Opel Ampera Sprinter unter Strom

Erst in zwei Jahren wird der Elektrohybrid Opel Ampera anrollen. Allerdings sind schon jetzt die ersten Prototypen unterwegs - im Entwicklerjargon scherzhaft "Muli" genannt. Eine Testfahrt mit dem elektrischen Maultier.

Frankfurt am Main - Gherardo Corsini weiß, wie beklemmend die Sorge vor einem leeren Tank sein kann. "Als Student war ich Taxifahrer in Frankfurt und kannte so manche Ecke, in denen man nachts lieber nicht liegen bleiben wollte", sagt er. Heute ist Corsini Ingenieur bei Opel und dort mit der Entwicklung des Ampera beschäftigt. Die Skepsis vieler Autofahrer bezüglich der Reichweite eines Elektrofahrzeugs kann er nachvollziehen. "Zwar wissen wir aus vielen Statistiken, dass 80 Prozent der Europäer täglich nicht mehr als 50 Kilometer fahren", sagt er. "Doch das 'Was wäre, wenn die Batterie plötzlich leer ist' schwingt immer mit."

Opel glaubt, eine beruhigende Antwort gefunden zu haben - eben das Elektroauto Ampera. Der europäische Zwilling des Chevrolet Volt soll dem Fahrer die Furcht vor der leeren Batterie mit einem eingebauten Notstromaggregat nehmen. Wenn andere Elektroautos mit leeren Akkus an die Steckdose müssen, springt unter der Haube des Ampera automatisch ein kleiner Benzinmotor an, der Strom zum Weiterfahren erzeugt. Zu den ersten 60 Kilometern aus der Batterie kommen so noch einmal mehr als 400 Kilometer aus dem konventionellen Tank, die den Ampera im Alltag absolut konkurrenzfähig machen sollen. Opel-Chef Hans Demant sagt, die Technologie sei "der Schlüssel zur Verbreitung leistungsfähiger Elektrofahrzeuge in naher Zukunft."

Wie der Ampera in der Theorie funktioniert, erklärt Opel schon seit Monaten. Und wie das Auto aussehen soll, ist auch kein Geheimnis mehr. Auf den ersten Blick hat das millionenschwere Einzelstück mit dem Ampera allerdings nichts gemein. Statt einer schnittigen Coupélinie erblickt man ein konventionelles Stufenheck, und auch wenn die Karo-Tarnung etwas verwirren soll - die Karosserie stammt vom Chevrolet Cruze. "Das ist ein sogenanntes Mule-Car", erläutert Corsini. "Mule", also Maultier, nennen Entwickler jene frühen Testfahrzeuge, mit denen neue Technik im alten Gewand erprobt wird.

Sobald man mit dem Zündschlüssel das System hochfährt wie einen Computer und danach das Strompedal durchdrückt, ist der Chevrolet Cruze allerdings vergessen. Denn prompt zischt der Prototyp davon wie ein neues Modell der Opel-Tuningmarke OPC. 370 Nm schon ab der ersten Sekunde verhelfen dem Stromer zum Antritt eines Sportwagens. Das ist umso bemerkenswerter, weil allein die Batterie 180 Kilogramm wiegt und das gesamte Antriebspaket wohl um die 300 zusätzliche Kilos auf die Waage bringt, schätzt Corsini. Trotzdem schafft der nur 150 PS starke Ampera den Sprint auf Tempo 100 in weniger als neun Sekunden und ist nur deshalb bei 160 km/h abgeregelt, weil man der Ladeanzeige für die Batterie sonst beim Fallen zuschauen könnte.

Ein paar Runden, dann muss der Wagen an die Steckdose

Mehr als ein paar Runden auf dem streng abgeschirmten Opel-Testgelände in Dudenhofen sind allerdings noch nicht drin. Ein paar Kollegen fahren noch, dann stellt Projektleiter Corsini den Prototypen neben der Designstudie ab, denn der Wagen muss erst mal wieder an die Steckdose. Das entscheidende Manko: Der Versuchsträger muss noch ohne Range-Extender auskommen.

Kopfzerbrechen macht den Entwicklern weniger der Lithium-Ionen-Akku, der wie ein riesiges T im Mitteltunnel und unter der Rückbank untergebracht ist und mindestens zehn Jahre oder 240.000 Kilometer halten soll. "Wir nutzen nur die Hälfte der 16 Kilowattstunden Akku-Kapazität, und suchen nach besonders schonenden Lademustern", erläutert Corsini. Ein heikles Thema ist jedoch der Verbrennungsmotor. Dabei ist der 1,4 Liter große und 75 PS starke Vierzylinder schon zigtausendfach in Opel-Modelle eingebaut worden. In diesen Autos ist die Maschine allerdings ständig in Betrieb. Im Ampera hingegen hat der Motor vermutlich öfter mal wochen- oder gar monatelang Pause. "Trotzdem muss das Triebwerk in Sekundenbruchteilen jederzeit völlig reibungslos anspringen", sagt der Ingenieur.

Und so suchen die Entwickler nun nach bestimmten Zyklen, in denen der Vierzylinder-Verbrenner auch ohne Strom-Ebbe im Akku gestartet wird, damit sich das Öl wieder in den Zylinderbuchsen verteilt und sich die Benzinleitungen nicht zusetzen.

Viel Zeit bleibt Corsini und seinen Kollegen für diese Arbeit nicht mehr. Zwar sei die Ampera-Entwicklung trotz der wirtschaftlichen Turbulenzen voll im Plan, beteuert der Ingenieur, "aber bald sollen die ersten Prototypen im finalen Design und mit der kompletten Technik aufgebaut werden." Gibt es bei diesen Modellen keine böse Überraschungen mehr, kann Ende nächsten Jahres die Produktion des Chevrolet Volt beginnen, und im Jahr darauf der erste Opel Ampera vom Band laufen. Vielleicht wird es den Stromer auch als Taxi geben. Denn sobald der Range-Extender läuft, muss man selbst Nachtschichten in Frankfurt nicht fürchten.

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