Montag, 19. August 2019

Mullin Automotive Museum Rollende Skulpturen

Mullin Automotive Museum: Französische Fahrzeug-Ikonen
Mullin Automotive Museum

Die schönsten Autos der Welt kommen aus Frankreich. Zumindest der US-Milliardär Peter Mullin ist dieser Meinung. Zweifler lädt der Freund französischer Formgebung in sein Privatmuseum. Dort rauben mehr als 50 Auto-Schönheiten von Bugatti bis Delahaye dem Besucher den Atem.

Oxnard - Ein tristes Industriegebiet im Norden von Los Angeles. Wer von Hollywood kommend eine Stunde nach Norden fährt, in Oxnard landet und dort dann zwischen Lagerhallen kreuzt, gelangt schließlich zur Emerson Avenue, der Adresse des Privatmuseums von Peter Mullin.

Von außen ist die Lagerhalle ebenso schmucklos wie die umliegenden Gebäude. Und doch birgt sie einen außergewöhnlichen Schatz. Denn hier hat der US-Milliardär eine Sammlung französischer Klassiker zusammengetragen, die weltweit ohnegleichen ist. Im Ambiente eines Automobilsalons aus den dreißiger Jahren zeugen mehr als zwei Dutzend Bugattis, je eine Handvoll Delahaye, Delage und Voisin von einer Zeit, in der die Grande Nation auch wirklich großartige Autos auf die Räder stellte.

"Das Auto war die wichtigste Errungenschaft des 20 Jahrhunderts. Und niemand hat sie so schön verpackt wie die Franzosen", sagt Mullin. "Was Sie hier sehen, sind nicht nur technische Wunderwerke, sondern Kunststücke auf Rädern, Skulpturen, die rollen können", schwärmt er von den wunderbaren Fahrzeugen mit den kurvigen Karosserien von barocker Eleganz.

Den Reiz der automobilen Haute Couture habe Mullins, der als Geschäftsmann in der Investment- und Versicherungsbranche ein Vermögen verdient hat, erst spät entdeckt, berichtet Andrew Reilly, der Kurator des nur nach Voranmeldung zu besichtigenden Museums. "Sein erster Klassiker war ein Chevrolet Bel Air Cabrio, und an der Uni fuhr er amerikanische Sportwagen." Doch als ein Freund im Garten von Mullins Villa einen Kalender fotografierte und dafür einen 1938er Delahaye 135 MS in Stellung brachte, war es um den Milliardär geschehen. "Das war wohl Liebe auf den ersten Blick", berichtet Reilly, "von da an hat Mullin französische Klassiker gekauft, restauriert, gesammelt, ausgestellt und sich irgendwann zum Ziel gesetzt, diese Ära des Automobils für die Nachwelt zu erhalten. So ist eine Sammlung entstanden, wie man sie wohl selbst in Frankreich nicht noch einmal findet."

Hier steht auch das Bugatti-Wrack aus dem Lago Maggiore

Fast noch schöner als die Autos selbst, sind die Geschichten, die Kurator Reilly zu jedem Ausstellungsstück erzählen kann. Zum Beispiel die vom "Eine-Million-Franc"-Auto, einem in den Farben der Tricolore lackierten Delahaye T145 GP von 1937. Als schnellstes Auto seiner Zeit und Seriensieger über die Silberpfeile aus Deutschland war er der ganze Stolz der Grand Nation und den Franzosen so wichtig, dass sie ihn zu Beginn des Zweiten Weltkriegs besonders gut schützen wollten.

"Um ihn vor den Deutschen zu verstecken, wurde der Wagen demontiert und die Einzelteile im ganzen Land verteilt", erzählt Kurator Reilly. "Nach dem Krieg jedoch wusste keiner mehr so genau, wo." Deshalb dauerte es viele Jahrzehnte und es waren einige glückliche Zufälle nötig, bis der offene Rennwagen wieder komplett war und jetzt einen Platz in Mullins Sammlung hat - ganz vorn in der Le-Mans-Startaufstellung, die samt Boxen in der oberen Etage des Museums aufgebaut ist.

Ein weiteres Schmuckstück ist das Delahaye Typ 165 Cabriolet, das 1939 für die Weltausstellung in New York gebaut wurde. Weil der Wagen nicht rechtzeitig fertig wurde, ließen die Ingenieure den V12-Motor für den roten Riesen in Paris zurück und schoben die Karosse auf die Messe, berichtet Reilly. Da zwischenzeitlich der Krieg in Europa ausbrach und der Weg zurück nicht mehr möglich war, blieb das Auto viele Jahre in einem Lager des US-Zolls und wurde später an einen Amerikaner verkauft, der einen V8-Motor von Cadillac einbauen ließ. Fast 50 Jahre später entdeckt Mullin nicht nur das Cabrio, sondern ausgerechnet in Deutschland auch noch den originalen Zwölfzylindermotor. "So fand doch noch zusammen, was schon immer zusammengehörte", berichtet Reilly lächelnd.

Lange nicht so schön, aber um so sehenswerter ist der Bugatti Typ 22 von 1925, der mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Grund des Lago Maggiore verrottete. Im vergangenen Jahr wurde er geborgen und für 325.000 Dollar versteigert - und ist damit vermutlich das teuerste Autowrack der Welt. Neben dem rostigen Roadster gibt es im Mullin Automotive Museum nur noch ganz wenige Autos, die nicht perfekt in Schuss sind: Hier ein staubiger Scheunenfund, der die detektivische Arbeit des Sammlers illustrieren soll, dort eine handvoll verrosteter und verbeulter Autos aus der legendären Sammlung Schlumpf im Elsass, die Mullin vor dem Zugriff der Behörden rettete.

Star der Ausstellung ist oder besser war allerdings das Bugatti 57SC Atlantic Coupé von 1936, das mit einem Schätzpreis zwischen 30 und 40 Millionen Dollar als teuerster Oldtimer der Welt gilt. Nur drei Mal gebaut und perfekt erhalten, stand das Coupé noch bis vor wenigen Wochen auf dem großen Drehteller in der Mitte der Halle. Jetzt jedoch verlangte der Leihgeber das Auto zurück, und Reilly will sich partout nicht entlocken lassen, wer der Besitzer ist. Doch macht er Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen: "Wir haben den Wagen pfleglich behandelt und heil zurück gegeben. Gut möglich, dass wir ihn noch einmal ausstellen dürfen."

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