Mini-Designchef Hildebrand "Der Film spielt im Kopf"

Der Mini ist der meistverkaufte Kleinwagen im Premiumsegment. Im Gespräch mit manager-magazin.de spricht Designchef Gert Hildebrand über seine Inspirationsquellen und erklärt, wie Gestalter sich Sachzwänge zunutze machen können.

mm.de: Autodesigner haben es schwer: Wirtschaftliche Zwänge werden immer stärker, immer mehr neue Technik muss integriert werden - wie viel Prozent Design steckt noch in einem neuen Entwurf? Und wie viel Prozent Sachzwang?

Hildebrand: Übertrieben vielleicht 95 Prozent Sachzwang. Dazu zählen ja auch Gesetzesregelungen und nicht zuletzt physikalische Gesetze, außerdem die Markenhistorie und die Vorgaben aus Produktion und Entwicklung. Mit den restlichen 5 Prozent Freiheitsgrad müssen wir dann die Ästhetik des Fahrzeugs gestalten. Natürlich sind das auch Hebel, die wir als Designer positiv nutzen.

mm.de: Zum Beispiel?

Hildebrand: Aerodynamik ist ein Sachzwang, der durchaus eine ästhetisch schönere Gestaltung erzwingen kann. Zum Beispiel, der Fußgängerschutz macht ein Auto größer, aber das kann man auch in Maskulinität oder Bulligkeit umsetzen. Es ist unser Beruf als Designer, diese Vorgaben nicht als Hinderungsgrund zu sehen.

mm.de: Wer ist der typische Mini-Käufer?

Hildebrand: Sie, ich, alle. Mini ist übergreifend gültig. In Frankfurt bin ich bei einem Niederlassungsfest zur IAA einer 84-jährigen Kundin begegnet. Die hat das Auto gekauft, weil es so agil ist. Auf der anderen Seite haben wir die Kunden, die mit 18 zum Abitur einen Mini geschenkt bekommen. Und wir sind global präsent. Unser Design muss alle ansprechen.

mm.de: Vor acht Jahren, als Sie bei Mini anfingen, haben Sie im Unternehmen eine Designstrategie abgestimmt. Wie lange trägt so ein Grundkonsens?

Hildebrand: Strategie ist ein Weg zum Ziel und nicht die Beschreibung eines Zieles. Deshalb ist sie immer ein bewegliches Objekt. Wir brauchen eine Designstrategie, um ein Team zu koordinieren, das an unterschiedlichen Orten arbeitet, um eine gemeinsame Sprache nach außen zu tragen und zur internen Darstellung gegenüber dem Vorstand. Die müssen nachvollziehen können, wozu wir gewisse Dinge machen.

Aber diese Strategie muss flexibel sein. Die Rahmenbedingungen sind es ja auch: Gesetze ändern sich. Im Fußgängerschutz müssen wir jetzt neuerdings die EU-Vorgaben der Phase II erfüllen, dann kommen CO2-Regularien - wir haben immer ein bewegliches Ziel. Wir schöpfen dabei aus der historischen Formensprache: zirkulare Elemente, kurze Überhänge, Mini-typische Fenstergrafiken.

Mein persönliches Ziel ist es, über langlebiges, sauberes und nichtmodisches Design die Gültigkeit unserer Fahrzeuge über eine lange Zeit zu sichern. Das Auto soll nicht veralten. Das Mini Cooper Cabrio hat nach drei Jahren einen Wiederverkaufswert von 70 Prozent und ist damit das wertstabilste Auto auf dem deutschen Markt. Das sind Maßstäbe, an denen ich mich gerne messen lasse.

"Wir verdoppeln unser Portfolio"

mm.de: Bei der IAA haben Sie die Oxford Twins vorgestellt, die die Mini-Modellpalette um einen Coupé und einen Roadster erweitern. Beide Studien sollen in die Serienfertigung gehen. Wie weit kann man die Marke Mini denn dehnen? Und wie kann sie unverwechselbar bleiben?

