Lotus Evora Pole-Position-Gefühl für vier

Viersitzige Sportwagen sind en vogue. Da will auch die britische Marke Lotus nicht länger abseits stehen. Das neue Modell Evora ist ein puristischer Renner, der etwas hat, was die anderen Autos von Lotus nicht haben: eine Servolenkung.

Hethel - Während in der Autobranche Stellen gestrichen, Arbeitszeiten verkürzt und Kapazitäten beschnitten werden, stöhnt Tony Shute vor lauter Arbeit. Er ist Projektleiter der englischen Marke Lotus und macht derzeit Überstunden ohne Ende. Außerdem sucht er händeringend neue Mitarbeiter, denn gerade wird eine zweite Fertigungslinie eingerichtet. Der Grund: das neue Modell Evora. Auf einer eigenen Plattform und zugeschnitten für ein neues Segment soll die erste Lotus-Novität seit mehr als zehn Jahren die Produktion der Firma von knapp 3000 auf rund 5000 Fahrzeuge im Jahr katapultieren. Kurz: Der Evora soll Lotus die Zukunft sichern.

Waren Lotus-Fahrer bislang leidgeprüfte Genießer, die den Fahrspaß in den Brit-Sportlern mit schmerzenden Knochen bezahlen mussten, baut die Marke nun zum ersten Mal seit mehr als 15 Jahren ein fast schon geräumiges und bequemes Auto - für die vorne Sitzenden. Der 2+2-Sitzer ist 4,34 Meter lang und nur 1,22 Meter hoch - dennoch gibt es im Fond eine Art Strafbank für die Mitfahrer drei und vier. Auf dem Fahrersitz jedoch geht es vergleichsweise kommod zu, sogar Kopf- und etwas Beinfreiheit sind vorhanden.

Anders als die bisherigen Modelle der Marke ist der Evora nicht nur von außen eine Schönheit, sondern auch innen gibt es schicke Details und nicht nur nackte Funktion wie sonst bei Lotus. Statt der üblicherweise knochenharten Sitzschalen sind die Sitze und das Lenkrad mit weichem Leder bezogen, alle Metallkonsolen wurden aus dem Vollen gefräst und die ebenfalls metallenen Schalter darin hübsch versenkt. Dass die Instrumente und auch der Zündschlüssel etwas billig wirken und sowohl Ables- als auch Bedienbarkeit noch nicht perfekt sind, nimmt man beinahe zustimmend in Kauf.

Nach dem Einsteigen wähnt man sich auf der Piste

Doch auch die zaghaften Zugeständnisse an den Alltagsnutzen können nicht darüber hinweg täuschen, dass der Evora ein waschechter Sportwagen ist. Kaum lässt man den zwischen Rückbank und Hinterachse plazierten Motor an, kommt das Pole-Position-Gefühl hoch. Die Warnleuchten im Cockpit leuchten auf, die Drehzahl jagt nach oben und dann geht es los, als habe sich irgendwo eine Startflagge gehoben.

Dass der 3,5 Liter große V6-Motor üblicherweise leise und kultiviert bei Toyota und Lexus säuselt, merkt man nach der Verpflanzung in den Lotus nicht mehr. Vor allem wenn man der Maschine per Sporttaste ein großzügigeres Limit spendiert, kurbelt der 280 PS starke Sechszylinder wie eine rasende Drehorgel, die Nadel des Drehzahlmessers springt ruckartig weit über 6000 Touren und maximal 350 Nm katapultieren den Evora nach vorn: Nur 5,1 Sekunden braucht er für den Spurt auf Tempo 100, die Endgeschwindigkeit ist bei 261 km/h erreicht.

Dabei klebt die Flunder förmlich auf der Straße, nimmt jede Unebenheit nahezu ungefedert und lässt sich selbst mit der für einen Lotus völlig ungewohnten Servolenkung präzise dirigieren. Nur wenn der Belag allzu wellig ist, wird der Evora leicht und unruhig. Dass der Wagen so handlich und agil ist, liegt nicht nur am kompakten Format und dem potenten Motor. Es liegt auch am Gewicht. Dank Aluchassis und Kunststoffkarosse bringt es der Evora lediglich auf knapp 1400 Kilogramm und ist damit etwa zehn Prozent leichter als die meisten anderen Fahrzeuge in dieser Leistungsklasse.

Sprintwerte wie ein Ferrari

Es fällt allerdings nicht leicht, dieses Auto einzuordnen. "Es gibt keinen zweiten Mittelmotorsportwagen mit vier Sitzen auf der Welt", sagt Shute. Und ein Auto mit den Sprintwerten eines Ferrari zum Preis einer Mittelklasselimousine muss man ebenfalls lange suchen - schließlich gibt es den Evora ab 63.500 Euro.

Außerdem wirkt das nach Lotus-Maßstäben komfortable Auto im Vergleich zu Sportwagen aus der Großserie wie ein puristischer Rennwagen. Selbst Autos wie ein Porsche 911 GT3 oder ein Lamborghini Gallardo fühlen sich gegenüber dem flotten Vierer aus Hethel weichgespült und angepasst an.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Das zweite Alleinstellungsmerkmal ist der Verbrauch. "8,7 Liter und ein CO2-Ausstoß von 205 Gramm pro Kilometer, das ist in dieser Liga einzigartig", sagt Produktplaner Rob Savin. "Kein anderer Sportwagen bietet ein besseres Verhältnis von Effizienz und Emotion." Selbst wenn der Verbrauchswert auf dem Bordcomputer nach einem scharfen Ritt durch die schottischen Highlands durchaus mal zweistellig wird, bliebt der Evora grundsätzlich zurückhaltend in Sachen Verbrauch. Andere Sportwagen schlucken mindestens zwei, drei Liter mehr.

Vor allem diese Eigenschaft stimmt Projektleiter Shute zuversichtlich. Die Zahl der Vorbestellungen gibt ihm recht. "Für dieses Jahr ist der Evora schon fast ausverkauft", sagt Lotus-Sprecher Andreas Männer. Die Pläne mit dem Evora sind selbstbewusst: Bald soll es einen reinen Zweisitzer geben, dann ein Cabrio und schließlich auf dieser Plattform auch einen Nachfolger des legendären Esprit. Und vielleicht ist sogar eine neue Rolle in einem der nächsten James-Bond-Filme möglich. Denn Roger Becker, der Stuntfahrer im 007-Klassiker "Der Spion, der mich liebte" ist heute bei Lotus technischer Direktor.

Lotus Evora: Der Vier-Sitze-Flitzer in Bildern

Mehr lesen über Verwandte Artikel