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100 Jahre "Spirit of Ecstasy": Edelmetall auf Schleichfahrt

100 Jahre "Spirit of Ecstasy" Rolls-Royce-Korso durch London

Es war wohl der wertvollste Autokonvoi der Welt, der sich durch London schlängelte. Gut hundert Rolls-Royce-Modelle von 1911 bis heute feierten im Schritttempo den hundertsten Geburtstag der legendären Kühlerfiugur "Spirit of Ecstasy".

London - Dampfender Kaffee, üppig belegte Sandwiches - gerne wäre so mancher noch geblieben im noblen "Forbes House", dem Sitz des Britischen Automobilverbands unweit des Buckingham Palasts. Doch die Organisatoren mahnten zum Aufbruch. "Gentlemen, start your engines", lautete die Parole - und 102 Rolls-Royce-Eigner stellten die Tassen zur Seite und strebten zu ihren automobilen Raritäten. Ihre Mission: Der "Spirit of Ecstasy Centenary Drive", ein Konvoi der berühmtesten Luxusautos der Welt quer durch die Londoner City zu Ehren des hundertsten Geburtstags jener Figur, die seit just dem 6. Februar 1911 jeden Rolls-Royce-Kühler krönt.

Natürlich auch jenen des Phantom II aus dem Baujahr 1934 von Anthony und seiner Frau Judie, mit denen wir uns in die Karawane der Nobelkarossen einreihen. Mit sanft blubberndem 7,6-Liter-Reihensechszylindermotor rollt das fast zweieinhalb Tonnen schwere Auto an, das von einem der Vorbesitzer von einer Limousine in ein Cabriolet umgewandelt wurde. "Ich habe den Wagen erst vor fünf Jahren in Frankreich gekauft", berichtet Anthony, "es ist mein erster Rolls-Royce." Sonst fährt er Range Rover und zwei weitere Autoveteranen.

Das Verdeck des Rolls-Royce ist offen und der Wind pfeift ungehindert ins Cockpit - immerhin fällt aus dem grauen Himmel über der Themse kein Regen. Trotz der Frische ist die Stimmung im Wagen sonnig. Wie könnte man auch mürrisch sein, wenn an jeder Ecke, und zwar wirklich an jeder Ecke, wildfremde Menschen grüßen, winken und den Fotoapparat (oder das Handy) zücken. Am Ende der etwa eineinhalbstündigen Fahrt dürfte man als Insasse dieses Autos öfter auf den Datenkarten wildfremder Menschen digitalisiert sein, als in den Annalen der eigenen Verwandtschaft. Allen anderen Rolls-Royce-Modellen und Passagieren geht es genauso.

Die Briten lieben diese Marke ganz offenbar. Jeder Stopp führt zu einem großen Auflauf. Manche fragen nach dem Typ, andere nach dem Baujahr, einige rufen einfach nur "great" oder "cool". Und die Motorradpolizisten neben uns an der Ampel scherzen, wir sollten doch irgendwas Dummes anstellen, denn sie wollten sich das Auto mal etwas genauer ansehen. Judie ist begeistert, zieht den Schal fester und erzählt, sie habe früher Rolls-Royce als zu pompös empfunden. Seit ihr Mann das klassische Modell fährt, hat sich ihre Einstellung geändert. "Die Leute hupen und winken. Man kommt durch dieses Auto mit mehr Menschen in Kontakt als mit jedem anderen Modell." Die neuen Modelle allerdings mag sie nicht. "Rolls-Royce on steroids", reimt sie spöttisch.

Die Leute winken und fotografieren, als fahre die Queen vorüber

Die Passanten an Trafalgar Square, auf der Westminster Brigde oder vor dem Kaufhaus Harrod's sind da toleranter. Bei ihnen lösen sämtliche Modelle im Konvoi Begeisterung aus. Es ist schon bemerkenswert, wie sich ein Auto seine Aura über einen so langen Zeitraum erhalten kann. Judies Mann Anthony, Autoschrauber seit frühester Jugend, ehemaliger Pirelli-Manager und seit neun Jahren im Ruhestand, interessiert sich nicht für solche Gedanken, sondern nur für die Technik und das Fahrerlebnis. "Ein Rolls-Royce ist zuverlässig und bequem", sagt er. Die gut hundert Kilometer von ihrem Wohnort in Winchester nach London seien - abgesehen von den Schlaglöchern auf der Autobahn - ein Vergnügen gewesen. Er freue sich schon auf die Rückfahrt.

Ehe die Fahrer mit ihren Nobelkarossen - fast alle sind Mitglieder im britischen "Rolls-Royce Enthusiasts Club" - wieder heimwärts rollen, steht noch der Abschluss des Konvois im Syon Park auf dem Programm, eine Zusammenkunft auf dem Anwesen des Duke of Northumberland im Westen Londons. Dort hat Rolls-Royce zum Lunch geladen und der aktuelle Chef der Marke, Thorsten Müller-Ötvös, spricht den Enthusiasten, die sich um die Autos mit der zierlichen Kühlerfigur scharen, seinen Dank aus.

2010 war ein Rekordjahr für Rolls-Royce

Müller-Ötvös ist an einem solchen Tag natürlich guter Dinge. Zumal das abgelaufene Jahr mit 2711 verkauften Rolls-Royce-Modellen das Beste seit die Marke zum BMW-Konzern gehört. Ein Plus von 170 Prozent gegenüber dem annus horribilis 2009. "Luxus, Anmut und Leistung werden auch in Zukunft jedes Modell unserer Marke auszeichnen", verspricht der Manager.

Da nickt Michael Fux eifrig. Der US-Amerikaner besitzt sechs aktuelle Rolls-Royce-Modelle, Fahrzeug Nummer sieben wird gerade in Goodwood ausstaffiert. Um die Einrichtung des Autos abzustimmen, ist Fux gerade in England. Da passte der Jubiläums-Konvoi perfekt ins Programm. "Ich mag das Außergewöhnliche", sagt Fux, der mit der Herstellung von Matratzen ein Millionenvermögen verdient. "Bei einem meiner Rolls-Royce' ist der Fußraum komplett mit weißem Leder ausgelegt, ein anderer trägt rote Karbonteile." Das Modell Ghost, dass gerade in Goodwood für ihn gebaut wird, soll ein Traum in violett werden.

Millionäre wie Mister Fux, die mit klaren Vorstellungen an Rolls-Royce herantreten, sind Lieblingskunden. Denn jeder Sonderwunsch lässt die Kasse extra klingeln. Natürlich bestellt Fux auch keine normale "Spirit of Ecstasy"-Figur. "Die ist aus transparentem Lexan und wird von einer LED hell erleuchtet."

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