Hildebrand: Mini fügt jetzt mit dem Crossover, dem Coupé und dem Roadster drei neue Fahrzeugkonzepte der bestehenden Palette von dreien hinzu, die schon beim Händler zu haben sind - und verdoppeln damit trotz der schwierigen Zeiten in Zukunft unser Portfolio. Das ist ein sehr positives Signal und auch eine gewisse Bestätigung unserer Arbeit als Team.

Durch die unterschiedlichen demografischen Entwicklungen gibt es unterschiedliche Ansprüche. Familiengrößen ändern sich, Altersstrukturen ändern sich, Begriffe wie Urbanität und Agilität werden wichtiger. Das schürt den Bedarf an anderen Fahrzeugkonzepten. Wir werden reagieren. Für die drei Fahrzeuge, die wir heute als Karosserievarianten haben, Mini, Mini Cabrio und Mini Clubman, bieten wir schon jetzt sehr viele Motorvarianten: One, Cooper, Cooper S, Diesel und John Cooper Works sowie zahlreiche Sondermodelle.

mm.de: Wie lang ist Ihr Vorlauf bei neuen Modellen?

Hildebrand: Zwischen drei und fünf Jahren, abhängig davon, ob es sich um ein Neufahrzeug oder um eine Modellpflege handelt.

mm.de: Und was planen Sie als Nächstes? In welchem Rahmen beschäftigen Sie sich mit alternativen Antrieben?

Hildebrand: Mini hat zurzeit weltweit die größte Elektroautoflotte am Start - mit 600 Minis in Los Angeles, New Jersey, London, Berlin und München fahren wir ein einjähriges Testprogramm, um herauszufinden, wie Kunden auf Elektromobilität reagieren, was ihre Bedürfnisse sind, wie die Infrastruktur funktioniert. Mitte nächsten Jahres werden die fertigen Ergebnisse aus diesem Feldversuch vorliegen. Technologie kann man nicht einfach aus dem Hut zaubern. Man muss sie erproben.

mm.de: Die Marke Mini lebt im Design stark von Retroelementen. Wie kann der Spagat gelingen, solche neuen Antriebe auch in der Gestaltung sichtbar zu machen?

Hildebrand: Wenn uns die technischen Komponenten zur Verfügung stehen, sollte man das tun. Aber man sollte es nicht erzwingen. Wenn es zum Beispiel Radnabenmotoren bei Elektroautos gäbe, was zurzeit noch nicht der Fall ist, dann würde man das anhand des Felgendesigns zeigen. Aber ich bin nicht dafür, dass man ein Elektro- oder ein Hybridauto zwangsweise komplett anders gestaltet. Das Schönheitsideal hat nichts mit dem Antrieb zu tun. Da spielen Proportionen, Details, die Grafik eine Rolle. Es ist wie beim Menschen: Wenn Sie einen hübschen Menschen sehen, ist es Ihnen egal, ob er Deutsch oder Französisch spricht. Sie sehen zuerst die Ästhetik der Person.

mm.de: Wo liegen Ihre Inspirationsquellen?

Hildebrand: Formale Inspirationen kommen aus dem Menschlichen und der Technik heraus. Pirelli hat über Jahrzehnte mit dem Slogan "Die Beine Ihres Autos" geworben. Es gibt gerade beim Auto ja viele Themen, die man mit dem Menschen oder mit menschlichen Details vergleichen kann. Beim neuen Mini Roadster ist das Dach wie eine nach hinten gekehrte Baseball-Mütze gestaltet.

"Es gibt immer den hedonistischen Aspekt"

mm.de: Hat man als Designer diesen Blick immer, oder ist das ein Schalter, den man bewusst umlegt?

Hildebrand: 80 Prozent unserer Sinneswahrnehmung sind auf das Sehen ausgerichtet. Und 80 Prozent der Aufmerksamkeit bekommt ein Produkt durch Blicke. Nicht, weil die Designer besonders clever sind, sondern weil unsere Sinneswahrnehmung so funktioniert. Inspiration ist ein permanenter Prozess.

