. Das sieht auch die Industrie, die den "Fetisch Auto" herstellt. Auch wenn das Kerngeschäft, so Audi-Vorstandsmitglied Peter Schwarzbauer, derzeit noch immer Produkte mit vier Rädern sind: "Wie unsere Produkte in Zukunft aber aussehen, das will ich bewusst offen lassen", so der Marektingexperte.

Aktuell geht es um die intellektuelle Aufwertung der guten alten Straßenkreuzer mittels Kunst. Und künstlerische Reflexionen über das Vierrad liegen offensichtlich im Trend: Neben der Schau in Basel wurde am vergangenen Samstag wurde die Ausstellung "Car Culture. Medien der Mobilität" im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie  eröffnet. Seit Mitte Mai läuft im Stuttgarter Daimler Benz Museum eine Sonderschau mit dem Titel "Art & Stars & Cars".

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