Mercedes-Forschung Nummer sicher

Airbags, ESP, Nachtsicht- und Spurführungsassistent - aber wer meint, die Sicherheitsentwickler seien jetzt mit der Arbeit fertig, irrt. 35 Jahre nach dem letzten Experimental-Sicherheitsfahrzeug zeigt Mercedes wieder eine Studie voller Ideen.

Stuttgart - Rudolfo Schöneburg klingt ein wenig geknickt. "Durch die Fülle der Sicherheitssysteme, die wir heute in unseren Serienfahrzeugen haben, ist der Eindruck entstanden, hier sei nicht mehr viel Neues zu erwarten", klagt der Leiter der Mercedes-Sicherheitsforschung. Knautschzone und Airbags sind schon lange Standard, das elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) ist auf dem besten Wege dahin, und selbst an automatische Spurführung, Nachtsichtsysteme und autonome Vollbremsungen gewöhnen sich immer mehr Autofahrer. Was also kann da noch kommen?

"Diese Wahrnehmung ist falsch", sagt Schöneburg. "Wir haben noch eine Fülle von Ideen." Dann lenkt er den Blick auf ein neues Forschungsfahrzeug, das Mercedes anlässlich der renommierten Sicherheitskonferenz ESV in Stuttgart präsentierte: In einem aktuellen Mercedes S 400 Hybrid brachten die Forscher ein gutes Dutzend Innovationen unter. Bisweilen skurril, visionär und für die ferne Zukunft gedacht, aber einige auch so überzeugend, dass es sie eigentlich längst geben müsste. Alle Neuheiten im Experimental-Sicherheitsfahrzeug ESF 2009 haben nur ein Ziel: Die Sicherheit zu erhöhen sowie Unfall- und Verletzungsrisiko zu mindern. Für Daimler-Chef Dieter Zetsche ist das "ein zentrales Element im Markenkern von Mercedes-Benz".

Metallstrukturen, die aufgehen wie Hefeteig

Weil der beste Unfall der ist, der gar nicht erst passiert, setzen die Entwickler vor allem auf weitere Assistenzsysteme zur Risikovermeidung. So wurden Netzwerke integriert, die sich direkt oder über Relaisstationen mit anderen Fahrzeugen austauschen und so etwa Warnungen über Glatteisstellen, Nebelbänke oder Stauenden übermitteln, empfangen und verarbeiten können.

Auch das Lichtsystem wurde auf die Gefahrenabwehr getrimmt. Es passt die Leuchtkegel nicht nur dem Wetter, der Straße und dem Verkehrsgeschehen an, sondern verfügt über einen zusätzlichen Punktstrahler, der Gefahrenstellen gezielt ausleuchtet. Erkennt das Nachtsichtsystem Fußgänger oder Wild auf der Straße, wird der Fahrer frühzeitig darüber ins Bild gesetzt. Dass selbst Kleinigkeiten helfen können, demonstrieren spezielle Reflektorstreifen zwischen Rad und Felge sowie in den Türdichtungen, mit denen - ähnlich wie heute schon beim LKW - die Silhouette eines Autos bei Nacht besser gesehen werden kann. Tagsüber sind die Spiegelstreifen übrigens kaum zu erkennen.

Kommt es doch zum Crash, wollen die Entwickler zum Beispiel die Stabilität der Karosserie erhöhen, ohne mehr Bauraum und Gewicht zu beanspruchen. Möglich machen das Metallstrukturen, die wie Airbags aufgeblasen werden können und sich damit in Sekundenbruchteilen zu stabilen Profilen entfalten. Nicht minder wirkungsvoll und unkonventionell ist der so genannte Breaking Bag im Unterboden. Mit einem speziellen Reibprofil wie an den Sohlen von Kindersocken quetscht er sich kurz vor einem prognostizierten Unfall unter das Auto und bremst so den Wagen ab. Angeblich hat die zusätzliche Verzögerung schon bei Tempo 50 km/h den gleichen Effekt wie 18 Zentimeter Knautschzone.

Noch mehr Airbags

Ebenfalls mindern lässt sich die Unfallschwere durch eine Erweiterung der Pre-Safe-Bremse, die bei einem bevorstehenden Crash automatisch in die Eisen steigt. Nachdem das System bislang nur nach vorn blickte, kann es künftig auch zur Seite und nach hinten linsen und den Wagen vor einer Kollision abbremsen. Das ändert zwar nichts am Einschlag, verhindert aber sogenannte Sekundärunfälle: Seitlich getroffene Autos werden dann womöglich nicht mehr auf eine Kreuzung geschleudert, und wer von hinten angestoßen wird, landet nicht mehr im Heck des Vordermanns.

Um das Verletzungsrisiko bei einem Crash zu reduzieren, achten die Sicherheitsforscher verstärkt auf die Sitzposition der Insassen: Spezielle Luftkammern in den Rückenlehnen sollen die Passagiere deshalb künftig bis zu fünf Zentimeter weiter zur Fahrzeugmitte schieben, um sie aus der Gefahrenzone zu bugsieren. Gleichzeitig könnten Airbagvorhänge zwischen den Sitzen verhindern, dass Fahrer und Beifahrer oder die Passagiere im Fond bei einem Seitenaufprall kollidieren und sich gegenseitig verletzen. Auch an die jüngsten Passagiere wurde gedacht: Deshalb gibt es im ESF 2009 eine neuartige Generation variabler Kindersitze. Und statt eines zusätzlichen Innenspiegels sitzt am Dachhimmel eine Überwachungskamera, deren Bild direkt ins Cockpit übertragen wird.

Viele der Ideen mögen erstaunlich klingen, aber sie seien "keineswegs verrückt", unterstreicht Mercedes den Ernst der Entwicklungen. Dabei sind die Experten durchaus gewohnt, dass man über sie und ihre Innovationen lächelt. Spätestens seit sie in den siebziger Jahren sogar Papageien als Probanden für Explosionsversuche einsetzten, galten diese Experimente für manche als Zirkusnummern. Doch sind die Kritiker längst verstummt. Was damals für Kopfschütteln sorgte, führte zu einem System, das heute als wichtiger Lebensretter gilt: dem Airbag.

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