Es gibt Designer, die sagen, dass sie unbedingt nach Kalifornien gehen müssen, um sich inspirieren zu lassen - Inspiration kann aber genauso gut in Buxtehude stattfinden. Das hat man in sich, nicht nur als Designer, sondern auch als normaler Mensch. Ich persönlich brauche keine spezielle Auszeit am Strand von Hawaii, um mir ein neues Auto vorstellen zu können.

Der Film spielt im Kopf. Vieles ist Talent, aber vieles lässt sich auch lernen. Ich habe als Teil meiner Ausbildung Wahrnehmungspsychologie studiert - und dabei gelernt, viel bewusster mit Eindrücken umzugehen und sie handwerklich umzusetzen.

mm.de: Sie haben mal gesagt, ein guter Designer müsse ein Diktator sein.

Hildebrand: Ja, aber das ist nicht böse gemeint. Wenn ein Design fertig ist, entscheidet der Kunde, ob es ihm gefällt oder nicht, er selbst kann es nicht mehr ändern oder beeinflussen. Auch innerhalb einer Firma ist es nicht beliebig möglich, einen Entwurf zu ändern. Wir haben 2008 232.000 Mini verkauft. Wenn Sie so viele Kunden nach deren Geschmack fragen, wird jeder etwas anderes sagen. Sie meinen aber vielleicht dasselbe. Diese Wünsche müssen eben schon im Vorfeld zusammengefasst dargestellt sein, und das kann kein demokratischer Prozess sein.

mm.de: Die Rolle von Designern im Unternehmen ist ja nicht ganz einfach - kaum ein Unternehmen hat einen eigenen Vorstand für Gestaltung. Fühlen Sie sich als Designer in der Unternehmensführung ausreichend repräsentiert?

Hildebrand: Bei Mini spielt Design eine wichtige Rolle. Design ist, für alle akzeptiert, ein sehr wichtiger Kaufgrund, und das Thema Design ist entsprechend positioniert und hat eine große Außenwirkung. Design ist ja nur ein Aspekt eines Automobilunternehmens, bei dem die Fahrzeuge entwickelt, produziert und verkauft werden.

mm.de: Nissan legte jüngst eine alarmierende Trendstudie vor: Jugendliche, war zu lesen, haben kein großes Interesse mehr an Autos. Für sie zählen nicht Produkte, sondern Erlebnisse, und die kommen aus anderen Bereichen als dem Automobilsektor.

Hildebrand: Gerade Mini als trendbewusste Marke beschäftigt sich intensiv mit den gesellschaftlichen Veränderungen und dem damit verbundenen Wertewandel. In Tokio geben die Jugendlichen mehr Geld fürs Telefonieren aus als fürs Autofahren.

mm.de: Halten Sie den Trend also nicht für übertragbar auf den europäischen Markt?

Hildebrand: Natürlich gibt es auch hier Veränderungen. Überbefriedigung von Bedürfnissen führt auch zu Gleichgültigkeit. Wenn wir als Kinder mit meinem Vater im Käfer fahren durften, war das ein Erlebnis. Wir sind nicht oft gefahren, Benzin war teuer, und nicht jeder hatte ein Auto.

Heute stehen bei mir drei Autos in der Garage: Ein Mini Cooper S der ersten Generation, ein aktueller Mini Cooper Diesel und ein BMW 3er Cabrio als 330 Diesel. Für meine Kinder gehört Mobilität zum Alltag - und sie entscheiden sich natürlich immer für den Mini.

Aber es gibt bei Autos noch immer den hedonistischen Aspekt: Es gibt Fahrzeugprodukte, die man haben will. Die Frage ist: Wie wird Mobilität langfristig gelebt? Dem Wertewandel wollen wir entgegenkommen - durch neue Technologien, aber auch durch intelligente Fahrzeugkonzepte.

Showroom Mini: Der Premium-Kleinwagen in Bildern

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