Sprachsteuerung Smalltalk aus dem Handschuhfach

Sprechende Autos fuhren bislang Filmstars wie James Bond oder "Knight Rider" David Hasselhoff. Jetzt proben auch BMW und Mini den Dialog mit dem Fahrer. Und einige Wagen lernen sogar sprechen.

Hamburg - Die Passstraße ist kurvig. Alexander Huber hat alle Hände voll zu tun, um den BMW auf Kurs zu halten. Doch der Nachwuchs auf der Rückbank ist unerbittlich. "Papa, spiel uns die Silbermond", fordern die Kinder. Früher hätte Huber den Wunsch abschlagen oder mal kurz rechts ran fahren müssen; erst dann hätte er risikolos die Musikauswahl bedienen können. Heute dagegen kann der BMW-Entwickler weiter fahren und dennoch die Bitte der Fondbesatzung erfüllen. Denn: Dieser 7er arbeitet bereits mit der erweiterten Sprachsteuerung, die BMW ab September für sämtliche Modelle anbieten wird.

Noch ist das System weit entfernt vom freien Dialog zwischen Mensch und Maschine, und ohne einige - am besten auswendig gelernte - Schlüsselbegriffe geht es nicht. Doch muss man sich künftig nicht mehr durchs Menüdickicht des Bordcomputers schlagen, sondern kann das Begehr direkt platzieren. "Die Musiksuche unter den bis zu 2500 Titeln auf der Festplatte funktioniert auf Zuruf", sagt Huber, "das Scrollen durch schier endlose Listen ist passé."

Nicht minder komfortabel ist die neue Zieleingabe für das Navigationssystem, die Huber im Entwicklerjargon einen "One-Shot-Dialog" nennt. Um ein Ziel für die Routenberechnung einzugeben, muss man nun nicht mehr überdeutlich artikulieren und den Ortsnamen womöglich mehrmals wiederholen, sondern man spricht in fast vollständigen Sätzen: "Zielführung, Berlin, Potsdamer Straße 232", schon startet die Routenführung.

Bald nicht mehr manuell bedienen?

"Es ist eine fast schon philosophische Frage, wie man einen Dialog mit dem Auto gestaltet", sagt Entwickler Huber. "Will man mit dem Wagen frei reden wie einem Menschen oder bleibt er immer ein Kommandoempfänger?" fragt er - und liefert die Antwort gleich mit. In Zukunft werden die Sprachsysteme wohl mehr Schlüsselworte erkennen, was für den Fahrer bedeutet, dass er weniger Kommandos auswendig lernen muss. Andererseits werden Fahrzeuge noch lange nicht auf freies, ungestütztes Sprechen reagieren können. Sätze wie: "Ich glaube, ich hätte heute mal Lust, nach München zu fahren", werde ein Navigationssystem wohl auch in zehn Jahren nicht verstehen, prophezeit Huber.

Zugleich ist der Entwickler überzeugt, dass immer mehr Fahrer die Scheu überwinden und dem Auto Sprachbefehle geben werden, anstatt Tasten zu drücken oder Knöpfe zu drehen. Schon allein deshalb, weil es der Gesetzgeber irgendwann so fordern wird. "In Japan darf man schon jetzt viele Funktionen nicht mehr während der Fahrt bedienen, und auch in Europa hören wir solche Diskussionen", sagt Huber. "In zehn Jahren läuft beim Infotainment alles über Sprachbedienung."

Einfach nur ablesen ist offenbar zu normal

Zuhören können ist das eine, die Ingenieure bei der BMW-Marke Mini aber bringen den Autos sogar das Sprechen bei. Zu diesem Zweck debütiert jetzt die so genannte Mission Control, die Informationen aus dem Datennetz des Kleinwagens in Sprachkommandos umwandelt. Sobald man den Motor startet, erklingt eine freundliche Begrüßung. Beim Beschleunigen verkündet eine sonore Stimme das Tempo, und wenn es regnet, warnt der Wagen vor Glätte.

Dazu gibt es ein fröhliches Jauchzen, wenn man flott in die Kurven sticht, und wohlwollende Zustimmung, wenn an der roten Ampel die Start-Stopp-Automatik aktiv wird. Bei Bedarf streut der Bordcomputer auch ein paar Anekdoten aus der Mini-Geschichte ein.

Man kann Geschwindigkeit, Tankfüllstand oder Temperatur auch einfach vom Bordcomputer ablesen. Doch darum geht es offenbar gar nicht. Elektronikentwickler Fabrice Baradoux sagt es so: "Mit dem neuen System verleihen wir dem Mini eine ganz eigene Persönlichkeit."

Eigentlich hat der Kleinwagen sogar mehrere Persönlichkeiten. Weil die Entwickler den Fahrer nicht direkt ansprechen wollen, haben sie gleich drei Charaktere programmiert, die munteren Smalltalk aus dem Datenkästchen im Handschuhfach betreiben. "Insgesamt reagiert die Mission Control auf 120 Ereignisse, für die wir jeweils 15 bis 40 verschiedene Statements aufgenommen haben", erläutert Baradoux den Wortschatz. "So kommen wir auf über 1500 Sätze" - manch Schauspieler hat schon mit weniger Worten Karriere gemacht.

Gute Tipps statt zusätzliches Geschwätz

Wenn es um den Mini geht, muss man nicht alles allzu ernst nehmen. Doch anders als beim so genannten Open-Sun-Timer, der beim Mini Cabrio die Fahrstunden mit geöffnetem Verdeck zählt, ist der Sprachcomputer kein Komplett-Nonsens. "Die Hinweise zu Sicherheit und Effizienz haben durchaus einen Sinn", sagt Produktmanager Florian Reuter. Wer alle Tipps beherzige, könne den Verbrauch signifikant senken.

Das Projekt sprechendes Auto wurde bereits 2002 im BMW-Forschungszentrum Palo Alto gestartet. Jetzt erfolgt ein erster Markttest - zunächst im aktuellen Sondermodell Mini 50 Camden, mit dem BMW ab September das 50. Jubiläum des Kleinwagens feiert. Dabei solle es aber nicht bleiben, sagt Reuter. Während er und Baradoux dem Prototypen den letzten Schliff geben, arbeiten andere bereits an einer Nachrüstlösung für alle Mini.

Beredte Autos: Sprachsteuerung bei BMW und Mini

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