Roboter im Auto Putzige Beifahrer

Navigation, Bordcomputer, Abstandswarner - kein modernes Auto kommt mehr ohne elektrische Helferlein aus. Forscher arbeiten daran, den Assistenzsystemen ein Gesicht zu geben. Ein deutscher Hersteller hat nun erstmals einen elektronischen Beifahrer in das Armaturenbrett eingebaut.

Hamburg - Mancher Mittelklassewagen weiß inzwischen womöglich mehr über seine Fahrer als dessen Ehefrau. In den elektronischen Eingeweiden moderner Pkws werden Informationen über den Musikgeschmack gespeichert, einige Bordcomputer können die Stimmung des Piloten ablesen; und dank eingebautem GPS weiß der Wagen schon nach einigen Tagen, in welche Kneipe der Fahrer abends üblicherweise einkehrt, und kann präzise Bewegungsmuster erstellen.

Diese Informationen wollen sich Entwickler der Autoindustrie jetzt zunutze machen - um Menschen am Steuer unaufgefordert Hilfe zu bieten und das Autofahren entspannter zu gestalten. Zu diesem Zweck hat etwa das Electronic Research Lab (ERL) des VW-Konzerns in Kooperation mit dem renommierten Massachusetts Institute Of Technology (MIT) das Forschungsprojekt Aida (Affective Intelligent Driving Agent) gestartet.

Kürzlich wurde dazu in einen Audi erstmals ein elektronischer Beifahrer eingebaut. Wie Kai aus der Kiste entsteigt der Roboter dem Armaturenbrett, funkelt den Fahrer mit freundlichen blauen LED-Augen an und geht dann an die Arbeit als Co-Pilot.

Unterwegs zum Lieblingsladen

Bereits nach wenigen Tagen soll Aida die üblichen Routen und Routinen des Fahrers registriert haben, wissen, wo und wann er arbeitet, in welchen Geschäften er am häufigsten einkauft und an welchem Wochentag er einen Termin im Fitnessstudio hat. Außerdem ist Aida mit der Umgebung vernetzt, kennt freie Parkplätze und hat die aktuellen Verkehrsbehinderungen im Blick.

Dass der Beifahrer-Butler auch weiß, wie viel Sprit noch im Tank schwappt und ob der Luftdruck in den Reifen korrekt ist, versteht sich von selbst. Nach Audi-Angaben funktioniert der erste Prototyp bereits recht gut - Testfahrzeuge für die Öffentlichkeit sind allerdings nicht erhältlich.

"Wenn Aida die Routinen des Fahrers und das Wissen über die örtlichen Gegebenheiten kombiniert, kann das System hilfreiche Schlüsse daraus ziehen", sagt Assaf Biderman, der am MIT das "SENSEable City Lab" leitet. "In einer Woche hat Aida den Weg von der Wohnung zum Arbeitsplatz drauf. Und kurz danach kann das System, ungefragt wie jeden Donnerstag, den Lenker zu seinem Lieblingsladen führen und dabei um das Straßenfest herum fahren, das die gewohnte Route ausgerechnet heute blockiert", erläutert er die Möglichkeiten.

Witzelnde Tamagotchis

Auch BMW entwickelt einen Fährtensucher, der mitdenkt

"Bei diesem Forschungsprojekt bauen wir auf unsere langjährige Erfahrung mit Robotern, die zu sozialen Kontakten fähig sind", sagt MIT-Professorin Cynthia Breazeal. Aida werde die Laune des Fahrers an seinem Gesicht erkennen können und entsprechend darauf antworten - mal mit einem strengen Blick, mal mit einem Augenzwinkern oder einem sympathischen Lächeln. Wann und ob dies jedoch in einem Serienauto geschieht, ist noch vollkommen unklar. Offiziell nennt Audi den Roboter "eine Fingerübung der Entwickler".

Mit der Arbeit am elektronischen Co-Piloten sind die Forscher von VW und MIT in den USA nicht allein. Auch BMW entwickelt eine vorausschauende Navigation, die Wünsche des Fahrers antizipiert, verzichtet dabei aber auf ein Computerwesen im Cockpit. Und Nissan zeigte unlängst in seinem Konzeptfahrzeug Pivo2 auf der Armaturentafel einen kleinen Roboter, der wie ein überdimensionales Tamagotchi aussieht und schlechtgelaunte Fahrer mit Witzen aufmuntern und erschöpfte Autofahrer zur Pause mahnen soll.

Die Forscher der Autohersteller sehen Roboter-Beifahrer jedoch nicht nur als Pausenclowns oder unterhaltsame Wegbegleiter. Experten des VW-Konzerns im kalifornischen Palo Alto glauben, dass der Computerkumpel irgendwann auch das Fahren übernehmen könnte - zum Beispiel, um noch schlaftrunkene Pendler am Montagmorgen sicher ins Büro oder angeheiterte Nachtschwärmer abends heil nach Hause zu bringen.

Ein Roboter-Auto soll die Pikes-Peak-Piste hochpreschen

Dass diese Vision durchaus nicht unrealistisch ist, wurde bereits bei diversen Wettbewerben für autonome Automobile deutlich. Ein mit Sensoren bestückter VW Touareg schaffte es bereits 2005 mehr als 200 Kilometer durch die Mojave-Wüste. Und ein ebenfalls zum Automatenauto umgebauter VW Passat rollte 2007, freilich im Schneckentempo, durch den simulierten Verkehr einer US-Vorstadt.

Demnächst sollen die Robocars deutlich flotter unterwegs sein: Ein umgerüsteter Audi TT soll im kommenden Sommer völlig autonom und fahrerlos beim legendären Bergrennen Pikes Peak International Hill Climb (PPIHC) im US-Staat Colorado den Gipfel erklimmen - und zwar im strammen Tempo.

Bei einer ersten Testfahrt erreichte der Robo-TT bereits ein Tempo von 210 km/h - allerdings ging es da über eine topfebene Salzwüste. Kokett nennen die Hightech-Tüftler den Wagen Shelley, nach dem Spitznamen der Weltklasse-Rennfahrerin Michelle Mouton. Sie ist bis heute die erfolgreichste Rallye-Fahrerin aller Zeiten und war die erste Frau, die 1985 das Pikes-Peak-Rennen gewann.

Dass der autonome Audi den PPIHC gewinnt, ist unwahrscheinlich - doch auch, wenn es der Wagen einfach nur die 20 Kilometer lange Rennstrecke mit ihren insgesamt 156 Kurven bis zum Gipfel des Viertausenders hinauf schafft, wäre das für die Entwickler ein Sieg.

Roboter als Beifahrer: Der elektrische Helfer